Kritik: Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie @Residenztheater

Foto: Pohlmann

Ivanas Kritik – Besuchte Vorstellung: 14. Januar 2018


Das Stück beginnt beiläufig, da die Bühne schon beim Eintreten in den Saal offen steht und die Schauspieler bereits auf ihr herumlaufen. Nach einiger Zeit geht das Licht im Zuschauerraum aus und nach weiteren Minuten tritt ein sechster Schauspieler auf, der den Beginn einläutet. Wir sind in einem Büro, die fünf Männer wollen ein Theaterstück schreiben und sammeln Ideen. Die Frau macht erst einmal nur Kaffee oder bringt Wasser. Das Thema „Lehman“ für ihr Stück, steht schnell fest und so beginnen sie die Geschichte zu erzählen, in dem drei der Männer die drei Lehman Brüder verkörpern. Im Laufe des Stückes übernimmt jeder der Schauspieler viele verschiedene, auch geschlechtsunabhängige Rollen. Trotzdem spielt jeder eine große Figur, die nur er verkörpert. Diese wichtigen Figuren werden teilweise von Kindesbeinen an dargestellt oder erst wenn sie eine Rolle für die Bank spielen. Alle werden jedoch bis zu ihrem Tod gespielt. Die große Leinwand stellt den Hintergrund der Bühne dar, auf ihr sind durchgehenden Videoinstallationen zu sehen. Wenn eine Figur verstirbt, erscheint auf der Leinwand, in großen Buchstaben der Name des Verstorbenen und dessen Geburts- und Todesdaten, als Abschluss der Rolle.
Außerdem, als Bestätigung für den Zuschauer, dass er versteht, um wen es gerade geht und wer wann verstorben ist. Durch die vielen Rollenwechsel, die Schnelligkeit des Stückes und die verschiedenen, ähnlichen Namen kommt es immer wieder zu Verwirrungen.

Auch das Thema des Stückes, die Finanzwelt, und wie der Name schon sagt, der „Aufstieg und Fall einer Dynastie“, die komplexe Geschichte dahinter und die über drei Stunden an Text, bringen den Zuschauer durcheinander. Für mich aber passend, weil genau diese Welt auch so schnelllebig ist und oft nicht nachvollziehbar, für die „normalen“ Bürger. Es werden immer wieder Unsummen an Geld genannt oder mit Scheinen geworfen, was den Stand der Bank verdeutlicht und in welcher Liga sie mitspielt: Ganz oben, wo die kleinen Leute nicht mehr gesehen werden und wo es nur noch um immer mehr geht. Zuletzt wird auch der Wahnsinn dargestellt, der durch die Verantwortung für so viel Geld ausgelöst wird, oder wenn man dabei ist, es zu verlieren.

Außerdem außergewöhnlich ist die Zusammenarbeit der Aufführung mit der Videoinstallation. Auf der Leinwand ist fast durchgängig ein passender Hintergrund zur jeweiligen Zeit zu sehen. Immer im richtigen Moment werden dort auch tragende Elemente dargestellt, wie der Brand auf der Baumwollplantage oder der Börsencrash 1929. Es wird sogar von den Schauspielern live auf der Bühne gefilmt und auf die Leinwand übertragen. Die Videosequenzen sind so genau und durchdacht, dass sie zu jeder Zeit zur Szene passen und diese noch viel stärker machen. Das Bühnenbild an sich ist simpel: Zunächst sind auf der Bühne nur ein Schreibtisch und eine Sitzecke, die ganz vorne stehen, so wirkt die Bühne groß und im Hintergrund hängt nur die Leinwand. Später wird ein Raum immer wieder aus dem Boden auf die Bühne hochgefahren, der auch nochmal bewegt und gedreht wird, während die Schauspieler auf, in, hinter und vor ihm spielen. Rechts und links am Bühnenrand, kann man andere Requisiten sehen, die immer wieder gebraucht oder weggelegt werden. Teilweise ziehen sich die Darsteller dort auch um, was sichtbar ist für das Publikum und wieder die Leichtigkeit des Stückes betont. Meiner Meinung nach, einer der großen guten Aspekte des Stückes. Es wirkt ausnahmsweise nicht erzwungen und perfekt gewollt. Die Darsteller essen und trinken beiläufig auf der Bühne, husten, niesen, leben einfach wie normale Menschen.

Die Souffleuse wird auch vier bis fünf Mal gebraucht und bekommt am Ende sogar einen eigenen Applaus. Es geht nicht darum, dass keine Fehler gemacht werden dürfen oder die Aufführung perfekt ist, sondern um die Geschichte, die erzählt wird. Das finde ich besonders wichtig. Tatsächlich ist das Stück auch witzig. Es werden so viele gute und lustige Ideen verarbeitet, dass man stellenweise wirklich lachen muss. Auf der anderen Seite, werden auch die Abgründe der Menschen aufgezeigt.

Zudem sind alle wichtigen Momente auf dem Weg von einer Idee im 19. Jahrhundert zu einem Imperium mit über 28.000 Angestellten, 150 Jahre später, dargestellt. Wie alles begonnen hat und die Entwicklung, von einer Stufe zur nächsten. Das Ende der Bank 2008, von dem man denken könnte, es würde eine große Rolle spielen, wird nur in den letzten Sätzen erwähnt. Dann wird der Anfang nochmal aufgegriffen, in dem die Leute in dem Büro das Theaterstück fertig schreiben und ausdrucken.

Zusammenfassend sehr unterhaltsame drei Stunden, über ein Thema, von dem man dies nicht erwarten würde. Außerdem ein Thema, welches im Theater nur sehr selten behandelt wird. Ein Stück dieser Art habe ich das erste Mal gesehen, unter anderem da der Regisseur erstaunlich viele wirklich gute Ideen hatte, die er unterbringen konnte. Ich war überrascht, wie gut es war und ich fühlte mich sogar inspiriert, was ich schon eine Weile nicht mehr erlebt hatte.

Zur Inszenierung

Von Stefano Massini // Premiere am 29 Juni 2016 // Vorstellungsdauer ca. 3 std. – eine Pause

Regie: Marius von Mayenburg
Bühne & Kostüme: Nina Wetzel
Licht: Gerrit Jurda
Musik: Malte Beckenbach + Nils Ostendorf
Video: Sebastien Dupouey
Dramaturgie: Laura Olivi

mit
Michele Cuciuffo
Philip Dechamps
Gunther Eckes
Thomas Gräßle
Katrin Röver
Lukas Turtur

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