Kritik: Juliet & Romeo @Kammer 2

Foto: Orpheas Emirzas

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 26. November 2018

Die berühmte Liebestragödie der star-crossed lovers Romeo und Julia wird an den Münchner Kammerspielen von Trajal Harrell in Bewegung übersetzt. Gesehen habe ich diese Inszenierung nun gut ein Jahr nach ihrer Uraufführung und kurz nachdem ich durch eine Reise zu Shakespeare’s Globe in London und die Besprechung des Dramas in der Uni den Shakespeare Text wieder einmal gelesen und nach einem neuen Zugang gesucht habe.

Harrells erstes Werk an einem deutschen Stadttheater kommt fast ohne das gesprochene Wort aus. Die wenigen Verse, die in Juliet & Romeo gesprochen werden, passen auf zwei DINA4 Blätter und werden zu Beginn des Stücks mit englisch/deutscher Übersetzung im Publikum verteilt. Während der Vorstellung halte ich diese Zettel aber für relativ sinnlos, denn das männliche Ensemble erzählt die Geschichte durch ihre Körper und Bewegungen von ganz alleine.  

Juliet & Romeo fokussiert sich auf den Tod und eine Trauer, die nicht vorbei geht

Trotzdem, oder vielleicht deswegen, vermittelt mir der Abend mehr eine Atmosphäre als eine klare Handlung. Es gibt Momente, in denen ich verstehe wer jetzt grade welche Figur verkörpern soll und was passiert, aber hauptsächlich sehe ich mich als Zuschauerin, im Verlauf des Abends, mit Motiven wie dem Tod und der Trauer um Verstorbene konfrontiert. So habe ich mich am Anfang des Stücks ein paar Mal gefragt welche Szene des Shakespeare Textes das jetzt wohl grade sein soll, bis mir aufgefallen ist, dass es vielleicht gar nicht darum geht. Dann habe ich mich einwickeln lassen in die hervorragend verkörperte Totenklage und festgestellt, wie real und ehrlich Schmerz hier dargestellt wird: Als etwas, das nicht in ein paar wenigen Versen ausgedrückt werden kann, sondern als etwas, das sich zwar in seiner Ausprägung verändert, aber doch bleibt.

Durch das Stück führen lässt man sich als Zuschauer von der Amme (verkörpert von Trajal Harrell selbst), die mir sehr viel zentraler vorkommt als im Dramentext, aber durch ihre aufrichtige Teilhabe an Julias (und Romeos) Schicksal nur zur einem authentischen Abbild der Konflikte und Geschehnisse beiträgt. Harrell macht in Juliet & Romeo auch sonst vieles selber. Neben der Inszenierung und Choreografie ist er für die Musik verantwortlich, deren Rhythmen und verschiedene Stile mich festhalten und die Bewegungen teilweise untermalen, manchmal aber auch alle Aufmerksamkeit auf sich selbst ziehen.

Bühne und Kostüm finde ich der Inszenierung jedoch ein wenig abträglich. Zwei in den Boden eingelassene, leuchtende Gemälde (bei denen mir sehr spät aufgefallen ist, dass sie Gräber darstellen könnten) sowie wenig kunstvoll drapierte Laken im Hintergrund und ein Haufen kleinerer Requisiten wie goldene Teller wirken auf mich chaotisch und nehmen dem Tanz an manchen Stellen die Wirkungskraft. Auch das Kostümbild hat zu viele Brüche: Die modernen Kostüm-Designs zu Beginn des Abends passen in die Atmosphäre, die später verwendeten antik-aussehenden Tücher wirken fehl am Platz und scheinen wie ein missglückter Versuch, noch eine andere Epoche abzudecken.

Juliet & Romeo ist dennoch eine sehenswerte Inszenierung, die nicht durch Handlung sondern durch die Vermittlung von zentraleren Themen besticht. Jetzt möchte ich auch dringend Harrells neues Werk „Morning in Byzantium“ sehen, bei dem übrigens auch unsere Theatertante Theresa eine Regiehospitanz gemacht hat.

Zur Inszenierung

Juliet & Romeo // Münchner Kammerspiele – Kammer 2 // UA/Premiere: 25. Oktober 2017 //

Studierendenkarten: 6€; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunde 15 min (keine Pause)

Inszenierung, Choreografie, Kostüme, Musik: Trajal Harrell
Bühne: Erik Flatmo, Trajal Harrell
Licht: Stéfane Perraud
Dramaturgie: Katinka Deecke

mit

William Bartley Cooper
Trajal Harrell
Thomas Hauser
Max Krause
Cecil Loresand
Jeremy Nedd
Benjamin Radjaipour
Damian Rebgetz
Ondrej Vidlar

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