Kritik: Mittelreich @Kammer 1

Foto: Judith Buss

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 15. April 2018

Hör dir hier Theresas Kritik an!

Schon der Einstieg zieht sich in die Länge – juhu. Bis die tatsächliche Handlung beginnt vergeht eine ganze Weile, die von einer Art Kirchenchorgesang geprägt ist. Sobald das Stück ins Rollen kommt, wird es auch sogleich wieder langsamer. Eine kurze Phase der Anspannung, aber auch Unterhaltung verfliegt und schwingt über in eine unzufriedenstellende Handlung.

Da weder Handlung noch Dialog mich abholen, nehme ich mir die Zeit das Bühnenbild und die Schauspieler*innen genauer zu betrachten. Es ist erstaunlich, wie gewohnt es für unseren Blick ist nur weiße Schauspieler*innen auf der Bühne zu sehen. Hier spielen nur schwarze Schauspieler*innen und es ist erschreckend, wie ungewohnt dieser Anblick in der deutschen Theaterszene ist. Nachdem ich meinen Gedanken sortiert habe, versuche ich mich wieder mehr auf das Geschehen zu konzentrieren. Aber was auch immer ich tue, ich verstehe den Reiz der Inszenierung nicht.

Ich weiß, dass diese Inszenierung bereits mit einer weißen Besetzung existiert und nun mit dieser neuen Besetzung wiederum zu dem Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Nun habe ich noch mehr das Gefühl etwas zu übersehen oder etwas komplett misszuverstehen. Das einzig bahnbrechende und bemerkenswerte ist für mich ist, dass es keinen Unterschied zu machen scheint, ob die Figuren von schwarzen oder weißen Schauspieler*innen verkörpert werden. Natürlich ist das eine wichtige Aussage, aber die zweifache Auszeichnung der Inszenierung erübrigt sich mir dennoch nicht.

Am störendsten empfinde ich die oberflächliche Abhandlung von wichtigen und sensiblen Themen. So wird Vergewaltigung von und durch mehrere Geschlechter, Erbrechtsstreit und die Rolle der Frau neben zahlreichen weiteren Problematiken mehr angeschnitten, als wirklich behandelt.

Die schnellen Sprünge zwischen diesen Themen wirken sehr willkürlich und ermüdend auf mich.  Es fällt mir unter anderem deswegen sehr schwer mich zu konzentrieren, aber ich scheine nicht die Einzige zu sein. Um mich herum sehe ich immer mehr nach vorne nickende Köpfe und Menschen, die versuchen ihre Körper in eine einigermaßen angenehme Position zurecht zurücken.

Sobald das Licht ausgeht und der Applaus beginnt, bin ich einerseits froh, dass es vorbei ist, andererseits werde ich das vorhin erwähnte Gefühl nicht los, etwas übersehen zu haben, das diese Inszenierung so besonders machen soll.

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 15. April 2018

Vielleicht lag es an meiner Müdigkeit, der geringen Beinfreiheit und den damit verbundenen schmerzenden Knien oder meinen zu hohen Erwartungen, aber zum ersten Mal hatte ich wirklich das Bedürfnis die Kammerspiele in der Pause zu verlassen.

Weder die Geschichte, noch die Bilder noch irgendetwas an diesem Abend hat mir eine Erklärung geben können, warum dieses Stück zum Theaterfestival eingeladen wurde.

Vielleicht bin ich auch zu blind und ich übersehe DEN Schlüsselmoment, aber die Gesamtkonzeption des Abends und die Bedeutsamkeit der Wiederaufnahme ist für mich in keinster Weise nachvollziehbar. Vielleicht hat es eine andere Wirkung, wenn man die erste Version schon gesehen hat, aber dieser Vergleich ist mir leider nicht möglich.

Ein paar Gedankenstränge wurden angedeutet aber nicht zu Ende geführt, nicht wieder aufgegriffen oder weitergedacht. Da gab es grundsätzlich erstmal zwei Kriege, die während der gespielten Zeit stattfanden. Dann war auch die Misshandlung durch Priester, die Misshandlung durch eine Frau und die Misshandlung durch die „Russen“ mit im Themen Kanon. Die Rolle der Frau in der Ehe wurde angeschnitten, die Bedeutung der Geburt eines Sohnes im Vergleich zu der einer Tochter. Dann wurde noch das Erbrecht noch in Frage gestellt, das Leben auf dem Bauernhof im Allgemeinen und das Schweineschlachten durfte auch nicht fehlen. Nach und nach verließen die Schauspieler*innen die Bühne und setzten sich in den Orchestergraben.

Alles ja grundsätzlich Themen, die spannend zu inszenieren und wichtig zu thematisieren sein können, aber wieso nur alles ein bisschen und nicht eins wirklich?

Irgendwas scheint dieses Stück ja an sich gehabt zu haben, schließlich wurde es schon einmal eingeladen, aber warum jetzt noch ein zweites Mal? Weil jetzt alle Mitwirkenden eine dunkle Hautfarbe haben? Die Hauptfarbe spielte in diesem Stück doch keine Rolle. Ob dunkele, helle oder gescheckte Schauspieler auf der Bühne stehen, ist doch völlig egal. Wenn das Stück so oder so, weder eine Botschaft noch ein Gefühl übermittelt.

Zur Inszenierung

Nach dem Roman von Josef Bierbichler, nach der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler

Inszenierung: Anta Helena Recke
AM FLÜGEL: Romy Camerun, Miriel Cutiño Torres
PAUKE: Jan Burkamp
CHORAUFNAHME: Junges Vokalensemble München
CHORLEITUNG: Julia Selina Blank
BÜHNE: Duri Bischoff
KOSTÜME: Pascale Martin
MUSIKALISCHE LEITUNG „MITTELREICH“ VORLAGE: Bendix Dethleffsen
MUSIKALISCHE LEITUNG „MITTELREICH“: Prisca Mbawala-Dernbach
LICHT: Jürgen Tulzer
DRAMATURGIE „MITTELREICH“ VORLAGE: Johanna Höhmann
DRAMATURGIE „MITTELREICH“: Julian Warner

Mit:
Yosemeh Adjei
Victor Asamoah
Ernest Allan Hausmann
Jerry Hoffmann
Moses Leo
Isabelle Redfern

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