Kritik: Ein Volksfeind @Residenztheater

Foto: Matthias Horn

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 3. Dezember 2018

Die Mehrheit hat die Macht, aber sie hat nicht das Recht. Denn die Mehrheit sind die Dummen.

Von der Regisseurin Mateja Koležnik habe ich vor Ein Volksfeind schon ihre König Ödipus Inszenierung am Residenztheater gesehen. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen, denn ihre Sophokles Interpretation hat mich damals überzeugt – und das nicht nur wegen Raimund Orfeo Voigts grandioser Bühne.

Trotzdem ist es natürlich sehr erfreulich, dass Voigt auch bei Ein Volksfeind wieder für das (überragende) Bühnenbild zuständig gewesen ist. Die Schauspieler*innen bewegen sich ausschließlich in einem sich drehenden rechteckigen Glaskasten, der einen Großteil der Bühne einnimmt. Darin befindet sich ein zweiter Kasten, dessen graue Wände wie die Innenwände eines Haus wirken und auf den langen Seiten mit wenigen Türen ausgestattet sind, durch die die Darsteller*innen auf und abgehen. Dabei scheinen sie im Nichts zu verschwinden; der uneinsichtige Innenraum des Kastens wirkt wie ein schwarzes Loch. Die sterile Atmosphäre, die auch mit der dunklen Businesskleidung der Schauspieler*innen zusammenhängt, erinnert an König Ödipus. Aufgrund der räumlichen Trennung vom Publikum wird der Ton durch Mikros verstärkt – an diesen Klang musste ich mich erstmal wieder gewöhnen.

Die Inszenierung ist dynamisch, hat keine Längen und ein handlungsvoller Moment löst den anderen ab. Bei einer solchen Dynamik ist der Glaskasten eine Herausforderung: Es ist eng, man muss sich aneinander vorbeiquetschen und ich hatte das Gefühl, dass die Bewegungen eigentlich eingeschränkter wirken müssten, als sie es tun – Chapeau!
Ibsens Text ist klar und verständlich, man versteht schnell auf welche Seite man sich schlagen könnte und wer welche Absichten verfolgt. Unter anderem diese Banalität führt zu einer kuriosen Art von Komik. Eine Art von Komik, aufgrund derer Ibsen sich selber nicht mal komplett sicher war, ob sein Drama nun eine Tragödie oder Komödie sein soll. Mir scheint es dennoch, als ob Koležnik den Fokus in ihrer Inszenierung auf das tragische Moment legt. Lustige Momente entstanden eher durch Bewegungen als durch bewusst komisch inszenierte Textpassagen.

Stockmanns Rede vor der Bürgerversammlung, die für mich den Höhepunkt des Abends bedeutet, spielt zu großen Teilen in dem kleinen Kasten im Innern des Glaskastens – ist für das Publikum also oft nicht sichtbar. Hier fühle ich richtig mit. Ich ärgere mich darüber, dass die guten Absichten einer Person an einer Mehrheit scheitern müssen, die nur an ihr eigenes Wohl denkt. Und ich ärgere mich darüber, dass diese Mehrheit natürlich auch irgendwie eine nachvollziehbare Meinung vertritt, aber nichtmal versucht, die Absicht des Einzelnen zu verstehen. Am meisten ärgere ich mich aber darüber, dass da so viel Wahres dran ist. Und zwar, obwohl mich der Satz „Dieses Stück ist gerade jetzt aktuell und wichtig“ oft richtig nervt. Denn vorallem Ibsens Volksfeind hat inszenatorisch schon einiges mitgemacht und wurde auf viele Weisen interpretiert, die mit Sicherheit nicht in Ibsens Sinne waren. Mir gefällt, dass Koležnik dem Stück keinen aktuellen Diskurs beimischen muss, damit es funktioniert. Sie lässt es in seiner puren Großartigkeit stehen und schafft damit eine Wahrheit, die andere Inszenierungen mit einem hohen Anspruch an Aktualität, niemals erreichen.

Zur Inszenierung

Ein Volksfeind von Henrik Ibsen // Residenztheater München // Premiere: 24. Februar 2018 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunde 30 min (keine Pause)

Regie: Mateja Koležnik
Bühne: Raimund Orfeo Voigt
Kostüme: Alan Hranitelj
Choreographie: Magdalena Reiter
Musik: Michael Gumpinger
Mitarbeit Sprachregie: Andreas Sippel
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Götz Leineweber

mit

Thomas Schmauser: Doktor Tomas Stockmann, Badearzt
Katharina Pichler: Katrine Stockmann, seine Frau
Lilith Häßle: Petra, ihre Tochter, Lehrerin
Thomas Huber: Peter Stockmann, der ältere Bruder des Doktors und Bürgermeister
Paul Wolff-Plottegg: Morten Kiil, Gerbermeister, Katrine Stockmanns Pflegevater
Till Firit: Hovstad, Redakteur des „Volksboten“
Thomas Lettow: Billing, Mitarbeiter des „Volksboten“
Bijan Zamani: Kapitän Horster
Thomas Gräßle: Buchdrucker Aslaksen

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