Kritik: Cavalleria Rusticana/ Der Bajazzo @OperKiel

Foto: Olaf Struck

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 22. September 2018

Spielzeiteröffnung in Kiel

Mit Opern habe ich tatsächlich noch gar nicht so viel am Hut gehabt, aber die Spielzeit-Eröffnung in meiner Heimatstadt Kiel konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.
Und wer von den Kieler*innen auch mal in die Opernwelt eintauchen will, der/die darf sich diesen Abend auch nicht entgehen lassen. Es ist auch wirklich etwas für ungelernte Opern Ohren.

Es sind zwei Eifersuchtsdramen voll enttäuschter Liebe, Eifersucht und Herzschmerz. Die ungeheure Dramatik und die Emotionen spiegeln die Musik dazu wahnsinnig einnehmend wieder. Es ist das dritte Mal, dass der Regisseur Fabio Ceresa am Kieler Opernhaus inszeniert und dieses Mal ist es der Doppelabend „Cavalleria Rusticana/ Der Bajazzo“ geworden. Die beiden Stücke gehören zur „italienischen DNS“, sagt der als „bester Nachwuchsregisseur Europas“ ausgezeichnete junge Künstler und dieses italienische Gefühl hat er nun in den Norden gebracht.

Dramatik am Osterfest: „Cavalleria Rusticana”

Zur Story: Die schwangere Santuzza wird von ihrem Liebhaber Turiddu verlassen, denn der lässt sich auf die verheiratete Lola ein. Santuzza verrät diese Affäre an den Ehemann von Lola, der wiederum Rache schwört und Turiddu im Duell ersticht.
Es geht also ordentlich zur Sache in der Oper aus dem 19. Jahrhundert.
Ceresa wählt als Szenerie einen Kirchenraum und spielt gekonnt mit Kontrasten, die er durch ganz fein abgestimmte Beleuchtung kreiert. Einen weiteren Kontrast setzt der Ausstatter Giuseppe Tellos mit den pompösen Kostümen der Hauptcharaktere und dem schlichten schwarzen Kleid des Chors. Dieser Chor erlangt mit rund einem Viertel an Episoden eine enorme Kraft. Die verlassene Santuzza wird von der Mezzosopranistin Cristina Melis verkörpert. Oft empfinde ich die Gefühle in der Oper als ein bisschen zu dick aufgetragen gespielt, aber Cristina Melis belehrt mich eines Besseren: Ihre Stimme überträgt die Gefühle der Santuzza unmittelbar und sehr berührend.

Theater im Theater: „Der Bajazzo“

Von der eher naturalistischen Szenerie der Cavalleria verschiebt Ceresa nun den Fokus in die bunte Welt einer Commedia de‘ll arte-Gruppe.
(Was die Commedia dell’arte ist, könnt ihr weiter unten nachlesen.)

Eine Truhe steht in der Mitte des Bühnenraums, aus der die Charakterfiguren der Commedia de‘ll arte zum Vorschein kommen und das Stück einleiten. Doch hinter der fröhlichen Fassade der kostümierten Columbina, Bajazzo und Co. sieht es nicht so glitzernd aus, wie auf der Bühne: Nedda, die die Columbina spielt, ist die Frau des Truppenleiters Canio, der die Rolle des Bajazzo übernimmt. Doch Nedda liebt einen Bauern namens Silvio und plant nach der Vorstellung mit ihm fortzugehen. Drei Männer  und eine Frau – das kann nicht gut gehen.

Die private Krise können die Liebenden nun nicht mehr länger von ihrem Berufsleben trennen: Den Spruch „Never F*** the company“ hätten sie sich mal zu Herzen nehmen sollen – aber sowas soll vorkommen. Dann müssen die Kolleg*innen zu Gunsten des Berufs/ des Spiels eigene Emotionen zurückstellen und das ist alles nicht so einfach. Canio erträgt das alles nicht mehr und besingt seine Gefühle in der Arie „Ridi, Bajazzo“ („Lache, Bajazzo“). Dario Proja gelingt es, die Zerrissenheit des Künstlers in sich aufzunehmen und an das Publikum weiterzugeben. Die Arie war für mich der Höhepunkt des zweiten Teils des Abends. Doch die Geschichte endet alles andere als glücklich. Canio tötet vor lauter Eifersucht seine Frau während einer Aufführung und die Fassade seiner Figur verschwindet vor Augen des Publikums.
Wieder sind die Kostüme an Detailreichtum nicht zu toppen. Unter den bunten Kleidern der Commedia-Figuren stecken die Charaktere in schwarzen Gewändern. Der Kontrast zwischen den zwei Rollen wird dadurch wunderbar deutlich.

Good to know:

Ein bisschen was aus der Theatergeschichte:
Die Commedia dell‘arte:

  • Entstand in der Mitte des 16. Jahrhunderts in Norditalien
  • Bezeichnet Wandertruppen aus Berufsschauspieler*innen
  • Fundament der Aufführung ist ein Scenario, der Rest ist Improvisation
  • Die Figuren sind immer dieselben, egal welche Wandergruppe es spielt
  • Themen sind Liebesgeschichten, Verwicklungen und Intrigen
  • Große Bedeutung hatten die Masken und Kostüme, der starke Ausdruck durch Mimik und Gestik, sowie akrobatische Elemente

Zur Inszenierung

Cavalleria Rusticana/ Der Bajazzo // OperKiel // Premiere: 22. September 2018 //

Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden 30 min (eine Pause)

Musikalische Leitung: Georg Fritsch, Yura Yang, Moritz Caffier
Regie: Fabio Ceresa
Choreografie: Mattia Agatiello
Bühne: Massimo Checchetto
Kostüme: Giuseppe Palella
Choreinstudierung: Lam Tran Dinh
Licht: Georg Tellos

Mit

Christina Melis: Santuzza
Yoonki Baek, Dario Prola: Turiddu
Gabriele Vasiliauskaite: Lucia
Stefano Meo: Alfio
Tatia Jibladze, Julie Caffier: Lola

Agnieszka Hauzer, Vigdis Unsgård: Nedda
Dario Prola: Canio
Stefano Meo: Tonio
Fred Hoffmann, Michael Müller-Kasztelan: Beppe
Sihao Hu, Hannes Öberg: Silvio
Chor Opernchor und Extrachor des Theaters Kiel
Kinder und Jugendchor der Oper Kiel

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