Kritik: Geschlossene Gesellschaft @Akademietheater Mitte

Foto: Dani Apitzsch

Ivanas Kritik –Besuchte Vorstellung: 05. Dezember 2018

Hör dir hier Ivanas Kritik an!

„Die Hölle, das sind die anderen.“

„Geschlossene Gesellschaft“, eines der Dramen vom großen Jean-Paul Sartre. Hier in der Theaterakademie August Everding umgesetzt.
Ich wusste überhaupt nicht, was auf mich zukommen würde. Dieses Mal hatte ich mich wenig auf den Abend vorbereitet und war bereit, überrascht zu werden.

Als man die Halle betrat, wurde man direkt von einem etwas zu ernsten jungen Mann darauf hingewiesen, genug Abstand zum Objekt in der Mitte zu halten. Dort stand ein viereckiger Kasten, groß, mit halb durchsichtigen Stoffwänden an jeder Seite. So hoch, dass ein Mensch locker darin stehen konnte. Es begann mit Videoprojektionen auf die vier Wände, von denen ich ja größtenteils ein ganz großer Fan bin. Nicht. Auch hier haben sich mir diese 5 Minuten nicht unbedingt erklärt, genauso wenig wie die Frischhaltefolie, auf die ich noch zu sprechen komme. Dann kam der Hauptteil der Inszenierung. Drei Menschen, gerade gestorben, treffen sich in diesem kleinen Raum, der Hölle, um ihr Dasein zu fristen. Sie agieren gut miteinander. Die Frage nach dem Folterknecht und die Erkenntnis irgendwann, dass dieser nicht mehr kommen würde, sind Aspekte der Geschichte, die den Abend sehr interessant machen. Das Umsetzen der Handlung in diesem kleinen Raum, den die Zuschauer von allen vier Seiten beobachten, ist absolut gelungen. Der nette junge Mann vom Anfang steht alle 10 Minuten von seinem Platz auf und inspiziert den Kasten und die Handlung darin, was vom Hauptgeschehen ablenkt und für mich ziemlich überflüssig ist. Was auch immer der Grund dafür sein sollte, es hat sich mir nicht erschlossen.   

Irgendwann können die drei Protagonisten aus dem Kasten ausbrechen, was mit das stärkste Bild des Abends darstellt. Auch die darauffolgende Szene stellt ein sehr gutes Ende der Geschichte dar. Aber es sollte noch nicht das Ende sein. Was folgt sind die drei Schauspieler, die mit viel Frischhaltefolie umwickelt bizarre Szenen darstellen. Beispielsweise kreischt die junge, blonde Frau in einer Badewanne ein Lied. Dann Blumen, Blütenblätter, eine E-Gitarre, mehr Frischhaltefolie, Lichtspiele, mehr Blütenblätter und schließlich das ersehnte Ende, dass man einfach nach vorne hätte ziehen sollen, finde ich.
So war es insgesamt eine gelungene Inszenierung mit einem seltsamen, unpassenden Ende, dass zu viele Fragen in uns zurücklässt.

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 05. Dezember 2018

Für mich war es tatsächlich das erste Mal, dass ich eine Inszenierung von Sartres „Huis clos“ gesehen habe. Da ich mich aber schon seit meiner Französisch-LK Zeit in der Schule viel mit Sartre und seinen Werken beschäftigt habe, war es für einen solchen Besuch nun wirklich mal an der Zeit.

Die „Geschlossene Gesellschaft“ spielt in der Hölle. 3 Personen – Estelle, Inès und Garcin – finden sich dort nach ihrem Tod in einem kleinen Raum wieder. Eingesperrt. Höllenqualen erleiden sie nicht durch ein Fegefeuer oder dergleichen, sondern dadurch, dass sie zu ihren gegenseitigen Peinigern werden und sich damit quälen, einander gezwungenermaßen in die Abgründe ihres vergangenen Lebens einzuweihen.

Camille Hafner inszeniert diesen geschlossenen Raum als einen Quader, dessen Wände aus etwas wie Fliegengittern gemacht sind. Er steht in der Mitte des Raumes, das Publikum sitzt an jeder Seite außenrum. Nach und nach kommen die drei Figuren durch eine Klappe im Boden des Würfels im Raum an. Es wird schnell klar, dass sie diesen Ort vorerst nicht verlassen werden und dazu verdammt sind, sich nicht aus dem Weg gehen zu können.

Die gegenseitige Konfrontation, die durch dieses erzwungene Aufeinandertreffen entsteht, inszeniert Hafner gekonnt durch ein sehr psychologisches Schauspiel gepaart mit Claas Krauses aufdringlicher Musik – „aufdringlich“ meine ich hier im besten Sinne des Wortes.
Die philosophischen Dialoge innerhalb des „Käfigs“ kommen an – ich freue mich riesig, ein so gutes Schauspiel sehen zu dürfen. Irgendwann lösen sich die Wände des kleinen Raums und fallen zu allen Seiten auf den Boden. Estelle, Inès und Garcin können die Enge verlassen und suchen sich neue Positionen im Zuschauerraum. Dort findet ein Dialog statt, den ich für ein wunderbar schlüssiges Ende des Abends halte. (Und ich habe irgendwie auch damit gerechnet, dass das Stück damit schließt.) Jedoch geht es, und hier muss ich ganz ehrlich „leider“ sagen, weiter und es folgt eine Szene in der Katharina Wittenbrink in einer Badewanne tanzt und in einen Föhn singt. Ja klar, die drei sind schon tot und können nicht mehr sterben, aber diese Szene war mir doch zu plakativ. Sollte dies einen tieferen Sinn gehabt haben, hat er sich mir nicht erschlossen. Bevor das Stück dann tatsächlich zu Ende geht, gibt es noch eine kleine Beerdigungsszene und einen ähnlichen (oder gleichen?) Text wie zuvor noch einmal. Diese letzten Szenen wirken auf mich etwas erzwungen und auch überflüssig, denn der Abend hätte gut schon früher enden können.

Trotzdem überwiegen für mich in Hafners Inszenierung eine grandiose Schauspielleistung und eine Inszenierung von Sartres Worten, die, wenigstens in den ersten zwei Dritteln des Stücks, ganz für sich alleine stehen können und komplexe Fragen und Theorien über das Zusammenleben und Vertrauen ohne Geheimnisse aufwerfen, aber nicht beantworten müssen.

Zur Inszenierung

Geschlossene Gesellschaft – nach dem Theaterstück von Jean-Paul Sartre // Theaterakademie August Everding – Akademietheater Mitte // Premiere: 04. Dezember 2018 //

Karten: 10€

Inszenierung: Camille Hafner
Bühne: Camille Hafner, Leonard Schulz
Video: Leonard Schulz   
Kostüm: Fabian Lindhorst
Dramaturgie: Jana Gmelin   
Licht: David Jäkel
Maske: Cornelia Schlinger
Komposition: Claas Krause
Regieassistenz: Laura Krahn

mit

Katja Brenner
Emery Escher
Katharina Wittenbrink

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