Kritik: Macbeth @Kammer 1

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Foto: Thomas Aurin

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Ivanas Kritik – Besuchte Vorstellung: 10.12.2018

Hör dir hier Ivanas Kritik an!

Macbeth in den Kammerspielen. Und ich bin begeistert. Wer hätte das noch erwartet?

Das Stück beginnt, der Vorhang öffnet sich. König Duncan, vollkommen ausgestattet mit Schottenrock, Karomuster, im mittelalterlichem Kostüm, stellt sich in die Mitte der Bühne und spricht direkt zu uns. Über das Kunstblut. Das so weit spritzen wird, dass er uns einen Fleckentferner empfiehlt. Ich erwarte also einen Hamlet-Abklatsch, das erwähnt er auch, dass dort jedes Mal 300 Liter Kunstblut fließen. Noch eine wichtige Zusatzinfo: Deutschland ist Marktführer in der Kunstblutindustrie und deren Vielfalt. Jetzt sind wir ausreichend für den Abend gewappnet, also können wir beginnen.

Was folgt, sind keine weiteren mittelalterlichen Kostüme, kein einziger Milliliter Kunstblut, kein schottisches Bühnenbild, keine Eindrücke aus Inverness. Aber aus dem Theater. Es ist ein Spiel im Spiel. Das Theater wird behandelt. Der Prozess. Die Entstehung einer Inszenierung. Die Probenprozesse, die Uneinigkeiten der Schauspieler mit dem Regisseur. Es geht im Grunde um eine Theatergruppe, die versucht Macbeth aufzuführen. Wir verfolgen die Ausarbeitung der Szenen. Wir verfolgen den Regisseur, der übrigens Macbeth darstellt, der durchdreht, sich nicht zwischen zwei Lady M-Darstellerinnen entscheiden kann und stetig zwischen Traumwelt und Realität steht. Es ist auch lustig. Ich habe gelacht. Ehrlich und laut. In den Kammerspielen. Das war was Neues.

Die Geschichte kommt trotzdem nicht zu kurz. Auch wenn man das Drama nicht gelesen hätte, ist das Wichtigste angekommen.

Ach ja, das alles übrigens vor der ästhetischen Szenerie einer öffentlichen Toilette. Das Bühnenbild war drehbar. Neben den Pissoiren, gab es auch ein privates Badezimmer zu sehen und ein Ehebett. Für die Szene einer Leseprobe geht der Vorhang wieder zu und aus dem Orchestergraben fährt ein Tisch direkt vor die Füße der ersten Reihe.

Die Bilder sind innovativ. Neue gute Ideen, die hier entstanden sind und umgesetzt wurden. Es war zu keinem Punkt langweilig und zu keinem Punkt erzwungen oder übertrieben. Es hat für mich von vorne bis hinten funktioniert und das hat mich, gerade weil es in den Kammern war, echt begeistert.

Ich werde es mir nochmal anschauen. Und ich möchte weitergeben, dass es sich lohnt. Ich und die Kammerspiele, das ist eine längere Geschichte, aber für mich: Eine der besten Inszenierungen, die es dort zu sehen gibt.

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Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 10. Dezember 2018

Im Gespräch nach der Vorstellung erzählte uns die Dramaturgin Helena Eckert, dass einer der Schauspieler im Probenprozess vorschlug die Inszenierung Play Macbeth zu nennen, anstatt nur Macbeth nach Shakespeare. Leider ist es nicht zu dieser Betitelung gekommen. Leider, denn mit Macbeth hat die Inszenierung von Amir Reza Koohestani echt nur wenig zu tun. Jedenfalls auf den ersten Blick. Was aber nicht heißt, dass es leider nichts mit Macbeth zu tun hat. Es ist bloß etwas anderes. Eine andere Geschichte.

Wer aber den Shakespeare Stoff kennt, wird von dieser Inszenierung die versteckten Anspielungen zum Original erkennen, was die Wahl des Titels dann auch wieder rechtfertigt. (Wer die Story nicht kennt, aber nach der Einleitung schon ganz neugierig geworden ist kann vor dem weiterlesen einmal runter scrollen. Da steht die Story in ganz kurzer Kurzform.)

Es sind zwei Geschichten, die wir an dem Abend in 1 ½ Stunden erzählt bekommen. Es ist, neben Ausschnitten des Shakespeare Klassikers, der Entstehungsprozess eben dieses Stücks an einem Theater, den Amir Reza Koohestani aufgreift. Er verfremdet Macbeth, damit aber überhaupt nicht, sondern legt viel mehr eine neue Ebene der Charaktere Lady Macbeth, Macbeth, Banquo und Co frei. Denn so wie die Schauspieler in dem Stück den Zugang zu ihrer Rolle suchen, Fragen an diese haben, verzweifeln und letztlich auch finden, tun es mit ihnen auch die Zuschauer*innen. Die Entwicklung der Charaktere findet hier mit den Zuschauer*innen statt, was für mich ein riesig großer Wert ist.

In so einem Probenprozess des Suchens und des Neuentdeckens einer Rolle, werden auch die Beziehungen zwischen den Schauspieler*innen auf eine harte Probe gestellt und manchmal entfachen Probleme nur wegen einfachsten Kommunikationsproblemen. Die Kommunikationsprobleme sind hier aber nicht allein in der Ausdrucksschwäche begründet, sondern schlicht und ergreifend darin, dass die Darsteller*innen nicht derselben Sprache mächtig sind. Eine der Ladys – es gibt nämlich zwei Besetzungen der Paraderolle – spricht nur Farsi, Donailbain nur Französisch, alle untereinander ein Mischmasch Englisch und Phasenweise dann auch mal wieder deutsch. Die Komplexität und die Probleme, die das mit sich bringt, werden im Stück selbst aufgegriffen, aber trotzdem bin ich nicht der größte Fan von so viel durchmischten Sprachen, weil ich doch immer auf die Ober/Untertitel schauen musste, aus Angst irgendeinen Schlüsselmoment zu verpassen. Für mich hätte es diese Viersprachigkeit nicht gebraucht. Was interessant ist, dass die Hexen in Macbeth tatsächlich sagen: “Ihr Mann ist nach Aleppo fort, Schiffskapitän auf der Tiger“ (Akt 1, Szene 3, Vers 7-8). Der Verweis auf Syrien taucht also nicht wegen des Hintergrunds des Iranischen Regisseurs oder des aktuellen Bürgerkriegs in der Inszenierung auf, sondern ist auf William zurück zu führen.

Genau so die „Spiel-im-Spiel“ Situation. Wer im Englisch-Unterricht damals aufgepasst hat, erinnert sich vielleicht noch, dass Shakespeare dieses Mittel in vielen seiner Dramen aufgenommen hat. Sehr bekannt ist es aus „Ein Sommernachtstraum“, über den Ivy hier auch schon geschrieben hat und aus der „Widerspenstigen Zähmung“, die übrigens die Grundlage für „Zehn Dinge, die ich an dir hasse“ waren.

Im Laufe der Inszenierung verschwinden die beiden Spieleben immer stärker und die Unterschiede zwischen Realität und Fiktion verschwimmen.

Die Szenen, die in dem Probenkontext spielen, erzählen besonders die kleinen Geschichten, die hinter der Bühne stattfinden. Die Zweifel und die Fragen und Konflikte, die hier aufkommen, sind so realistisch und intim vorgeführt, dass man das Gefühl hat, wirklich bei einer Probe Mäuschen zu spielen. Neben der ganzen blutigen Thematik, gibt es aber zahlreiche Momente, in denen das Lachen richtig aus uns raus gebrochen ist, weil die Lacher meist unerwartet auftauchten und schnell wieder verschwanden. So wies sein soll.

Ich habe aber echt das Gefühl, dass die ganze Genialität erst richtig erkannt werden kann, wenn man ein bisschen Vorwissen hat. Also entweder ihr kramt nochmal das vollgekritzelte Heft aus der Schulzeit raus oder ihr schaut euch nochmal die Reclam: Sommer to go – Zusammenfassung mit Playmobil Männchen an. Ansonsten sind auch immer Einführungen super hilfreich, um so eine grobe Vorahnung von dem zu bekommen, was an dem Abend passiert.

Wenn irgendwo Einführung oder Nachgespräch ausgeschrieben ist, würde ich immer hingehen, außer man ist eher so der Überraschungsmensch und mag lieber die Wundertüte.

Nach den kurzlebigen 1 ½ Stunden, konnte ich leider nicht so wirklich laut applaudieren, weil ich noch ein bisschen krank war. Dafür musste Theresa dann aber doppelt so laut johlen. Nächstes Mal, wenn wir rein gehen, habe ich hoffentlich mehr Stimme und kann beim Applaus dann richtig jubeln – wenn bis dahin alles noch gleich geblieben ist. Man weiß ja nie bei einer Stückentwicklung…

Good to know – Shakespeares „Macbeth“:

Gier, Moral, Ehrgeiz, Umsturz, Wiederherstellung, Blut, Macht, Untergang, Grausamkeit, Wahn.

Es geht also ordentlich zur Sache. Der Konflikt lässt auch nicht lange auf sich warten.

Macbeth und Banquo reiten, nach einer gewonnenen Schlacht, nach Hause und werden auf ihrem Weg von drei Hexen überrascht, die am Wegesrand lauern. Sie sagen Macbeth voraus, dass er bald König sein werde und weissagen Banquo, dass er der Vater vieler Könige werden wird. Grundsätzlich ja nicht übel, aber um an diese Macht zu kommen, muss Macbeth mehr als einen Mord begehen. Insgesamt sind es weit über 15 Morde die Macbeth und seine Frau Lady Macbeth vollbringen. Letzten Endes gehen beide an den psychischen Folgen zu Grunde und Macbeth wird selbst umgebracht. Die Hexen hatten also Recht.

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Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 10. Dezember 2018

Hör dir hier Theresas Kritik an!

Ich muss euch schon einmal vorwarnen: Diese Kritik wird zu 98% aus Schwärmerei bestehen.

Macbeth ist ein Drama, das sich recht schnell erzählen lässt. Bei dieser Inszenierung steht die Geschichte auch nicht alleine im Mittelpunkt. Wer genauer auf den Titel achtet wird bemerken es heißt: Macbeth nach William Shakespeare von Amir Reza Koohestani. Koohestani ist der Regisseur und gleichzeitig auch für den Großteil der Texte verantwortlich. Neben Shakespeares Macbeth werden ebenfalls das Theater und die Probenprozesse hinter einer Inszenierung thematisiert. „Theater im Theater“ wie man so schön sagt. Diese zwei Geschichten wechseln sich ab, gehen ineinander über und bedingen sich gegenseitig. Sie sind hervorragend miteinander verflochten. Der Schauspieler des Macbeth ist gleichzeitig Regisseur, die Frage von Besetzung wird aufgezeigt, sowie die vermeintliche Wichtigkeit von Sprache und Verständnis. Die kleine Theaterwissenschaftlerin in mir hat diese Behandlung des Mediums Theaters an sich äußerst erfreut.

Ein besonders bezeichnender und schöner Satz wird zu Beginn auf den „Übersetzungstafeln“ angezeigt:

„Broken English is our common language“

Die Schauspieler*innen, der Regisseur und alle anderen Mitarbeiter dieser Inszenierung haben verschiedene Hintergründe und Herkunftsländer. Im Probenprozess und auf der Bühne ist ihre gemeinsame Sprache gebrochenes Englisch. Es findet ein ständiger Wechsel zwischen mindestens drei Sprachen statt. Das mag verwirrend klingen, ist jedoch keinesfalls ein Hindernis beim Zuschauen. Ganz im Gegenteil. Die Auseinandersetzung mit dem Drama auf verschiedenen Sprachen und das Hinzufügen von eigenen Passagen hat den Shakespeare Text auf neue Weise ergründet.

Neben dem dramatischen Aufbau und der textlichen Arbeit sticht für mich besonders das Bühnenbild, inklusive der Videoinstallationen, hervor. Es ist gefüllt von Metaphern und mit penibler Präzision gestaltet. Mittelpunkt der Bühne ist eine Drehbühne aufgeteilt in drei Räume. Zwei dieser Räume sind ein öffentliches und ein privates Badezimmer, als Orte der Ehrlichkeit und offener Gespräche.

Die Musikerin ist gleichzeitig die Verkörperung der Hexen und singt selbstgeschriebene Songs, inspiriert von dem Original Shakespeare Text. Sie geben dem Stück, in Form von Intermezzi, eine Struktur und erinnern sehr an die Sängerinnen Lorde und Lana Del Rey.

Wer also nicht nur an Shakespeare, sondern auch an der Institution Theater und Probenprozessen interessiert ist, ist bei dieser Inszenierung auf jeden Fall richtig. Auch alle anderen, ob Video-, Ästhetik- oder Musikbegeisterte werden Gefallen daran finden.

Zur Inszenierung

Macbeth nach William Shakespeare von Amir Reza Koohestani // Münchner Kammerspiele, Kammer 1 // Premiere 07.12.2018 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunde 40 min (keine Pause)

Regie: Amir Reza Koohestani

Bühne: Mitra Nadjmabadi

Licht: Christian Schweig

Kostüme: Negar Nemati

Video: Benjamin Krieg

Co-Video: Phillip Hohenwarter

Live-Musik: Pollyester

Dramaturgie: Helena Eckert

mit

Walter Hess: Duncan, Blutiger Mann

Kinan Hmeidan: Donaibain

Gro Swantja Kohlhof: Lady Macbeth

Polina Lapkovskaja (Pollyester): Hexe/Live-Musik

Christian Löber: Macbeth

Stefan Merki: Banquo

Kamel Najma: Rosse

Vincent Redetzki: Malcom

Mahin Sadri: Lady Macbeth

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