Kritik: Otello @Bayerische Staatsoper

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 15. Dezember 2018

Es war der längste Applaus, den ich je im Theater mitbekommen habe. Knapp 30 Minuten stand das internationale Publikum in der Bayerischen Staatsoper und feierte ihre Opernsänger und die Produktion Otello. Ob es an der Inszenierung von Verdis Oper lag oder doch an der hochkarätigen Besetzung an diesem Abend?

Othello der Mohr von Venedig. Das ist der Titel, den Shakespeare im 17. Jahrhundert seiner Tragödie widmete. Ein „Mohr“ ist an dem Abend nirgends zu finden, Regisseurin Amélie Niermeyer verzichtet zum Glück auf Schwarzmalerei. Dafür gibt es Otello (ohne h) als Oper von Giuseppe Verdi mit dem Libretto von Arrigo Boito – und mit einem weißen Jonas Kaufmann.

In meiner Vorstellung ist Otello ein leidenschaftlicher Mann, der seine Frau Desdemonia abgöttisch liebt und deshalb umso wahnsinniger wird, als Jargo ihm von einer vermeintlichen Affäre zwischen Desdemonia und Cassio erzählt. Am Ende wird er so rasend vor Eifersucht, dass er Desdemonia erstickt. Als er dann noch erkennt, dass Jargo die Affäre nur erfunden hat, greift er selbst zum Dolch und ersticht sich.

Doch von dieser Leidenschaft ist in den ersten beiden Akten weit und breit nichts zu sehen. Jonas Kaufmann tritt auf, in ein Schlafzimmer im 20er Jahre Stil und er schaut aus wie ein Beamter im grauen Anzug mit Hosenträgern. Von wegen Kriegsheld, der gerade einen Schiffssturm überlebt hat. Stimmlich macht Kaufmann so leicht ja keiner was nach, aber in den ersten beiden Akten fand ich ihn nicht so stark, wie ich es erwartet hätte. Natürlich saß jede Note perfekt, aber seine Stärke lag mehr doch auf den zarten innigen Tönen, als auf den emotionalen leidenschaftlichen Teilen der Oper. Die Zärtlichkeit, die Kaufmann über seine Stimme transportiert, fehlt aber besonders in der letzten Szene des ersten Aktes, in der Desdemonia und Otello sich küssen und sich – langsam aber sicher – Richtung Bett begeben.

Sein Gegenspieler Jargo, gesungen von dem Kanadier Gerald Finley, ist schauspielerisch von Beginn an umso präsenter. Er ist der Unglücksbringer in der Geschichte, der das Schicksal der Liebenden zerstört. In Shakespeares Klassiker wird der Grund für seine Boshaftigkeit noch erklärt. Bei dem englischen Dramatiker hatte Otello vor Zeiten eine Affäre mit Jargos Frau, weswegen er immer noch Rachegelüste in sich trägt. In Verdis Oper gibt es diese Vorgeschichte nicht, dadurch wirkt der Antagonist noch fieser, als er ohnehin schon ist. Wenn man dem Applaus vertraut, war ich nicht die Einzige, die Finely in dieser Rolle überragend intensiv fand. Schauspielerisch konnte da auch die Sängerin der Desdemonia, Anja Harteros, nicht mithalten. Bei der Zeichnung ihrer Rolle fehlt mir einfach die Dringlichkeit und die Leidenschaft. Es geht hier schließlich um nichts geringeres als Leben oder Tod. Desdemonia wirkt an dem Abend nicht wie eine starke Frau, wie wir sie von Shakespeare kennen, sondern eher wie das brave Mädchen von Nebenan.

Im zweiten Teil des Abends bekomme ich dann aber den Star-Tenor, den ich mir gewünscht habe. Seine Wut und seine Verzweiflung besingt Kaufmann nun mit deutlich mehr Leidenschaft. Und in dem Moment, in dem Otello erkennt, dass er richtig hinters Licht geführt wurde und seiner toten Frau den letzten Kuss gibt, ist mein Romantik-Bedürfnis dann doch auch befriedigt.

Zur Inszenierung

Otello // Bayerische Staatsoper // Premiere: 23. November 2018 //

Pressekarten (ansonsten leider quasi unbezahlbar mit bis zu 290 €); Vorstellungsdauer ca. 3 Stunden 15 min (eine Pause)

Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Inszenierung: Amélie Niermeyer
Bühne: Christian Schmidt
Kostüme: Annelies Vanlaere
Licht: Olaf Winter
Video: Philipp Batereau
Choreographische Mitarbeit: Thomas Wilhelm
Chöre: Jörn Hinnerk Andresen
Dramaturgie: Malte Krasting und Rainer Karlitschek

mit

Jonas Kaufmann: Otello
Gerald Finley: Jago
Evan LeRoy Johnson: Cassio
Galeano Salas: Roderigo
Bálint Szabó: Lodovico
Milan Siljanov: Montano
Markus Suihkonen: Ein Herold
Anja Harteros: Desdemona
Rachael Wilson: Emilia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: