Kritik: Die Dreigroschenoper @TheaterKiel

Mr. Peachum – Foto: Olaf Struck

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 27. Dezember 2018

Hör dir hier Paulinas Kritik an!

Trillerpfeifen in der Oper – klingt nach vernichtender Kritik.
Und genau mit der rechnete Bertolt Brecht am Tag der Premiere seiner Dreigroschenoper, deshalb stattete er seine Schauspieler*innen selbst mit Trillerpfeifen aus, damit sie bei Buh-Rufen zurückschlagen könnten. – Sie traten aber gar nicht in Aktion, denn das Publikum war begeistert.

Brechts Dreigroschenoper

Rund 90 Jahre nach der Uraufführung im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin hat die „Oper“ Kultstatus. Das liegt aber nicht nur an Brechts Story, die er übrigens von der Beggar’s Opera abschaut hat, sondern auch an Kurt Weil, der mit seiner Musik dem Stück schneidige Bissigkeit verliehen hat.

Auch noch 60 Jahre nach dem Tod Brechts, sind seine Stücke wahnsinnig beliebt:
Alleine in der letzten Spielzeit gab es 37 Neuinszenierungen von Theaterstücken des geborenen Augsburgers im deutschsprachigen Raum. Davon war es elf Mal Die Drei Groschenoper und dann gab es ja auch noch den Spielfilm „MackieMesser – Brechts3Groschenfilm“, in dem der Schaubühnen Star Lars Eidinger den Brecht spielte. Für die Spielzeit 2018/2019 sind neun Premieren des Klassikers angesetzt.

Eine von ihnen ist die Inszenierung von Annette Pullen am Schauspielhaus in Kiel.

Zur Geschichte

Wir befinden uns in London, genauer gesagt in Soho im Jahre 1928. Nicht etwa in den edlen Kreisen der Upper class, sondern bei dem Boss der Bettelmafia Jonathan Peachum und seinem größten Konkurrenten, dem Gangster Boss Mackie Messer. Als Peachums Tochter Polly sich auf den Gauner Mackie einlässt, kommt es zu einer Auseinandersetzung der beiden Geschäftsmänner und das Spektakel beginnt.

Sozialkritik

Die Stücke des Theaterschreibers, Regisseurs und Theoretikers zeichnen sich vor allem durch seine intensive Sozialkritik aus. Eine Form der Kapitalismuskritik. Sätze wie „Was ist der Raub einer Bank, im Vergleich zur Gründung einer Bank.“ und „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, sind bezeichnend für das Stück, an das sich jetzt auch die Regiesseurin Pullen ran wagte.

Kieler Inszenierung

Von der angesprochenen Sozialkritik, wie sie bei Brecht essentiell ist, kommt bei der Kieler Inszenierung aber leider wenig an. Für mich wird besonders einer der Schlüsselszenen viel zu wenig Raum gegeben: Es ist die Szene, in der Jonathan Peachum erklärt wie er Geld verdient. Er tut dies nämlich indem er die Ärmsten der Stadt noch das letzte Geld aus der Tasche zieht und diese dann noch ärmer ausstattet, um das Mitleid der Bevölkerung zu erregen. Über diese harte Gesellschaftskritik fliegt die Inszenierung drüber hinweg und setzt den Fokus mehr auf komödiantische Aspekte. Zumindest habe ich sie nirgends so scharf sehen können, wie es das Stück meiner Meinung braucht.

Mackie Messer, Polly Peachum und ihre Eltern sind Figuren der Londoner Unterwelt und Teil eines korrupten, menschenunwürdigen Systems. Pullen stellt sie aber wenig konkret auf die Bühne des Kieler Schauspielhauses. Obwohl die Nöte, die Ängste und Beweggründe für die Figuren sehr wichtig sind, werden die Personen eher flach dargestellt, ohne, dass man ihre Handlungen nachvollziehen könnte. Auch die Räuberbande, dessen Anführer Mackie ist, scheint eher eine lustige Chaosbande, als der Schrecken der Londoner Bevölkerung zu sein.

Gesanglich kann man dem Kieler Ensemble aber nichts nachsagen. Obwohl nur eine ausgebildete Musicaldarstellerin der Polly ihre Stimme lieh, waren Moritatensänger, Seeräuber Jenny und Co mit der bissigen Direktheit auf der Bühne zusehen.

Die Haifischzähne, die in der Groschenoper besungen werden, waren bei Pullen leider eher kleine Milchzähnchen, obwohl die Botschaft vor 90 Jahren vom Bertolt Brecht und Kurt Weil zu genial auf den Punkt gebracht wurde.

Zur Inszenierung

Die Dreigroschenoper // Theater Kiel // Premiere am 06. Oktober 2018 //

Studierendenkarten: 10,80 €; Vorstellungsdauer ca. 3 Stunden (eine Pause)

Regie: Annette Pullen
Musikalische Leitung: Moritz Caffier
Bühne: Iris Kraft
Kostüme: Barbara Aigner
Dramaturgie: Jens Paulsen

Mit

Mackie Messer: Marko Gebbert
Polly Peachum: Jennifer Böhm
Mr. Peachum: Zacharias Preen
Mrs. Peachum: Yvonne Ruprecht
Tiger Brown: Christian Kämpfer
Spelunken-Jenny: Isabel Baumert
Lucy / Hure: Olga von Luckwald
Hakenfinger Jacob / Moritatensänger / Bettler: Rudi Hindenburg
Münz Matthias / 2. Konstabler / Bettler: Jasper Diedrichsen
Säge Robert / Filch: Tony Marossek
Trauerweiden Walter / Hure / Bettler: Maximilian Herzogenrath
Konstabler Smith / Pfarrer Kimball / Hure: Claudia Macht
Bettler / Ede: Arne Prill
Bettler / Jimmy / 2. Pfarrer: Karsten Puchert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: