Kritik: Hamilton @Victoria Palace Theatre, London

Jules und Ivi (möglicherweise ein bisschen verheult nach der Vorstellung..) mit der Schauspielerin Rachel John (Angelica Schuyler).

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 1. November 2018

„Look around, look around, at how lucky we are to be alive right now“

Wo soll ich nur anfangen? Vor ungefähr zweieinhalb Jahren habe ich auf einer Party (zugegeben, mit Theatermenschen) zum ersten Mal die Opening-Number aus Lin-Manuel Mirandas Musical Hamilton gehört. Ich habe mir dann das Broadway Cast Recording runtergeladen und kann mich seitdem an wenige Tage erinnern, an denen ich NICHT einen Song davon gehört oder gesungen habe. Es geht in dem Musical um Alexander Hamilton, einer der Gründerväter und der erste Finanzminister der Vereinigten Staaten von Amerika; um seine politischen Taten, den Unabhängigkeitskrieg und um Hamiltons Privatleben. Laut Lin-Manuel Miranda genau der richtige Stoff für ein Hip-Hop Musical.

Hamilton ist mein Ding, mein absolutes Lieblingsmusical, das einzige Musical das ich vom ersten bis zum letzten Wort auswendig kann und eines der wenigen, von denen ich tatsächlich Merch besitze. Meine Hamilton Liebesgeschichte ist offensichtlich lang und hier ist kein Platz um sie niederzuschreiben, wer mich aber mal im persönlichen Gespräch fragen sollte, warum ich Hamilton so mag, sollte sich das a) gut überlegen und sich dann b) auf einen Vortrag einstellen, der so lang sein könnte wie Rüpings Dionysos Stadt.

Aber hier geht es um die Inszenierung.

Ich habe Hamilton am Londoner West End gesehen, jedoch wurde die Inszenierung natürlich vom Broadway übernommen und unterscheidet sich von der dort laufenden Inszenierung hauptsächlich durch die Schauspieler*innen. Diese werden überall wo das Musical läuft nach dem gleichen Prinzip gecastet: Only actors of colour. In Hamilton sieht niemand so aus wie die historische Person ausgesehen hat – und das ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Gründe, warum Hamilton nicht nur auf CD überzeugt, sondern auch auf der Bühne

Die Musik ist HipHop, schnelle Beats, viele Referenzen zu den größten Rapper*innen und HipHop-Musiker*innen in der Geschichte. Nur so war es möglich, die Fülle an Worten und Informationen in einem etwas mehr als 2,5 stündigen Musical unterzubringen: nicht weniger als 24.000 Worte werden auf der Bühne gesagt/gesungen/gerappt.

„This man is Non-Stop!“

Und genauso schnell, voll Worten und Informationen und eng getaktet wie das Musical war auch Hamiltons Leben. Er hat geschrieben um für seine Träume zu kämpfen und in den unfassbar starken Lyrics der Songs wird deutlich, was für ein kontroverser Charakter Hamilton wohl gewesen sein muss. Miranda hat sich an Ron Chernows Hamilton Biographie orientiert und reißt viele Facetten seines Lebens an (von denen wir natürlich nicht wissen, ob sie ausreichen um seine Person zu beschreiben). Es geht um seine Herkunft als Waisenkind aus der Karibik, seine Intelligenz und Zielstrebigkeit durch die er Secretary of the Treasury und George Washington’s Right Hand Man geworden ist, um seine Selbstüberzeugung, seine politische Meinung, der er durch Essays und Flugblätter Gehör verschafft hat,  aber auch um seine Heirat mit Eliza Schuyler, seine gleichzeitig nahe Bindung zu ihrer Schwester Angelica, seine Affäre mit Maria Reynolds und seine Trauer um den Tod seines Sohns Philip – und um seine ewige Freundschaft/Feindschaft mit Aaron Burr, der ihn schließlich im Duell erschießt.

Die wahnsinnig durchdachten Songtexte werden auf der Bühne von erstklassigen und super-lässigen Darsteller*innen performt. Die Choreographie von Andy Blankenbuehler ist on point und vermittelt in ihrer Eigenart noch zusätzlichen Inhalt, wie beispielsweise wenn Angelica sich an ihr erstes Treffen mit Alexander Hamilton erinnert – man fühlt durch die Bewegungen, dass Angelica ihn eigentlich selber liebt. Auch das Licht fällt mir als unglaublich perfekt auf den Ton abgestimmt auf und ich frage mich während der Show mehrmals, wie es wohl gesteuert wird. Dafür bin ich nicht Lichttechnikerin genug, habe aber die Vermutung, dass das Licht irgendwie automatisch auf den Ton reagieren muss. (Profi Kommentare hierzu sind in den Kommentaren sehr erwünscht!) Das Bühnenbild stellt sich nicht in den Fokus, es besteht hauptsächlich aus Holz, es gibt eine Galerie. Die wenigen verwendeten Requisiten (mal ein Tisch, ein Brief, eine Bank) werden von den Schauspieler*innen für die jeweiligen Szenen mitgebracht und nach kurzer Zeit wieder weggeräumt. Die Großfläche der Bühne ist frei und bietet ausreichend, aber nicht zu viel Platz für viele eindrucksvolle Tanzszenen des Ensembles.

Durch unsere Plätze im 2. Rang (von denen man übrigens trotzdem noch wahnsinnig gut sieht) hatte ich einen guten Überblick über die Szenerie. Beim nächsten Mal möchte ich trotzdem gerne mal unten im Parkett sitzen um die Gesichter der Darsteller*innen und ihre Gesichtsausdrücke genauer zu erkennen. Das bringt mich aber auch zum fast einzigen negativen Aspekt von Hamilton: Die Karten sind schweineteuer. Am Broadway m.E. wirklich nicht zu bezahlen (es ist irgendwie deprimierend, dass Musicalkarten 300 – 1000 US Dollar Kosten können und die Show trotzdem meistens ausverkauft ist); am Londoner West End etwas erschwinglicher. Unsere Karten im 2. Rang (also die günstigsten Plätze, die es außerhalb der Lotterie zu kaufen gab) kosteten ca. 37 Pfund, unten im Parkett geht es bis zu 200 bzw. 250 Pfund hoch. Das ist zwar tatsächlich günstig gegenüber dem Broadway, aber trotzdem nicht preiswert. Die Hamilton Besuche werden also weiterhin etwas Besonderes bleiben und in der Zwischenzeit gebe ich mich mit meinem „Hamilton – The Revolution“ Buch und dem Fotoband des Original London Cast zufrieden.

Wer plant, bald nach London zu reisen, sollte sich meiner Meinung nach auf garkeinen Fall einen Hamilton Besuch entgehen lassen und sich unbedingt frühzeitig um Karten dafür kümmern. Aktuell sind die Tickets bis Ende April im Verkauf, alle paar Monate wird ein neuer Schwung (meist 3 Monate) freigegeben.

Ich habe noch viel mehr zu Hamilton zu sagen, das sprengt aber alles diesen Rahmen hier. Vielleicht wird es ja irgendwann einen Hamilton Podcast geben (sobald wir unser Podcast Projekt starten ;-)); dann hätte ich nochmal Zeit ausgiebig zu quatschen. Bis dahin:

Do not throw away your shot!

Ivanas Kritik – Besuchte Vorstellung: 1. November 2018

Hör dir hier Ivanas Kritik an!

„The world was wide enough“

Hamilton. Was soll ich sagen. Ich könnte mir jede Strophe aus diesem Musical übers Bett hängen und es würde mich jeden Morgen glücklich machen. Die Texte und Melodien, die Wortwahl, die Story und die Genialität jedes Songs. Allein das hatte mich schon überzeugt, bevor ich überhaupt dort im Theater war.

Ich werde hier nicht auf die Handlung eingehen oder die Bühneninterpretation, ich möchte über die Emotion sprechen und welche Gefühle so ein Abend in einem wecken kann. Das wird also keine sachliche Kritik. Das wird vermutlich ein Lobgesang.

Jules ist unser Überfan bezüglich Hamilton und schon ein paar Monate vor unserer Londonreise und dem Abend im Victoria Palace Theatre, hatte sie mich beauftragt, die Songs zu hören. Und wie ich sie gehört habe. Ich habe wirklich für Monate nur noch diese Playlist gehört. Rauf und runter. Runter und rauf. Als es dann soweit war kannte ich die Texte, hatte alles im Internet gelesen, was man zu Hamilton lesen kann und mir die Handlung verinnerlicht. Und nichtsdestotrotz war ich dermaßen überwältigt, als die ersten Töne von „Alexander Hamilton“ gespielt wurden.

Ich habe geweint. Wir haben geweint. Vor Freude. Vor Begeisterung. Vor Unglauben. Vor Trauer. Vor Gefühl.

Ich wollte die Zeit anhalten. Dass es nicht vorbei geht. Diese Momente einschließen und festhalten. Ich habe in diesen 3 Stunden so viel erlebt. Und so viel gespürt. Und ist es nicht das, worum es im Theater geht? Dass man gebannt wird, spürt und erlebt, den Moment fühlt und ihn nicht hergeben möchte? Dass eine Geschichte, die auf einer Bühne erzählt wird fasziniert? Dass man danach nicht glauben kann, dass man das erlebt hat und das erleben durfte?

Mich hat dieser Abend extrem bestärkt. Ich habe mal wieder seit langer Zeit gesehen, was möglich ist. Was möglich wäre. Ich könnte hier nun ausführen, was die Münchner Inszenierungen für mich nicht haben, was sie nicht erfüllen und was sie mir bisher erst sehr selten gegeben haben. Aber darum geht es nicht. Hier geht es um gefundene Inspiration und meine Hoffnung, dass ich nicht immer bis nach London reisen muss, um von Theater inspiriert zu werden.

Und ganz egal ob man Musicalfan ist oder nicht, diese Emotionen sind für jeden erlebenswert und für jeden Theaterbesuch erstrebenswert.

„Life doesn‘t discriminate between the sinners and the saints, it takes and it takes and it takes, we keep living anyway, we rise and we fall and we break and we make our mistakes, And if there‘s a reason I‘m still alive while so many have died, I‘m willing to wait for it.“

Zur Inszenierung

HAMILTON // Victoria Palace Theatre, London // Off-Broadway UA im Public Theater NY, Februar 2015 // London Premiere: 06. Dezember 2017

Karten: ab ca. 37 Pfund, keine Studierendenermäßigung; Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden 45 min (eine Pause)

Book, Music and Lyrics by Lin-Manuel Miranda
Inspired by the book ALEXANDER HAMILTON by Ron Chernow
Choreography by Andy Blankenbuehler
Directed by Thomas Kail
Music Supervision and Orchestrations by Alex Lacamoire

Cast (am Tag unserer Vorstellung)

Alexander Hamilton: Jamael Westman
Eliza Hamilton: Rachelle Ann Go
Aaron Burr: Giles Terera
Angelica Schuyler: Rachel John
George Washington: Obioma Ugoala
Marquis de Lafayette/Thomas Jefferson: Sifiso Mazibuko
Hercules Mulligan/James Madison: Samuel Oladeinde
John Laurens/Philip Hamilton: Cleve September
Peggy Schuyler/Maria Reynolds: Christine Allado
King George: Michael Jibson



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