Kritik: b.36 Schwanensee @BallettAmRhein, Duisburg

Foto: Gert Weigelt

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 08. Januar 2019

Hör dir hier Paulinas Kritik an!

Nussknacker, Dornröschen und Schwanensee – die Tschaikowsky Ballette sind die Publikumsmagneten im Repertoire jeder Ballettkompanie. Es sind der Reiz des Märchenhaften und der Verwandlung, der Antagonismus zwischen Weißer und Schwarzer Magie und die unerfüllte Liebe, die als Motive das Libretto des Schwanensees prägen und der Grundstein für den bekannten Klassiker sind. Darauf aufbauend choreografierten Marius Petipa und Lew Iwanow ein Ballett, das Bewegungsfolgen, wie das Pas de quatre der Schwäne und Odils Pirouettvariation, in der Tanz Welt verankerten. Das französisch-russische Künstlerduo kreierte ihr Werk zu der theatralen Musik von Peter Tschaikowski, die alleine durch ihre Virtuosität eine Gänsehaut verpassen kann.

Schwanensee ist unweigerlich mit der Epoche des romantischen Balletts verknüpft und als große Liebhaberin dieser Werke, zu denen auch Giselle und La Sylphide gehören, habe ich hier einen recht kleinteiligen Blick auf den Abend im Ballett am Rhein gehabt. Denn anders als ich, ist Martin Schläpfer, der Künstlerische Direktor des Hauses und der Choreograf des Abends, eigentlich kein Fan von Handlungsballetten.

„Ich verachte nicht das Handlungsballett, ich verachte die radikalen Vertreter der Handlungsballette.“ Martin Schläpfer

Nach dieser Ankündigung stellte ich mich schon auf alles Mögliche ein, doch ganz so weit war der Abend dann auch nicht vom Ursprungs-Schwanensee entfernt. Streckenweise erschienen mir seine Ansätze jedoch etwas fraglich.

Schläpfer vollzog kleine Änderungen im Libretto, die aber im Großen und Ganzen die Handlungsabläufe nicht sehr beeinflussten. (Wenn du die Geschichte nicht kennst, schau unten noch einmal nach). Das Bewegungsrepertoire des Ensembles wurde durch neue Muster erweitert, die Spitzenschuhe und die klassischen Variationen aber nicht gänzlich ausgewechselt. Eines seiner choreografischen Merkmale sind geflexte Füße anstatt eines gestreckten Fußes. Diese unnatürliche Unterbrechung der Beinlinien störte besonders bei den ansonsten klassischen Sprüngen der Hofgesellschaft.

Bei dem Gefolge der bösen Stiefmutter und Rotbarts passten die modernen Bewegungsformen wiederum sehr gut zur Zeichnung der Schwarzen Magie.

Der Ballettdirektor weicht bei den Personen von einem sehr typischen Charakteristikum ab: Denn „normalerweise“ werden die verzauberte Schwanenprinzessin Odette und die verzauberte Odile von der gleichen Tänzerin getanzt. Schläpfer meinte, dass er diese Doppelrolle noch nie gut ausgeführt gesehen habe und deshalb die beiden Rollen von zwei verschiedenen Solistinnen tanzen ließ. (Das kann aber gar nicht sein, denn ich selbst habe schon mal eine sehr besonders gute Besetzung für diese Rolle gesehen (@Staatsballett Berlin – Polina Semionova))!

Choreografisch setzt er sich zudem besonders in den Schlüsselmomenten von der Fassung Petipa/Iwanow ab.

Erstens: Das Schwanenmotiv. Das wohl prominenteste Musikstück aus der Partitur wird meist mit Eintritt der Schwäne und Odette inszeniert. Schläpfer setzt an Stelle Odettes, den Prinzen Siegfried, der ein emotionales Solo zum Besten gibt und seine Verwirrung und Wut hier zum Ausdruck bringt. Rashaen Arts vertanzt dieses Gefühlschaos des jungen Mannes und Prinzen so unfassbar intensiv, dass weder Odette noch Schwänchen fehlen.

Zweitens: Odiles Fouetté Pirouetten. Für die Rolle der Odile ist eine Stelle im 3. Akt signifikant. Die Ballerina dreht zu einer rhythmisierten, an Zirkusmusik erinnernden Musik sagenhafte 48-64 Fouetté Drehungen. Schläpfer setzt dieses Musikstück jedoch schon in den 1. Akt und macht daraus eine Ensembleszene. Dass diese Klänge nicht in die Chronologie der Musik passen, hört man, auch wenn man die Partitur nicht besonders gut kennt.

Drittens: Die vier kleinen Schwäne. An der Stelle war ich tatsächlich ein bisschen böse. Klar, die vier kleinen Schwäne sind nicht sonderlich modern, doch die Aufweichung die Schläpfer hier vollzog, fand ich etwas unnötig. Denn entweder sollte er diese berühmte Formation ganz auflösen, sprich eine Ensemble-, Solo-, Pas de deux – Szene daraus choreografieren, oder es doch bei vier weißen Schwänen belassen. Der Schweizer ließ aber anstatt dieser einfach vier TänzerInnen aus dem Gefolge Odiles tanzen. Das wirkte etwas albern vor dem Hintergrund, dass diese eigentlich die „Bösen“ sind und sie dann aber zu leichten Klängen durch die Gegend sprangen.

(Puh ganz schön viel Inhaltliches)

Bei all den kleinen Aspekten, die mich an dem Abend störten, glänzte der Abend aber besonders durch die Heterogenität des gesamten Ensembles. Die verzauberten Schwanenmädchen im Corps de Ballet waren, ähnlich wie die Kompanie, sehr individuell gezeichnet. Sie waren kämpferisch und aufmüpfig gegenüber Rotbart und der Stiefmutter. Ihre emotionale Kraft spiegelte sich in einer akzentuierten Bewegungsqualität wieder und strahlte so einen enormen Kampfgeist aus.

Durch emotionale Stärke glänzte besonders das letzte Pas de deux von Odette und Siegfried. Cassie Martin und Rashaen Arts bündelten ihre gemeinsame Strahlkraft zu einem dramatischen Abschluss des Abends.

Auch wenn mir manche Ansätze streckenweise nicht konsequent genug erschienen, bestach die Kompanie durch ihre Vielseitigkeit, technische Raffinesse und ihre Leidenschaft, die ich sogar in der vorletzten Reihe der Oper in Duisburg spüren konnte.

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 08. Januar 2019

Hör dir hier Theresas Kritik an!

Schwanensee hat eine so lange Tradition in der Welt des Balletts und in der des Tanzes allgemein. Es ist wohl das berühmteste Stück, das sowohl für Tanzbegeisterte als auch für  Nicht-Ballett-Geher ein bedeutender Begriff ist. Bekannt ist Martin Schläpfer nicht gerade für seine Inszenierungen von Handlungsballetten. Ganz im Gegenteil ist dieses Stück für ihn eine Ausnahme und eher eine Seltenheit an den Häusern Oper am Rhein und Theater Duisburg. ¾ von uns (wie wir es immer so gerne formulieren) waren im Rahmen einer Exkursion unseres Studiengangs in Düsseldorf. Somit hatten wir im vorhinein auch eine gewisse Vorbereitung auf die Thematiken, Stile und Umstände der besuchten Inszenierungen. Außerdem hatten wir das Glück sowohl ein Training und eine Probe mit Martin Schläpfer zu besuchen, als auch ein Gespräch mit ihm und zwei seiner Kolleg*innen zu führen.

Eine fachlich gerechte und professionelle Beurteilung der Tänzer*innen werde ich zum großen Teil auslassen, da mein Wissen dazu nicht ausreicht. Dennoch kann ich sagen, dass die Qualität des Tanzes, die höchste ist, die ich bisher im deutschen Ballett gesehen habe. Die Kompanie zeichnet sich durch ihre Heterogenität und Individualität der Tänzer und dennoch einer gemeinschaftlichen Energie und Präzision aus. Da wir am Tage zuvor die Tänzer bei einem Training beobachten durften, war es besonders spannend für mich die einzelnen Tänzer*innen wiederzuerkennen und ihre individuellen Stärken festzustellen.

Schläpfers Version des Schwanensees beweist sich durch die Neuinterpretation einer oft romantisierten Geschichte. Die dunkle Seite der Psyche kommt stärker zum Vorschein, auch wenn ich hier eine gewisse Komplexität der Odile vermisst habe. Sie war für mich vornehmlich eine Personifikation der Verführung.

Auffallend ist auch, dass die weißen Schwäne, bis auf Odette, nicht auf Spitze tanzen. Sie strahlen nichts desto trotz eine Eleganz und Schönheit aus. Diese ist, durch die abrupten Flügelbewegungen, von einer bestimmten Härte geprägt.

Auch wenn in dieser Inszenierung mit vielen Konventionen und Traditionen des Schwanensees gebrochen wird, gibt es einige bekannte Motive. Schläpfer bewegt sich auf einer Gradwanderung zwischen Tradition und Originalität. Der Abend wurde von der B-Besetzung getanzt und besonders die Besetzung des Siegfrieds war überraschend hervorragend.

So wenig aussagend das Bühnenbild des ersten Akts für mich war, so besonders war das der übrigen Akte. Es spiegelte die Komplexität und Abgründe des Geistes wieder und erinnerte mich stellenweise an ein Spiegelkabinett in seiner ganzen Gruseligkeit.

Ich kann diese Inszenierung zwar nicht mit genauso vielen anderen Versionen des Schwanensees vergleichen, wie meine Kolleginnen, möchte aber trotzdem meine Begeisterung für diese Interpretation aussprechen. Es bleibt für uns in München nur zu wünschen übrig, eine solche Kompanie und Choreographen wie Martin Schläpfer an einem Haus zu haben.

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 08. Januar 2019

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In Schläpfers Schwanensee steckt viel mehr Schwanensee als man erwartet.

Es gab bestimmt nicht wenige Menschen, die bestimmt nicht wenig überrascht waren, als Martin Schläpfer ankündigte Schwanensee für das Ballett am Rhein zu choreographieren. Wurde er zu Unrecht für den Gegner des Handlungsballetts gehalten? Selbst wenn nicht: Schläpfer bricht gerne die Regeln – und offenbar auch seine eigenen.

Ich schaue mir viel Tanz- und Bewegungstheater an, kann dieses aber mehr auf atmosphärischer Ebene beurteilen, als auf technischer. Schwanensee habe ich schon ein paar Mal gesehen und besonders mit Schläpfers Inszenierung habe ich mich im Vorfeld sehr ausführlich befasst. In unserer intensiven Vorbereitung, auf die Theresa bereits eingegangen ist, habe ich sehr viel darüber gelernt, was Schläpfer in seiner Inszenierung alles anders macht als andere Choreograph*innen: von den Schwänen tanzt nur Odette auf Spitze, die Nationaltänze streicht er raus, es gibt kein übermäßiges Flügelschlagen, Odile ist mehr eine Chimäre als ein Mensch und sie und Odette werden von zwei verschiedenen Tänzerinnen verkörpert. (In den meisten Choreographien sind die beiden als Doppelrolle besetzt.) Ich bin in den Abend mit der Erwartung gegangen, zwar Tschaikowskys Original-Musik zu hören, dazu aber einen völlig anderen Schwanensee zu sehen, bei dem ich mir nicht mal sicher war ob die Handlung wohl klar sein würde. Glücklicherweise lag ich total falsch.

Schläpfers Schwanensee ist genau das, was ich mir von einer Ballett-Inszenierung im Jahr 2019 wünsche.

Er erzählt die Geschichte um Siegfried, Odette & Co zwar mit vielen kleinen Änderungen – der Kern bleibt jedoch derselbe. Die Handlung wird klar und stringent vertanzt und ich habe den Inhalt genauso verstanden, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Das Setting ist ein wenig anders: Wir befinden uns eher bei einem Landadel als an einem prächtigen Königshof und die Distanzen zwischen Volk und Königin sind geringer. Hofleute, Schwanen-Frauen und das Gefolge von Odettes Stiefmutter: allesamt sind sie bei Schläpfer viel mehr Individuen und Charaktere für sich, anstatt eine Masse. Der Tanz ist psychologischer als gewohnt. Das liegt aber auch an der Kompanie, eine solch heterogene Truppe sieht man selten. Eine solche Inszenierung zeigt für mich, warum man Schwanensee auch heute noch neuchoreographieren kann, ohne das Stück gezwungen zu modernisieren und in einen aktuellen Kontext zu betten. Das Libretto bietet genug Stoff für eine tiefergreifende Auseinandersetzung mit Figurenpsychologien und gesellschaftlichen Normen, als es bei einigen anderen Inszenierungen thematisiert wird. Schläpfer zeichnet einen Schwanensee, der echt wirkt und der so ist, wie ich mir die Zukunft des Balletts vorstelle.

Die Pressestimmen, die die Kleider der Schwanen-Frauen als unschöne Gardinen bezeichnen und in Kostüm & Bühne eine brave Pseudomoderne sehen, kann ich nicht nachvollziehen. Ich liebe diese Schlichtheit und das unaufdringliche Bühnenbild, das sich in jedem Akt verändert, ist für mich gerade recht. Prunk und Tutus fehlen an keiner Stelle.

Um bei alldem das Wichtigste nicht zu vergessen: Getanzt wird einfach großartig! Die Tänzer*innen sind so unfassbar stark und präzise, wie ich es aus keiner anderen Stadt kenne. Die Kompanie, die wir am Tag zuvor schon bei einem Training beobachten durften, überzeugt auf der Bühne ohne wenn und aber. Siegfrieds Solo zu Beginn des 2. Aktes rührt zu Tränen und auch das tragische Ende lässt mich nicht kalt. Ihr merkt: Ich bin hingerissen. Und möchte noch viel mehr Schläpfer-Abende sehen.

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Hier einmal der Inhalt in Kürze:

Akt 1
Prinz Siegfried feiert gemeinsam mit Freunden, unter ihnen Benno, seinen Geburtstag. Seine Mutter platzt herein und eröffnet ihm, dass er bei einem Fest am kommenden Tag eine Frau wählen soll, um die Familiendynastie zu erhalten. Siegfried will aber sein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit nicht aufgeben.

Akt 2
Siegfried läuft verzweifelt in den Wald und trifft auf eine Gruppe von Schwänen, zu denen er sich magisch angezogen fühlt. Er folgt ihnen und sieht, wie sich die Schwäne in Frauen verwandeln. Unter ihnen ist Odette, die zwar von ihrem Großvater beschützt wird, jedoch ihrer Stiefmutter, einer bösen Hexe, und Rotbart ausgeliefert ist. Die Beiden halten, gemeinsam mit ihrem Gefolge, Odette und ihre Freundinnen gefangen. Nur tagsüber dürfen sie, verwandelt in Schwäne, die Freiheit genießen. Die Einzige Rettung: Die wahre Liebe. Siegfried schwört Odette seine Liebe. Stiefmutter und Rotbart kreieren einen bösartigen Zauber.

Akt 3
Auf der Verlobungsparty: Drei Prinzessinnen stellen sich vor. (Im „Original“: Nationaltänze verschiedenster Länder.) Ein unerwarteter Gast mit einer fremden Frau betritt den Saal. Siegfried glaubt es sei Odette und wählt sie zur Frau. Die Frau ist jedoch nicht Odette, sondern eine Chimäre, die von Rotbart und der Stiefmutter erschaffen wurde, um die Liebe der beiden zu zerstören. In diesem Moment kommt Odette im Bann ihrer Stiefmutter. Als Siegfried erkennt, dass er die falsche Entscheidung getroffen hat, verzweifelt er.

Akt 4
Odette flieht in größter Angst und Panik zurück zu ihren Freundinnen, gefolgt von Siegfried. Ihr Großvater versucht noch einmal die Liebenden zu schützen, doch vergeblich. Die Liebe ist verraten und Odette stirbt. Siegfried folgt ihr.

Zur Inszenierung

b.36 Schwanensee // Ballett am Rhein, Duisburg // Premiere: 15. September 2018

Studierendenkarten: zwischen 12 und 20€ (das System ist etwas komplizierter als in München); Vorstellungsdauer ca. 3 Stunden (eine Pause)

Musik „Schwanensee“ op. 20 von Peter I. Tschaikowsky

Choreographie: Martin Schläpfer
Musikalische Leitung: Lukas Beikircher / Axel Kober / Aziz Shokhakimov
Bühne & Kostüme: Florian Etti
Licht: Stefan Bolliger
Dramaturgie: Anne do Paço

Die Besetzung könnt ihr hier nachlesen: https://operamrhein.de/de_DE/termin/b-36.15297400

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