Kritik: Neunzehnachtzehn @TheaterKiel

Foto: Olaf Struck

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 03. Januar 2019

Hör dir hier Paulinas Kritik an!

Kiel wird oft unterschätzt. Das habe ich gemerkt, als ich letzten Oktober nach München gekommen bin. Klar, es ist keine Weltstadt wie Berlin wo Weltgeschichte geschrieben wurde und Millionen von Menschen wohnen, aber das kleine Kiel hat – was vielleicht gar nicht so viele genau wissen – auch Geschichte geschrieben. Vor hundert Jahren – im Jahre 1918.

Der 1. Weltkrieg war aus deutscher Sicht eigentlich schon verloren, aber die Offiziere wollten noch ein Manöver gegen England starten. Ein vermeintlich strategischer Schachzug, um sich in bessere Verhandlungsposition zu bringen. Der Einsatz: Das Leben hunderter von Matrosen. Die Matrosen und Arbeiter wollten sich aber natürlich nicht als Kanonenfutter hergeben, für einen Krieg der ohnehin schon aussichtslos verloren war und so wiedersetzten sie sich den Befehlen ihrer Vorgesetzten. In Zeiten der preußischen Obrigkeitshörigkeit im Militär ein unglaublich riskanter, mutiger Schritt. Sie riefen eine Revolution aus und boykottierten den Krieg. Der Ausbruch der Novemberrevolution, die letztlich zum Ende des Kaiserreichs führte, entflammte in Kiel und Wilhelmshaven.

Diesem Stück deutscher Historie widmeten sich der Politiker Robert Habeck und seine Ehefrau Andrea Paluch. Was vielleicht auch gar nicht so viele wissen, der Vorsitzende der Grünen (Ehemaliger Umweltminister Schleswig-Holstein) hat eine literarische Vergangenheit. Vor Zehn Jahren wurde das Gemeinschaftswerk der Eheleute „Neunzehnachtzehn“ erstmalig am Kieler Schauspielhaus inszeniert. Das 100-Jährige Jubiläum des Matrosenaufstandes war Anlass, das Stück wieder hervor zu holen und einen ganz besonderen Theaterabend zu gestalten.

„Jetzt geht es darum, dass von Kiel eine Woge durch die Republik rollt.“

– Revolutionäre

Das Publikum erlebte diesen Abend nicht als bloße Zuschauer, sondern als Teilnehmer*innen des Matrosenaufstandes und zwar an den Originalschauplätzen, an denen sich vor 100 Jahren die Szene der Revolution ereignete. Es begann im ehemaligen Marinegelände. In drei verschiedenen Gruppen erlebt das Publikum den Abend, aufgeteilt in Matrosen, Arbeiter und die Offiziere. Ich verbrachte den ersten Teil des Abends mit den Arbeitern und habe damit glaube ich eine gute Wahl getroffen. Mit meiner roten old-fashioned Taschenlampe, folgte ich den Gruppen in die Keller Räume, hörte wie sie unter den Repressalien der Offiziere litten, keine ordentliche Mahlzeit bekamen und wie der Gedanke an Revolution in den Köpfen der jungen Männer wuchs. Obwohl ich im Alltag nicht so revolutionär unterwegs bin, sprang der Funke sofort auf mich über.

Die ganze Inszenierung muss organisatorisch wirklich ein riesen Aufwand gewesen sein. Wir blieben nicht bloß im Marinegelände, sondern fuhren durch die ganze Stadt: Zum Gewerkschaftshaus, wo sich Arbeiter und Matrosen trafen, um ihr weiteres Vorgehen zu planen, und in die Feldstraße, wo Offiziere auf die Revolutionäre trafen und diese mit ihrer Schusswaffe angriffen. Die Gruppe der Matrosen und Arbeiter skalierte „Frieden und Brot“ und „Freiheit für unsere gefangen Kameraden“ und das gesamte Publikum rief aufgereiht und untergehakt mit.

„Völker hört die Signale“

– Die Internationale

Die jungen Arbeiter, allen voran Rudi Hindenburg, der dem Anführer der Revolution seine Stimme lieh, nahm die Gäste mit in die Gedankenwelt eines jungen Mannes, der von einer besseren Welt träumte. Die fiktive Figur Fritz, die in den Geschichtsbüchern sehr Karl Artelt gleicht, strozt erst vor kämpferischem Revolutionsgeist und stürtzt vor lauter Enttäuschung in eine tiefe Erschütterung. Erst fahnenschwingend die Internationale singend, dann zusammengekauert am Rande des Bühnenraums, besticht Hindenburg durch seine eingehende Stimme und besondere Ausdruckskraft.

Die Rolle des SPD- Abgeordneten Noske übernimmt Zacharias Preen, für mich in seiner besten Rolle, die ich bis jetzt von ihm gesehen haben. Noske wurde vom Berliner Reichstag entsandt, um weitere Eskalationen zu verhindern. Anne Rohde, die seit Sommer 2018 am Schauspielhaus Kiel engagiert ist, spielt die Luise Hinrichsen, Freundin des Fritz. Sie begeistert durch lässige Figurenführung und durch fein nuancierte Unterschiede im Laufe des Stücks.

Regisseur des Allrounderlebnisses war Michael Uhl, der in der durchweg positiven Kritik der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Regisseur 2. Klasse betitelt wurde, in vielen aber leider nicht so sehr im Mittelpunkt steht. Natürlich bestreite ich nicht, dass das Schauspielhaus Kiel nicht so bekannt ist, wie die Münchner Kammerspiele, aber dieser Abend kann mithalten mit aktuellen Inszenierungen an dem Münchener Haus. Und der Mut, sich an dieses riesen Projekt zu wagen, ist natürlich auf den Regisseur Uhl zurück zu führen, der das überhaupt möglich gemacht hat.

Immersive Theater wie wir es in London bei The Great Gatsby (Kritik weiter untern auf der Website) gesehen haben ist eine Sache, aber dieser Abend spielt noch mal in einer anderen Liga. Die Textgrundlage, der historische Stadtbezug, die leidenschaftlichen Revolutionäre und das emotional mitreißende Erlebnis sind hier wirklich einmalig und sollten auch über die Grenzen des Nordens publik gemacht werden.

Einen Beitrag des NDR könnt ihr hier finden: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/das/Kiel-Interaktive-Inszenierung-ueber-Matrosenaufstand,dasx17192.html

(Wie ich mich nach dem Abend gefühlt habe, kann man in dem Beitrag nur unschwer erkennen 😉 )

Zur Inszenierung

Neunzehnachtzehn // Theater Kiel // Premiere am 01. Dezember 2018 //
Studierendenkarten: 17,80 €; Vorstellungsdauer ca. 3 Stunde (eine Pause)

Regie: Michael Uhl

Ausstattung: Thomas Rump

Dramaturgie: Jens Paulsen

Gustav Noske, SPD, Reichstagsabgeordneter und Marinereferent der Fraktion: Zacharias Preen

Fritz Kemp, USPD, Fachkraft in der Tropedowerkstätten: Rudi Hindenburg

Karl Teise, Vertrauensmann der USPD: Jasper Diedrichsen

Luise Hinrichsen, Freundin von Fritz: Anne Rohde

Thomas Hinrichsen, SPD, Gewerkschaftsführer, Luises Vater: Matisek Brockhues

Dirk Sebag, Matrose im III. Geschwader: Maximilian Herzogenrath

Robert Schröder, Matrose im III. Geschwader: Tony Marossek

Vizeadmiral Wilhelm Souchon, Gouverneur von Kiel: Imanuel Humm

Kapitän zur See: Wilhelm Heine

Stadtkommandant von Kiel: Marko Gebbert

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