Kritik: Frau F. hat immer noch Angst @HochX

Foto: Judith Buss

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 17. Januar 2019

Hör dir hier Theresas Kritik an!

Die freie Szene zu unterstützen ist mir wichtig und sollte bei mehr Theatergängern auf der To-Do Liste stehen. Umso mehr tut es weh nun eine nicht besonders positive Kritik zu einem Stück der freien Szene zu schreiben. Das Konzept der Inszenierung ist grundlegend keine schlechte Idee, die Bühne eine Herausforderung und das Thema kann auch gerne behandelt werden, doch leider wurde nicht viel bis zum Ende gedacht. Details, Blicke, Gesten, Requisiten waren plakativ und suggerierten, dass sie für eine tiefere Ebene und Bedeutung ständen, doch so viel schwebte gar nicht zwischen den Zeilen. Der Abend war strukturiert durch kurzweilige lebende Bilder. Unterbrochen wurden diese durch einige Sekunden anhaltende Blacks, in denen sich die Schauspieler*innen neu formierten. Dieses Konzept ist zu Beginn nicht wirklich zuschauerfreundlich. Es fordert eine bestehende Sehgewohnheit des Theaterpublikums heraus. Das ist grundsätzlich eine positive Eigenschaft, jedoch gewöhnt man sich recht schnell daran und die Novität nimmt ab. Respekt vor den Schauspieler*innen habe ich auf jeden Fall. Die Szenenabfolgen passieren Schlag auf Schlag. Innerhalb von Sekunden müssen sie sich auf einer äußerst schmalen Bühne neu orientieren. Leider hat man das Gefühl, dass mehr an den Abläufen und Laufrichtungen gearbeitet wurde, als an den Szenen und künstlerischen Aspekten selbst. Vielleicht sprechen der Regisseur und ich auch einfach nur eine andere Sprache und konnten keinen gemeinsamen Nenner in dieser Inszenierung finden.

Ivanas Kritik – Besuchte Vorstellung: 17. Januar 2019

Hör dir hier Ivanas Kritik an!

Ein Abend in der freien Szene und ich war so gespannt, was es mit Frau F auf sich hat.

Für meinen ersten Eindruck konnte diese Inszenierung im Hoch X vielleicht noch nicht einmal etwas. Ich bin gar kein Fan von Puppengesichtern auf der Bühne und als die vier Hauptdarsteller nun also dementsprechend geschminkt das erste Mal vor uns traten, hatte ich schon kein gutes Gefühl für das, was da kommen wird. Das Stück besteht aus Episoden, immer nur einige Minuten lang, die den Alltag einer Durchschnittsfamilie darstellen sollen. Immer unterbrochen durch eine Schwarzschaltung, die einige Sekunden dauert und mit einem mechanischen Surren unterlegt ist. Leider habe ich es so gar nicht geschafft, in das Stück hinein zu finden. Es bleiben relativ beiläufige und nicht unbekannte Szenarien in einer übertriebenen und „abstrakten“ Darstellung. Diese Abstraktheit hat meiner Meinung nach allerdings nicht wirklich funktioniert hat, da sie zu erzwungen war und alles zu offensichtlich. Außerdem fehlte mir die Tiefgründigkeit. So sollte erzählt werden, wie ähnlich sich klassische Familienkonstrukte sind, welche Abläufe, Vorfälle und Ängste diese teilen und was für eine Rolle das Bewahren des äußeren Scheins spielt. Diese Idee war also folgendermaßen umgesetzt: Ein Vater. Eine Mutter. Ein Sohn. Eine Tochter. Das Szenenbild, der Innenraum eines Familienhauses. Also gab es ein Bett, ein Bad und einen Tisch mit Stühlen. Dann werden sehr statisch und überspitzt Abläufe eines Familienalltags dargestellt. Das erscheint mir nicht sehr innovativ.

Dazu kommen meine Selbstmord-Schwestern-Flashbacks aus den Kammerspielen, die nicht sehr förderlich waren. Die Farbgebung, die lächelnden Puppengesichter, die sich mir nicht erklärende Videoinstallation, die auch über die Philosophie des Lebens erzählt hat und natürlich die Videos der fliegenden Katzen vor dem Universum: Bei mir bleibt die Frage – Warum?

Zwischen den Episoden der Familie taucht auch hin und wieder eine Episode zu einer alten Frau auf, die allein in ihrer finsteren Wohnung sitzt und wohl also immer noch Angst hat. Frau F soll vielleicht den Durchschnittssenior verkörpern, der verbittert und verlassen, voll Angst im Herzen und abgeschottet von der Außenwelt sein Dasein fristet. Und sich eben alte Videos ansieht, die erklären, wie der Sinn des Lebens funktioniert. Diese 3-4 kurzen Sequenzen haben für mich ein bisschen mehr transportiert und einen Gegenpol zu den anderen Episoden geboten, der auf alle Fälle notwendig und wichtig war.

Den Schauspielern zolle ich meinen Respekt, da die herausfordernden Abläufe gut funktioniert haben und das größtenteils im Dunkeln.  Der Inszenierung fehlt für mich leider aber die künstlerische Innovation und wie bereits erwähnt, das Weiter- und Dahinter-Denken.

___________________________________

Freie Szene

Die freie Szene zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Dieses Wort beschreibt so viel. Grob gesagt umfasst es alle Produktionen, die nicht an den großen Häusern (wie in München das Residenztheater oder die Kammerspiele) laufen. Die Produktionen müssen Förderanträge bei der Stadt stellen oder sich wo anders Sponsoren suchen. Das ist ein immenser Aufwand und auch einigermaßen kompliziert. Daher ist es wichtig die Künstler zu unterstützen und Aufführungen der freien Szene zu besuchen. Es lohnt sich auch wirklich: Man bekommt allerhand verschiedenes zu sehen, von HipHop über postdramatisches Theater bis zu Performances ist alles dabei. Es ist besonders schön neue und junge Künstler*innen auf ihren Wegen zu begleiten und ihre Anfänge mitzuerleben. Die freie Szene in München könnte größer sein um ganz ehrlich zu sein. Aber es gibt doch ein Paar Anlaufstellen wie unter anderen das HochX und das Pepper Theater, die Spielorte interessanter Produktionen sind.

Zur Inszenierung

Frau F. hat immer noch Angst // HochX // UA: 15.01.2019 //

Studierendenkarten: 10€

Konzept, Regie, Text: Emre Akal
Dramaturgie: Kai Krösche
Bühne: Sina Gentsch
Kostüm und Maske: Bettina Kirmair
Sound, Komposition und Synchronisation: Greulix und Taison / Portmanteau
Stimmverrichterin: Ruth Geiersberger
Video: Kazim Akal
Licht und technische Leitung: Rainer Ludwig
Produktionsleitung: Rat&Tat Kulturbuero
Pressearbeit: Kathrin Schäfer KulturPR
Regieassistenz: Melanie Lyn
Bühnenbildassistenz: Steffi Zimmer
Maske und Kostümassistenz: Ji Hyung Nam

mit

Julia Carina Wachsmann
Carina Werthmüller
Olaf Becker
Robert Naumann
Erkin Akal

2 Kommentare zu „Kritik: Frau F. hat immer noch Angst @HochX

Gib deinen ab

  1. Danke für eure Kritiken!

    Schade, dass ihr wenig über die Stimmung und Atmosphäre geschrieben habt, die meiner Meinung nach durch das puppenhafte der Figuren und die minimalistischen, plakativen Bewegungen übermittelt wurde. Die war meiner Meinung nach nämlich voller Spannung und Angst und auch der Kern des Stücks, in dem nämlich gerade nichts „erzählt“, sondern eben diese Stimmung erzeugt werden sollte.

    Die Szenenabfolge fand ich teilweise auch etwas holprig, was leider sehr gestört hat.

    Die Videos, die gezeigt wurden, hatte ich eher als verschiedene mögliche Angstquellen verstanden, als als Beiträge über den Sinn des Lebens.

    Ich denke allem in allem war es keine einfache Inszenierung und man hätte mehr daraus machen können, aber eine tiefere Ebene hat sich für mich durchaus aufgetan und besonders die Vermittlung von Gefühlen und Stimmunngen hat für mich doch durchaus funktioniert.

    Liken

    1. Liebe Miriam, danke für deinen Kommentar und deine Eindrücke zu „Frau F.“! Unsere Kritiken geben das wieder, was wir persönlich bei einer Aufführung gefühlt haben und was bei uns ankam – und das ist ja bei allen Zuschauer*innen zum Glück total verschieden. Dementsprechend liegt auch der Fokus in unseren Kritiken jedes Mal anders, auf dem, was uns wichtig erscheint und was „hängen blieb“ 🙂 Daher: Super, dass du noch mal so eine ganz andere Sicht auf die Inszenierung hast, mit der vielleicht ein paar Leser*innen eher einhergehen als mit Theresas oder Ivanas Kritik! Gerne mehr davon, wir freuen uns über solche Kommentare, denn diese verschiedenen Meinungen aufzuzeigen ist schließlich das Ziel der Theatertanten 🙂 Schönes Wochenende! Julia

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: