Kritik: Philipp Lahm @Marstall

Foto: Julian Baumann

Ivanas Kritik – Besuchte Vorstellung: 22. Januar 2019

„Was ist mit einem Film, der nachts im Mariannengraben spielt? Oder ein Film über Grüntee?“

Philipp Lahm. Für viele, gerade natürlich hier in der Gegend München, ein Held der Nation. Wie das Thema, ist auch das Stück von einer etwas anderen Art. Und nun zum letzten Mal im Marstall über die Bühne gegangen. Wir waren dabei.

Der Philipp Lahm. Fußballer, wohl allgemein bekannt, Weltmeister geworden, in Interviews die Nettigkeit in Person. Was soll man denn da erzählen? Hier stellt man anhand dieser Figur dar, wie durchschnittlich, naiv und beiläufig, manche beziehungsweise viele von uns ihr Leben führen.

Die Bühne ist viergeteilt. Links ein Green-Screen, in der Mitte ein voll ausgestattetes Wohnzimmer, mit Regal im Hintergrund, Deko, Couch, TV, etc. Dann eine riesige Anzeigetafel, die uns mit Szenen-, Ort- und Zeitangaben durch den Abend führt und rechts eine Fußball-Interview-Wand. Die One-Man-Show setzt die Räume geschickt ein, während auch immer wieder Dialoge zwischen Lahm und Lahm in Videoinstallationen stattfinden. Der großen Anzeigetafel zugehörig, leitet auch ein Voiceover durch die Aufführung und unterhält sich mit dem Schauspieler. Ein Highlight sind die Videos, die auf selbiger Tafel hin und wieder abgespielt werden: Lahm in seiner Wohnung, der zur Hälfte in einer Wand steckt. Der ein bengalisches Feuer hält. Der starr auf einem Regal liegt. Der seinen Kopf unter einen Lampenschirm hält. Der seinen Kopf durch eine Wand rammt. Der nichtssagend in die Kamera sieht, während hinter ihm ein Bagger sein Wohnzimmer zerstört. Der in der Schaufel eines Baggers liegt und langsam heraus rollt. So absurd. Das war witzig.

Das ganze Stück besteht aus verschiedenen Szenen, die das Leben Lahms formen. Seine banalen Gedanken, Interviews, Gedichte, die er nachts schrieb und uns vorträgt. Urlaube, Musik, die ihn beschäftigt und die er für uns natürlich auch performt. Seine großen Entscheidungen, wie welches Essen er bestellen sollte, die Frage, ob seine Seelenverwandte auf Korsika wohnt und sie sich nie kennenlernen werden oder seine politischen Haltungen, die keine Haltungen sind, weil er sich einfach immer nur anpasst, um auf der richtigen Seite zu stehen. Das Richtige tun. Das definiert ihn. Bloß nicht auffallen, bloß nicht polarisieren, bloß nicht die gemütlichen, schönen, angenehmen Gewohnheiten verlassen. Bloß keine Veränderung. Vielleicht findet sich der ein oder andere im Publikum in den ein oder anderen Aspekten hier auch wieder. Und das ist es wohl, um das es geht.

Die anderthalb Stunden sind unterhaltend. Lachen musste ich auch immer wieder, schmunzeln eigentlich dauerhaft. Das Stück wird mir nicht lange im Kopf bleiben. Da steckt nicht so viel Tiefe darin, dass man nach dem Theater erstmal Stunden nachdenken muss. Es war einfach und es war einfach unterhaltend und das fand ich auch mal wieder schön.

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 22. Januar 2019

Hör dir hier Julias Kritik an!

Wie kommt man auf die Idee, einen Theatertext über Philipp Lahm zu schreiben? Eine Biographie über Philipp Lahm mit diesem Namen, das wäre verständlich, aber ein Stück, das noch nicht mal seine Lebensgeschichte abarbeitet sondern mit der Idee „Philipp Lahm“, mit dem Konstrukt, mit dem Typ Mensch spielt?

An dieser Stelle muss ich kurz zugeben: Ich bin kein Fußballfan, kenne weder alle Spieler vom FC Bayern München (Sorry, Ivi!) noch ärgert es mich, dass ich sie nicht kenne. Aber als Großveranstaltungs-Mitläuferin die ich offenbar bin, habe ich natürlich mal das ein oder andere WM Spiel angeschaut und Philipp Lahm siegen sehen. Infos über seinen Werdegang, Interviews mit ihm oder sonstiges – das übersteigt aber wirklich mein Sportinteresse. Ich fragte mich also: Würde ich überhaupt einen Zugang zu diesem Stück finden, oder ist es sowas wie „Wir sind Borussia“ im Theater Krefeld Mönchengladbach, das hauptsächlich Fans des Fußballvereins ins Theater lockt und deren Witze und Anspielungen ich nicht verstand?

Darauf mit „Nein“ zu antworten fällt mir jetzt leicht. Robert Gerloffs Inszenierung von „Philipp Lahm“ und auch Michel Decars Text an sich behandeln Fußball und Lahms Biographie nur am Rande. Es geht um das, was Lahm laut Decar in der Gesellschaft ist: ein durchschnittlicher Ausnahmefußballer. Jemand, für den Fernsehen und früh ins Bett gehen eine Haltung ist. Ein ruhiges Leben, das keine unvorhersehbaren Wendungen oder Schicksalsschläge erlebt. Durch eine solche Ereignislosigkeit stellen Decar und Gerloff auch dramatische Traditionen in Frage: Zuschauer*innen sehnen sich doch nach einem Spannungsbogen, nach unerwarteten Peripetien und allem, was Aristoteles & Co. sonst noch als Bestandteile festgelegt haben, die ein Drama zu einem Drama machen. In Philipp Lahm gibt es das nicht. Nach eigener Aussage ist in der ersten Szene des Abends alles gut und in der letzten nur noch besser. „DRAMA TURGIE“ erscheint im Verlauf des Abends mehrmals in Großbuchstaben auf der Leinwand, die neben einem Green-Screen und einem Wohnzimmer den größten Teil der Bühne ausmacht. Diese Projektion ist wohl nötig, damit die Dramaturgie hier überhaupt einen Platz findet.

„Philipp Lahm hat den kompletten Shakespeare entwertet wie einen Einzelfahrausweis.“

Ich finde diese Abrechnung und Infragestellung der Dramatik großartig.  Der Abend besteht aus vielen kleinen Sequenzen, immer übertitelt mit „Szene soundso, Innen, Nacht“, die weder aufeinander aufbauen noch sonst bedeutsam zusammenhängen. Es sind Ausschnitte, Momente aus einem Durchschnittsleben, die mich, vermittelt durch wunderbaren Wortwitz und ohne viel „gezwungenes Lustigsein“ an viele Personen und Situationen meines Lebens erinnern.

Auch die Form des Textes muss erwähnt werden: „Philipp Lahm“ ist quasi ein Live-Drehbuch zu einem Film über Philipp Lahm, das eigentlich hätte geschrieben werden sollen. Die Szenen bestehen oft hauptsächlich aus Floskeln und von denen sind bei mir viele Hängen geblieben. Floskeln eines Menschen, für den „Okidoki“ zur Antwort auf quasi alles wird und dessen Experimentierfreude darin besteht, sich „interessante“ Filme auf Arte und 3Sat anzusehen.  

Die letzten 20 Minuten des Stücks ziehen sich leider etwas. Nun kann man sagen, dass das ja so gewollt war, dass der Spannungsbogen fehlt und es keine Wendungen gibt. Allerdings habe ich vor ca. 2 Wochen Gerloffs „Tartuffe“ Inszenierung in Düsseldorf gesehen und da ging es mir am Ende ähnlich, deswegen weiß ich nicht sicher ob ich es auf den Text oder die Inszenierung schieben soll.

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 22. Januar 2019

Hör dir hier Theresas Kritik an!

Philipp Lahm ist eine Erscheinung, das muss ich ganz ehrlich sagen, über die ich mir nicht besonders viele Gedanken mache. Ich weiß, dass sie existiert und in welchen Positionen, aber sonst ist er niemand, der mich sonderlich interessiert. Dass mein ehemaliger Nachbar einst sein Mathelehrer war, war wohl der nächste Berührungspunkt von meiner Seite. Auf jeden Fall ist es niemand über den ich gedacht habe, dass er einmal titelgebend für ein Theaterstück sein wird. Nein, das sicherlich nicht.

Nun ist das aber der Fall und es ergibt nach dem Abend im Marstall auch irgendwie, auf eine paradoxe Art und Weise, Sinn. Thematisiert wird nicht, wie man es eventuell erwarten würde, die Karriere eines Fußballspielers. Es geht vielmehr um Philipp Lahm als Mensch. Philipp Lahm als Mensch an sich und Philipp Lahm als Mensch der Öffentlichkeit. Ein Mensch ohne extreme Haltungen und ohne dunkle Geheimnisse oder schlechte Eigenschaften. Ein Mitläufer der Sicherheit und tugendhaften Moral könnte man vielleicht sagen. Immer ist alles „oki doki“. Das ist ein interessanter Gedanke wie ich finde und womöglich genau der Grund warum mir das Thema Philipp Lahm so egal ist und so unbedeutend ist. Ist Philipp Lahm also repräsentativ für den Durschnitts-Deutschen?

Bei den unglaublich komischen Momenten des Abends schwingt fast immer ein bedrückender Ton mit. Es ist beinahe unangenehm Gunther Eckes in der Rolle des Philipp Lahms zu beobachten; wie jede bewusst positionierte Meinung auf der sogenannten sicheren Seite ist. Die Vorhersehbarkeit der Aussagen treibt die Komik immer weiter voran. Die Aufführung beginnt mit dem Auftreten der Figur und einer Erzählerstimme, die Philipp Lahm den Großteil des Abends begleitet. Dadurch fühlt man sich im Publikum, wie ein Zuschauer einer Reality-TV Sendung. Vielleicht mit dem Titel „Philipp Lahm – dahoam is dahoam“ oder, um näher am Stück zu bleiben „Philipp Lahm – Der Garant“.

Neben den Erzählungen der Hauptfigur (der einzigen Figur), ist besonders die aufwendige Videoinstallation Auslöser komischer Momente. Immer wieder werden bizarre Szenen und Bilder gezeigt, die durch ihre Absurdität Lacher hervorrufen. Ja, man lacht an diesem Abend über Philipp Lahm, vielmehr wird man sich jedoch der stereotypen Figur bewusst, die er womöglich verkörpert.

Ich muss dennoch sagen, dass sich die Aufführung gegen Ende etwas in die Länge zieht. Irgendwann wurden dann doch alle notwendigen Witze gemacht und keine neue Aussage kann mehr getroffen werden.

Paulinas Kritik –Besuchte Vorstellung: 22. Januar 2019

Hör dir hier Paulinas Kritik an!

Sommer 2006. In Deutschland tobt das Sommermärchen und mein junges Ich träumt gemeinsam mit Freundinnen davon, wie es wohl wäre, wenn die Fußballer der Nationalmannschaft unsere Väter wären. Der „Spiel“-Vater meiner besten Freundin war Philipp Lahm. Vier Jahre später tanzte Shakira Waka-Waka in Südafrika. Vier Jahre später sang Andreas Bourani „Ein hoch auf uns“. (2018? War da was?) In diesen Intervallen bewegen sich meine Fußballerinnerungen. Ein richtiger WM (Event-)Fan bin ich. Alle vier Jahre. Aber Philipp Lahm, der ist natürlich jedem bekannt.

„Manche sagen, ich bin so langweilig, dass es weh tut.“

Philipp Lahm ist „fair und korrekt, immer mit Anstand und Stil, und natürlich auch maximal erfolgreich“ aber gleichzeitig ist er auch ungewöhnlich glatt und ungreifbar. Offensichtlich also keine Grundlage für eine spannende Story mit Entwicklung, Katastrophen oder anderer Aktion. Im Stück von Michael Decar soll es aber auch nicht um eine historisch-biografische Aufarbeitung von dem Leben des Ex-Kapitäns gehen, denn so viel gäbe es – aus der Beobachter Sicht – nicht zu erzählen, abseits einer super Karriere natürlich.

Sein Leben spiegelt die durchschnittliche Mentalität eines langweilig bis spießigen Mannes wieder, der täglich austauschbare Situationen erlebt – ohne Hochs, aber auch ohne Tiefs.

„Manche sagen, dass das Glück nur existieren kann, wenn es auch das Unglück gibt. Aber das glaube ich nicht.“

Der Abend war auch dementsprechend aufregend. Teilweise gab es wirklich wahnsinnig unterhaltsame Passagen des One-Man-Show-Schauspielers Gunther Eckes, aber es war nicht die Art der Stücke, die während der Vorstellung mitreißt oder berührt. Leider bin ich mit meinen Gedanken immer wieder an den Fahnen im Hintergrund des Bühnenbildes hängen geblieben und habe über meine nächsten Reisepläne nachgedacht, also kein Zeichen für ein packendes Stück. Ähnlich wie bei einer DVD, die man nach 90 Minuten wieder ausschaltet, ein bisschen schmunzelt, einschläft, aber am nächsten Tag wieder den Titel des Films vergessen hat.

Aber auch wenn ich während des Stückes nicht so viel mitgenommen habe, sind jetzt, während ich hier die Kritik schreibe, neue Gedanken zu Decars Stück in meinem Kopf.

Diese „Fahrradhelm“ Mentalität, die hier im Stück aufgegriffen wurde, ist im Alltag vielleicht doch präsenter, als man es vielleicht hören mag. Natürlich sollte jede*r einen tragen, das will ich nicht sagen, aber das zu besonnene und das zu durchdachte, was hier im Stück verhandelt wird, kann einem so viele Wege versperren. Wahrscheinlich führt das ständige Abwägen von (meinen geliebten) Pro und Contra Listen, dazu, dass man irgendwann etwas Großes verpassen könnte vor lauter Denkarbeit. „Einfach machen“ wäre also das konträre Motto des Abends.

Dazu passt der Sticker, den Ivi und ich vor der Vorstellung im Marstall entdeckt haben: „Man denkt ja immer, man würde etwas verpassen“.
Philipp Lahm wirkt aber so, als sei er mit seinem langweiligen Leben glücklich. So als gäbe es gar nichts, was er unbedingt erleben wollen würde, gar nichts worüber er stundenlang grübelt.

Mein Fazit erinnert mich an mein Abibuch von 2016: Was bin ich in 20 Jahren? Hoffentlich nicht spießig. – also hoffentlich nicht die Art von Mensch, die in „Philipp Lahm“ verhandelt wurde. Hoffentlich!

Zur Inszenierung

Philipp Lahm von Michel Decar // Marstall, München // Premiere: 16.12.2017 //

Studierendenkarten: 8 €; Vorstellungsdauer 90 min (Verlängerung und Elfmeterschießen möglich)

Regie: Robert Gerloff
Bühne: Maximilian Lindner
Kostüm: Johanna Hlawica
Licht: Uwe Grünewald
Musik: Cornelius Borgolte
Video: Florian Schaumberger
Dramaturgie: Angela Obst

mit

Gunther Eckes: Philipp Lahm
Robert Dölle: Stimme


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