Kritik: Frühlings Erwachen @Schauburg

Foto: Judith Buss

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 23. Januar 2019

Hör dir hier Julias Kritik an!

Frank Wedekinds Kindertragödie brachte zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eins der ersten Stücke die psychische Instabilität von pubertierenden Jugendlichen auf die Bühne. Ihre aufkeimende sexuelle Neugier und die Intoleranz ihrer Eltern und der Gesellschaft – das waren brisante Thematiken, die bis dahin zu wenig behandelt wurden. Jan Friedrich inszeniert das Drama auf der großen Bühne der Schauburg, Münchens Stadttheater für junges Publikum.

Dass Friedrich zeitgenössische Puppenspielkunst an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin studiert hat, erkennt man in Frühlings Erwachen deutlich: Er übersetzt die „Masken“ der Gesellschaft, unehrliches und von sozialen Zwängen geleitetes Verhalten und schnell projizierte Urteile in seine Bilder. Es wird mit echten Puppen gespielt und mit puppenhaften Bewegungen der maskierten Schauspieler, die ihre Masken nur absetzen, wenn ehrliche, triebhafte Züge der Figuren rauskommen sollen. Zudem arbeitet Friedrich mit Live-Kameras, die die Schauspieler auf der Bühne selbst bedienen, und mit Projektionen dieser Videos, die dazu führen, dass wir manche Geschehnisse nur „aus zweiter Hand“ mitbekommen. Durch diese Verfremdung und Überspitzung wird mir als Zuschauerin die Tragik der Jugendlichen nochmal bewusster.

An der Dramenhandlung bleibt Friedrich relativ nah dran (wer von euch die Handlung nicht kennt, kann sie sich auf Wikipedia durchlesen, da ist sie echt sehr gut zusammengefasst). Lediglich gegen Ende der Inszenierung weicht Friedrich deutlich von der Vorlage ab, als er die Szene, in der Hänschen Rilow und Ernst Röbel ihre Homosexualität entdecken und sich im Gras liegend küssen, auf zwei Frauen überträgt. Das halte ich für eine gerechtfertigte Entscheidung, die vor allem im Kinder- und Jugendtheater eine wichtige Debatte aufgreift.

Das Bühnenbild zeigt, passend zum genannten Puppenspiel, die meiste Zeit ein Haus, welches sowohl Klassenzimmer, Wohnzimmer verschiedener Familien, Badezimmer und Heuboden beherbergt und an ein Puppenhaus erinnert. Räume werden klug umfunktioniert und das Bühnenbild trägt zur Handlung bei. Hinter diesem Haus passieren Szenen, die wir als Zuschauer hauptsächlich per Live-Kamera verfolgen können. In der letzten Szene, die auf dem Friedhof spielt, ändert sich das Bühnenbild und wir sehen plötzlich ein geschlossenes Haus mit einem Dach, auf dem der tote Moritz auftaucht. Diese Friedhofsszene ist die einzige Szene, die mich ein bisschen verwirrt und sich leicht in die Länge zieht. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau, denn ich bin insgesamt sehr begeistert von Friedrichs Inszenierung, die die wichtigsten Aspekte von Wedekinds Drama deutlich macht, aber trotzdem nicht plakativ wird.

Die Jugendlichen und Schulklassen um mich herum schienen teilweise ergriffen, teilweise aber auch überfordert mit der Situation zu sein – vor allem was Nacktheit auf der Bühne betrifft. Und auch wenn mich die Kommentare links und rechts von mir („Der zieht sich jetzt nicht aus, oder?“, „Boah, die ist safe schwanger!“) während der Vorstellung etwas genervt haben, denke ich mir mittlerweile, dass es doch toll ist, wenn ein Theaterstück solche Reaktionen hervorrufen kann und Jugendliche zwingt, sich mit Sexualität und verschiedenen Auslebungen davon auseinanderzusetzen.

Frühlings Erwachen ist freigegeben ab 14 Jahren bzw. ab der 9 Klasse, was, wie ich im Nachgespräch mit der Theaterpädagogin Xenia Bühler und den Schauspieler*innen Anne Bontemps und Janosch Fries erfahren habe, zur Zeit der Premiere noch anders war. Das Alter wurde hochgesetzt und trotzdem muss die Schauburg bei einer solchen Produktion mit viel Kritik und Gegenwind umgehen können, vor allem durch Pädagog*innen, die die Schauburg mit ihren Schulklassen besuchen. Das zeigt aber nur einmal mehr, wie wichtig ein Theater für Kinder und Jugendliche ist, dass sich seines Einflusses bewusst ist und gezielt Themen verarbeitet, die vielleicht in anderen Situationen zu wenig Aufmerksamkeit bekommen.

Wer ein paar meiner Kritiken aufmerksam gelesen hat wird feststellen: Ich kann mit dem Satz „dieses Drama ist gerade heute wichtig“ nicht viel anfangen. Letztlich war dieses Stück nämlich nie unwichtig, denn auch wenn sich jede Generation für aufgeklärter als die Vorherige hält, gibt es immer noch Familien und Institutionen in denen keine oder wenig sexuelle Aufklärung stattfindet und die noch immer nicht gelernt haben, dass man seinen Kindern Raum zum entdecken geben sollte, mit Toleranz und Verständnis. Also: Danke, Jan Friedrich, für diese großartige Inszenierung auf dem Spielplan der Schauburg!

Zur Inszenierung

Frühlings Erwachen von Frank Wedekind // Schauburg (Große Burg) // Premiere: 19. Januar 2018 //

Studierendenkarten: 7€; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunden 45 min (keine Pause)

Inszenierung & Maske: Jan Friedrich
Bühne & Kostüm: Alexandre Corazzola
Musik: Felix Rösch
Dramaturgie: Anne Richter

Mit

David Benito Garcia
Anne Bontemps
Pan Aurel Bucher
Janosch Fries
Anna Mattes
Simone Oswald
Helene Schmitt


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