Kritik: Tartuffe @Düsseldorfer Schauspielhaus

Foto: Sandra Then

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 06. Januar 2019

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Enge, bunte Latexanzüge in Lackoptik. Bei diesen Worten kommen euch bestimmt verschiedenste Assoziationen in den Kopf. Aber wahrscheinlich kommt keine*r von euch auf Molière oder die französische Komödie. (Wenn doch, dann Chapeau an eure Phantasie). Für den Jungregisseur widerspricht Latex aber in keiner Weise dem französischen Klassiker: Robert Gerloff zieht den 350 Jahre alten Figuren ein neues Gewand an, fern von jeglichem naturalistischen Kostüm. Die Frisuren in Plastikoptik und das 90er Jahre Make-up vervollständigen auf den ersten Blick das Bild des Ensembles.

Absurd. Dieses Wort beschreibt diesen Abend ganz gut. Da ist zum einen das, schon angesprochene, verrückte Kostüm, das, verstärkt durch ein knalliges aber schlankes Bühnenbild in Form von drei riesigen bunten Luftballons, das Setting ergibt. Zum anderen ist da aber auch ein wirklich absurder Charakter, den Molière titelgebend in dieser Komödie zeichnet. Tartuffe.

Tartuffe ist ein Geistlicher, der nach außen wie ein ruhiger besonnener Mann wirkt, doch wenn kein Anderer dabei ist, verhält er sich alles andere als heilig. Mit seiner betrügerischen Art schafft er es immer wieder Menschen zu manipulieren. Besonders beliebte Opfer sind bei ihm (oh Wunder) die Frauen. Diesen Herrn möchte das Familienoberhaupt Orgon nun aber an seine Tochter Mariane verheiraten. Mariane hat zum einen kein Interesse an dem skurrilen Tartuffe und zum anderen schon einen potentiellen Ehemann gefunden. Trotz Warnungen der Familie versucht Orgon seine Tochter zu überzeugen. Er scheint nicht zu erkennen, was für einem Perversling er sein eigenes Kind anvertrauen will. Von dem Charisma des „frommen“ Tartuffe lässt sich Orgon so sehr einlullen, dass er ihn darüber hinaus als alleinigen Erben einsetzt. Fast scheint Orgon Tartuffe selbst ein wenig verfallen zu sein. Eine explizite Begründung für das fast schon schmachtende Verhalten fehlt allerdings in der Ausarbeitung am Düsseldorfer Schauspielhaus.

Das Regieteam setzt auf eine Überspitzung der, in Reimform geschriebenen, Geschichte, die symmetrisch mit den Bildern auf der Bühne harmoniert. Durch diese bewusste Übertreibung wird die Fallhöhe der Dramatik immer mehr gesteigert, um hier den Widerspruch zu verdeutlichen. 

Gegen Ende zieht sich der Abend leider doch etwas. Aber kurz vor Schluss gab es noch mal einen richtigen Plot Twist: Denn anders als im Original kommt Tartuffe nicht davon, sondern er wird so bestraft, wie er es verdient hat und kommt ins Gefängnis.

Den 350 Jahre alten Stoff in Latexoptik kann man sich am Düsseldorfer Schauspielhaus wieder am 01.03. anschauen. Leichte Kost mit tiefem Kern.

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 06. Januar 2019

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Es ist immer spannend in anderen Städten ins Theater zu gehen. Manchmal hat man das Gefühl in der eigenen Stadt schon alles gesehen zu haben. Das stimmt natürlich nicht, aber man hat von jeder Inszenierung schon irgendetwas gehört. Da tut es gut mal ganz unbefangen in ein Stück zu gehen. Molières Tartuffe wird derzeit, so ist zumindest mein Gefühl, viel an deutschen Bühnen gespielt. Es scheint wohl einen Nerv unserer Zeit zu treffen.

Es war sehr erfrischend für mich mal wieder einen Komödien-Klassiker zu sehen. Man denkt viel zu selten an sie, obwohl sie definitiv nicht zu unterschätzen sind. In Düsseldorf wird das Komische besonders durch die Kostümierung und das Auskosten der reimenden Verse hervorgehoben.

Die Kleidung der Figuren ist aus enganliegendem Latex geschneidert und passt hervorragend zu dem absurden Bühnenbild. Dieses besteht aus drei riesigen bunten Luftballons, die auf einer Drehbühne stehen oder über ihr schweben.

Die schwere Geschichte, die dem Drama zugrunde liegt, wird, ganz nach Molière, bunt verpackt und mit viel Humor erzählt. Doch wer zwischen den Zeilen liest kann die Abgründe und dunklen Seiten erkennen. Das ist eben genau Molières Stärke: Wichtige und kritische Themen in eine Komödie zu verpacken.

Im Großen und Ganzen ist die Inszenierung diesem Tonus von Molière treu geblieben. Der eigene Twist liegt bei Bühnenbild, Kostüm und dem veränderten Ende, das nochmal mehr die Figur Tartuffe kritisiert.

Leider hat sich der Abend gegen Ende ein wenig in die Länge gezogen. Der erste Teil war von herzlichen Lachern durchzogen, die mit der Zeit immer weniger wurden. Ein paar mehr Striche hätte das Regiebuch wohl vertragen.
Nachdem ich nun die Inszenierung in Düsseldorf gesehen habe, möchte ich auf jeden Fall die Münchner Inszenierung am Residenztheater besuchen, um zu sehen wie Molières Stück noch verpackt werden kann. 

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 06. Januar 2019

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Das Düsseldorfer Schauspielhaus sollte für mich eigentlich ein bisschen „Heimat“ sein, denn immerhin bin ich nicht so weit entfernt von Düsseldorf aufgewachsen. Trotzdem war ich früher deutlich öfter im Theater Krefeld Mönchengladbach und war irgendwie wahnsinnig froh, jetzt auch mal wieder das Düsseldorfer Haus zu besuchen. Die letzte Inszenierung, die ich dort gesehen hatte, war Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ und ich erinnere mich noch gut, dass Torben Kessler damals in der Rolle des Phileas Fogg glänzte. Ihn jetzt, zwei Jahre später in der Rolle des Orgon wieder zu sehen, vermittelte mir dann doch das ersehnte Heimatgefühl. 🙂

Jetzt aber zur Inszenierung. Ich habe Tartuffe zwar im Französisch LK gelesen (und freue mich grade, dass ich diesen Satz auf Theatertanten.com nun schon zum zweiten Mal schreiben kann), habe die Komödie aber noch nie auf der Bühne gesehen. Das Stück erfordert eine Inszenierung mit viel Humor und so ist Robert Gerloff offenbar auch an seine Arbeit gegangen. Zu Bühne und Kostüm haben Paulina und Theresa schon genug gesagt – ich kann bestätigen, dass ich sie großartig fand. (Auch wenn mich Tartuffe die ganze Zeit irgendwie an Franz Joseph aus dem Elisabeth Musical erinnert hat.. Ist das was Gutes?)

Die Dialoge und Szenen in denen nichts von Molières Wortwitz verloren gegangen ist, wechselten sich ab mit bewegungsreichen Szenen auf der Drehbühne, die man möglicherweise als eine Art „Tanz“ sehen könnte. Ich verstehe die Meinungen, die diese Einschübe befremdlich finden – aber Leute, es sah schon verdammt witzig aus! Mir gefällt, dass Gerloff nicht nur die Sprache humorvoll inszeniert, sondern Inhalt und Form fast schon gleichsetzt und die Ironie auch in die Körperlichkeit der Schauspieler*innen überträgt. Und so absurd diese „Märsche“ auch waren, so zeugt es doch für einen klugen Regiegedanken, dass ich mich einen Monat nach der Vorstellung (yes, ich schreibe diese Kritik ein bisschen last minute), immer noch positiv daran erinnere.

Gespielt wurde hervorragend, Mimik und akzentuierte Sprache der Spielenden brachten Molières Verse spannend auf die Bühne.
Allgemein behalte ich den Abend als sehr lustig in Erinnerung, ohne viele Wagnisse, aber dafür mit viel Feingefühl für bewusst eingesetzten Humor.

Zur Inszenierung

Tartuffe – Komödie von Molière // Düsseldorfer Schauspielhaus, Central Große Bühne // Premiere: 14. April 2018 //

Studierendenkarten: 7€; Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden (keine Pause)

Regie: Robert Gerloff
Bühne: Maximilian Lindner
Kostüm: Johanna Hlawica
Musik: Cornelius Borgolte
Dramaturgie: Robert Koall

mit

Madame Pernelle: Karin Pfammatter
Orgon: Torben Kessler
Elmire, seine zweite Frau: Minna Wündrich Damis
Damis, sein Sohn / ein Kommissar: Stefan Gorski
Mariane, seine Tochter: Cennet Rüya Voß
Valère / Monsieur Loyal, Gerichtsvollzieher: Kilian Land
Cléante, Orgons Schwager: Jan Maak
Tartuffe: Christian Erdmann
Dorine, Marianes Zofe: Claudia Hübbecker

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