Kritik: #eco_techno_cosmo_logic @Reaktorhalle

Foto: SFB42

Julias Kritik

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#eco_techno_cosmo_logic ist keinesfalls ein Techno-Festival, wie Name und Design der Flyer und Plakate vielleicht vermuten ließen, sondern eine Präsentation von Ergebnissen eines ganz besonderen Projekts. Im Sonderforschungsbereich 42 haben sich Kunststudent*innen der Akademie der Bildenden Künste München und Physikstudent*innen der Technischen Universität München zusammengeschlossen. Im Oktober vergangenen Jahres sind sie gemeinsam zu den „Laboratori Nazionali del Gran Sasso“ gereist – das sind große unterirdische Laboratorien in Italien, die sich der Untersuchung fundamentaler Bestandteile der Materie widmen.

In der Nachbereitung dieser interdisziplinären Exkursion hat der SFB42 dann angefangen, aus den gesammelten Erfahrungen und Materialien der Reise auf künstlerische und wissenschaftliche Weise etwas Neues zu schaffen: die „Transobjects“. An dem Abend in der Reaktorhalle wurden diese Objekte präsentiert, zusammen mit Vorträgen, Videovorführungen und Performances, die entweder selber „Transobjects“ waren oder diese in einen Kontext eingebettet haben.

Normalerweise wäre ein solcher Abend leider mit hoher Wahrscheinlichkeit an mir vorbei gegangen, denn ich muss sagen, dass solch interdisziplinäre Zusammenarbeiten und Projekte doch relativ wenig in meinem Münchner Kunst-Kosmos auftauchen. Glücklicherweise ist aber unser Freund Andi (der übrigens die meisten Theatertanten-Fotos gemacht hat, die ihr auf unserer Website findet) Teil des SFB42, auf Seiten der Physiker. (Bzw. ursprünglich auf Seiten der Physiker, denn ich weiß nicht, wie stark man diese Eingrenzung mittlerweile noch vornehmen kann!)

Durch ihn war ich mit dem Prozess der Transobjects schon ein wenig vertraut. Ich fass es euch kurz in meiner unwissenschaftlichen Ausdrucksweise zusammen: Prinzipiell haben alle irgendwas von der Reise „mitgenommen“, seien es Fotos auf der Kamera, Moos von den Wänden des Labors, ein Stock aus der Umgebung von L’Aquila oder Tonaufnahmen aus den Laboratorien. Es haben sich dann immer je eine Person aus dem Kunst und eine aus dem Physik Bereich zusammengeschlossen und zu zweit eine Zeit lang versucht, aus diesen Materialien etwas zu schaffen, was mit der Reise zusammenhängt und über die gemeinsamen Erfahrungen reflektiert. Nach einer Woche wurde das Ergebnis dann an eine andere Zweier-Gruppe gegeben, die dann auf ihre eigene Art daran weitergearbeitet haben. Daraus enstanden die „Transobjects“. Was also beispielsweise als grünes Bild angefangen hat, in dem in (geschätzt) 1000-facher Verkleinerung irgendwo alle Fotos der Reise zu finden sind, die Andi auf seiner Kamera hatte, wurde in Töne übersetzt oder in Schwingungen oder irgendwelche physikalischen Konstrukte, die außerhalb meines Wortschatzes liegen. Wir haben Videos gesehen mit speziellen Klängen und einen Glaskasten in dem ein Stein lag, der sich durch die Vibration eines Lautsprechers bewegte, der Tonaufnahmen aus dem Untergrundlabor wiedergab. Begleitet von wissenschaftlichen Ausarbeitungen warum dieser Stein so glatt geschliffen ist, wie er nunmal ist. Es gab einen kleinen Metall-Kasten, der „cosmic watch“ hieß, mit einer Anzeige auf der die „total counts“ immer höher wurden. Unsere Interpretationen reichten von einem Sternen-Zähler bis zu einem Lügendetektor. Später erfuhren wir, dass der Kasten Myonen zählte. Natürlich! Ihr merkt: Die physikalische Komponente der Objekte machte uns Schwierigkeiten, aber die Aussage, dass der Abend eher Fragen stellen will, als welche zu beantworten, hat uns in der Hinsicht beruhigt.

Der SFB42 hat es geschafft, mir zu zeigen, dass Physik und Kunst wunderbar zusammen funktionieren und ineinander greifen können. Deshalb fällt es mir aber auch schwer, den Abend aus rein künstlerischer Perspektive zu bewerten, denn das würde ihm nicht gerecht. Die präsentierten Objekte erzählen keinesfalls die Geschichte der Reise nach Italien von A bis Z, sondern erzählen eine andere Ebene des Erlebens von Naturphänomenen und Menschengeschaffenem. Vor allem erzählen sie aber von der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen zwei Disziplinen und leidenschaftlichen Vertreter*innen dieser Disziplinen, die beweisen, dass es wahnsinnig erhellend sein kann, sich auch mal in andere Wasser zu stürzen – und dann gemeinsam über die gleichen Dinge zu reflektieren.

Die Transobjects sind meiner Meinung nach zu gut, um nur dieses eine Mal präsentiert worden zu sein, aber so weit ich es mitbekommen habe, überlegt der SFB sich noch weitere Präsentationswege und Kollaborationen. Ich fände eine Dokumentation über die Entstehungsprozesse der Objekte sehr interessant, da doch in dieser Entwicklung und Weitergabe noch viel mehr drinstecken kann, als in dem was wir letztendlich in der Reaktorhalle „gesehen“ haben. Also: Ich bin gespannt was noch passieren wird und hoffe auf mehr solcher Projekte! Für mehr Infos zum SFB42 verlinken wir euch die Website am Ende dieser Seite.

Theresas Kritik

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Wir sind alle mit vielen Fragen in den Abend gegangen und haben ihn mit mindestens dreimal so vielen wieder verlassen. Fragen zu den ausgestellten und vorgestellten „Transobjects“. Fragen über die Entwicklungsprozesse. Fragen über grundlegende physikalische Gesetze und die etwas frustrierte Frage, warum ich scheinbar kaum Grundkenntnisse in Physik habe. Deshalb ist diese „Kritik“ so subjektiv, wie sie wahrscheinlich nur sein kann. Ich spreche ausschließlich über meine eigenen Gedanken, die mir während des Abends gekommen sind und stelle meine Fragen, die nicht aus einer differenzierten Haltung kommen. Einige Fragen konnten während den rund zwei Stunden beantwortet werden, viele jedoch schweben weiter im Raum und können oder müssen nicht beantwortet werden.

Eine Antwort habe ich jedoch gefunden, auf eine Frage, die ich mir nie so ausdrücklich gestellt habe: Inwiefern existieren Kunst und Physik in unserer Welt nebeneinander. Die Vorstellung des Projekts fand im Rahmen von Vorträgen und Videos statt. Eines der Videos beinhaltet Aufnahmen des Baikalsees in Sibirien. Diese Beobachtungen haben für mich zum ersten Mal wirklich Kunst und Physik in einen Zusammenhang gebracht. Das Video und die Auseinandersetzung mit einem so besonderen Teil der Welt aus einer physikalischen und künstlerischen Perspektive heraus fühlten sich überraschend intim an. Die Art und Weise sich mit einem Objekt oder einem Phänomen der Natur auseinanderzusetzen ist in beiden Disziplinen bedacht, vorsichtig, sanft und rücksichtsvoll. Die transdisziplinäre Arbeit scheint dadurch nur offensichtlich und notwendig. Die Schönheit und Komplexität der Natur ist atemberaubend und lässt menschengemachte Kunst beinahe lächerlich aussehen. Die Musik des Videos unterstützt dieses Gefühl der Intimität und das Bewusstsein, dass eine Auseinandersetzung mit der Welt, egal in welcher Disziplin, respektvoll geschehen muss. Ich vermute, dass diese Erkenntnis nicht unbedingt Ziel dieses Projekts ist, dennoch bin ich froh über diesen Gedanken. Außerdem habe ich bemerkt, wie wichtig es mir ist, mich mit anderen Disziplinen auseinanderzusetzen. Man bewegt sich manchmal in einem zu kleinen Radius, obwohl es doch auch mal ganz gut tut diesen zu verlassen. Auch wenn es frustrierend sein kann und man das Gefühl hat zu wenig zu verstehen, lernt man immer etwas dazu. Überhaupt: das Verständnis sollte nicht immer das erste Ziel sein.

Ivanas Kritik

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Als der Abend vorbei war, bin ich noch eine Weile durch die Stadt gelaufen. Ich wollte mir alles nochmal durch den Kopf gehen lassen: Die Fragen, die ich nach der Ausstellung hatte und auch die Antworten, die ich währenddessen fand. Physik und Kunst? Wie soll man das kombinieren? In diesem Fall auf eine sehr interessante, neue und mich inspirierende Art und Weise. Das war ein anderer Abend als sonst, weswegen diese Kritik auch anders ist als sonst.

Ich hatte Physik nach der 10. Klasse abgewählt und sehr selten wieder tiefer darüber nachgedacht. Ich hatte mich schon damals für die Kunst entschieden und hatte diese beiden Themen, Kunst und Wissenschaft, immer relativ klar differenziert. Nun wurden uns Objekte aus der Natur präsentiert, mit denen physikalisch und künstlerisch in dieser Gruppe gearbeitet wurde und was aus einer solchen Herangehensweise entstehen kann. Mir war bis dahin bewusst, dass die Natur mit die schönste Kunst in sich birgt, aber durch diese Auseinandersetzung mit beiden Gebieten wurde das für mich nochmal viel deutlicher. Uns wurden die Transobjects und die Gedanken der Mitglieder vom SFB42 dazu relativ unkommentiert präsentiert. Man sollte sich selbst erschließen, wie was zusammenhängt, warum was dazu gehört und inwiefern das Sinn ergibt. Das noch dazu mit einem physikalischen Verständnis von 0. Aber auch das war unglaublich spannend. Die Gedanken, die man sich selbst dazu machte, um irgendwie etwas verstehen zu können, waren so absurd. Aber sie gingen auch in Richtungen, in die ich noch nicht vorher nachgedacht habe. Und das fühlte sich gut an. Raus aus der Komfortzone. Um auch mal Fragen zu haben, die vollkommen neu und abwegig sind, um so die eigene Weitsicht zu vergrößern.

Als ich nun durch das nächtliche München lief, verstand ich für mich, dass beide Gebiete sich ineinander wiederfinden können. Und dass man solche eher ungewöhnlichen Auseinandersetzungen mit Themen braucht, um die Welt mehr zu verstehen und gerade die Natur mal anders wahrzunehmen und sie so auf eine neue Art wertschätzen zu können.  Die Idee einer universitären Forschungsgruppe, die aus Reisefotos eine Farbe entstehen lässt, daraus einen Tanz entwickelt und aus diesem dann Musik und das immer weiter und weiter treibt, finde ich so unglaublich gut und innovativ, ich wünschte es gäbe mehr von dieser Art. Ich für mich habe viele neue Fragen gefunden, deren Antworten ich nun suchen kann. Aber auch eine neue Einsicht: Einmal über die Physik aber vor allem auch über die Kunst, vielleicht sogar meine Kunst. Ein Satz aus dem vorgestellten Film ist mir in Erinnerung geblieben: „We wanted to sense something, that’s never been sensed before. Something dark. Something silent.“

Zur Präsentation

#eco_techno_cosmo_logic // SFB42 in Kooperation mit dem SFB1258 // 09. Februar 2019 // Reaktorhalle

Eintritt frei; Dauer ca. 2 Stunden

Mehr Infos: www.sfb42.org

Ein Kommentar zu „Kritik: #eco_techno_cosmo_logic @Reaktorhalle

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  1. Hey Theatertanten, vielen Dank für euer Feedback! Ich freu mich wahnsinnig, dass ihr da wart und offensichtlich mit vielen Fragen nach Hause gegangen seid! Fragen sind nämlich genau das, was uns als Gruppe antreibt! Fragen, auf die wir selbst noch keine Antworten gefunden haben, bzw. die wir noch nicht einmal formulieren konnten!
    Die Transobjects waren ursprünglich als epistemische Objekte geplant, in denen es vor allem um den Prozess als solchen gehen sollte, den wir als Individuen, aber vor allem auch als Gruppe erlebt haben. Wir wollten die Erfahrungen unserer „Italienischen Reise“ verarbeiten und weiter entwicklen! Das Wichtigste, das übrigens ich persönlich aus L’Aquila mitgenommen habe, waren jede Menge neuer Gedanken [zB Gedanken über die Verwendung der Natur in verschiedenen astroteilchenphysikalischen Experimenten als Abschirmung (zB durch einen Berg) oder als Detektormaterial (zB das Eis in der Antarktis) und unser daraus resultierendes (Abhängigkeits-/Ausbeutungs-)Verhältnis zu ihr]. Jedem von uns wurde durch die Transobjects die Möglichkeit gegeben, diese Gedanken weiterzuführen – dementsprechend vielfältig und komplex wurden die Objekte dann auch. So soll zum Beispiel der „Stein“, der sich durch die (nicht rhythmische) Vibration eines Lautsprechers bewegt, unter anderem unser Verhältnis zu Lärm thematisieren! In der Physik sind wir zu einem sehr sensiblen Umgang mit Lärm (eigentlich „ Noise“ – also störender Hintergrund-Strahlung, unter anderem in Form von Myonen) gezwungen. Im Alltag empfinden viele Lärm als unangenehm und suchen deswegen auch in der Musik immer nach rhythmischen, harmonisierenden Elementen. Ich persönlich finde aber, dass es auch außerhalb dieser festgefahrenen Kategorien wirkliche gute Musik gibt, die mit verschiedensten Klängen und unserer Wahrnehmung spielt und eben diese strikten Regeln verwirft.
    Ich glaube genau wie du Ivi, dass aber diese andere Art der Wahrnehmung für uns alle wichtig ist! In der Physik machen wir uns viele Gedanken darüber, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Da kann es glaub ich nicht schaden, sich mal in eine völlig andere Disziplin zu wagen, die ja schlussendlich auch an nicht weniger als des „Pudels Kern“ interessiert ist! 😀
    @Theresa: Danke für dieses Fazit! Oder wie Bertolt Brecht in seinem Drama „Baal“ feststellt:
    „Nichts versteht man, aber manches fühlt man! Geschichten, die man versteht, sind nur schlecht erzählt.“ Übrigens, dieser Satz war Teil eines Transobjects! Habt ihr ihn gefunden? 😉

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