Kritik: Die Möwe @Cuvilliéstheater

Foto: Pedrotti

Gastbeitrag: Tims Kritik – Besuchte Vorstellung: 13. Februar 2019

Die Handlung von Tschechows „Die Möwe“ ist rasch erzählt. Konstantin Gawrilowitsch Treplow ist ein junger aber erfolgloser Schriftsteller, der auf dem Landgut seines Onkels lebt. Dort lässt er vor einem engen Kreis aus Freunden und Bekannten ein von ihm geschriebenes Theaterstück aufführen. Die von ihm innig geliebte Nina Michailowna Sarestchnaja gibt darin die Hauptrolle. Doch erregt die unkonventionelle Aufführung den Anstoß seiner Mutter Irina Nikolajewna Arkadina, die Treplows künstlerische Gehversuche zum Anlass nimmt, ihn zu verhöhnen. Das Gefühl des Zurückgesetztwerdens wird verstärkt, als sich Nina in Boris Alexejewitsch Trigorin, den Ehemann seiner Mutter verliebt, der zu allem Überfluss auch noch ein erfolgreicher Schriftsteller ist. Nina folgt Boris nach Moskau, ein Suizidversuch Treplows folgt. Ebenso schnell wie sich das Feuer der Liebe zwischen Nina und Boris entzündete, erlischt es auch wieder. Doch auch als Nina als mehr oder minder gescheiterte und nunmehr alleinstehende Schauspielerin auf das Landgut zurückkehrt, vermag Treplow ihre Liebe nicht zu gewinnen. Ein weiterer Suizidversuch ist schließlich von Erfolg gekrönt.

Von den großen Sorgen des Lebens bleiben die Figuren in Anton Tschechows Drama überwiegend verschont. So wirklich scheint es auf diesem russischen Landgut nichts zu tun zu geben. Was bleibt, ist eine schmerzliche Leere, die die Figuren durch das Streben nach Anerkennung ausfüllen. Für Selbstreflexion bleibt dabei kein Raum mehr. Jeder will nehmen, keiner (kann) geben. Und so ist auch die Liebe in Tschechows „Die Möwe“ stets besitzergreifender Egoismus. Es wird sich erniedrigt und auch das künstlerische Schaffen ist von Eitelkeit geleitet. Daher überrascht wenig, dass die Gespräche der Bewohner dieses Landguts eigentlich aus Monologen bestehen. Gerade diesen Umstand greift die klassische Inszenierung im Residenztheater in gelungener Weise auf. Eine Interaktion mit dem Publikum findet zu keiner Zeit statt. Ebenso wenig spielen die Schauspieler miteinander. Jeder spielt für sich. Es wird vor sich hin philosophiert. Es wird den eigenen Trieben nachgegangen. Keinesfalls wird aber aufeinander eingegangen. Hier wird deutlich, dass ein Bewusstsein für den Gegenüber nicht existiert. So bleiben die Figuren trotz ihrer häuslichen Gemeinschaft Fremde.

„Die Möwe“ ist weniger Erzählung, sondern viel eher Charakterstudie. Vereinzelt lassen Gefühlsausbrüche die Inszenierung an Fahrt aufnehmen und doch plätschert sie weitestgehend vor sich hin. Die Situation der Figuren, in der Ödnis des russischen Landlebens feststeckend, spiegelt sich atmosphärisch wider. Die wenigen komischen Elemente des Dramas, welches Tschechow als Komödie verstanden wissen wollte, treten so umso absurder hervor und erscheinen deplatziert. Was bleibt, ist der Eindruck des Scheiterns der Figuren. Sie scheitern in ihren Lebensentwürfen und scheitern auch moralisch. Die optisch sehr konventionelle Inszenierung lässt jedoch die Chance ungenutzt, das Sujet des Dramas nicht nur auf einem russischen Landgut Ende des 19. Jahrhunderts zu verorten, sondern zeitlos oder in die Moderne versetzt umzusetzen. Denn das Thema des Dramas ist erstaunlich aktuell. Seine Figuren könnten auch Menschen unserer Zeit sein, die zugunsten des Ziels stetiger Selbstoptimierung den Blick für ihre Gegenüber verloren haben, Menschen die rastlos nach Anerkennung und Bewunderung Anderer suchen und denen die faktische Möglichkeit, etwas tun zu können allzu oft als Grund und Rechtfertigung genügt.

Diese Inszenierung hätte eine bittere Kritik der modernen Gesellschaft und Alltagskultur sein können. Eine gute Umsetzung findet durchaus statt. Außergewöhnlich ist sie aber nicht.

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Unser erster Gastbeitrag stammt von Tim, einem langjährigen Freund unserer Theatertante Pauli. Sein Studium (Jura) hat mit Theater zwar nichts zu tun, doch als Freund guter Literatur und begeisterter, wenn auch nicht professioneller Theaterbesucher, hat er sich schnell dazu bereit erklärt, eine kurze Kritik zur Vorstellung von Anton Tschechows „Die Möwe“ zu verfassen, die er vergangene Woche mit 2/4 der Theatertanten besucht hat.

Wir sind gespannt auf euer Feedback!

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 13. Februar 2019

Hör dir hier Theresas Kritik an!

Tschechow ist ein ganz besonderer Autor des 19. Jahrhunderts. Auf den ersten Blick ist er leicht zu unterschätzen, doch seine Stärken liegen in den sprachlichen Details und in subtilen Besonderheiten. In seinen Dramen passieren selten weltbewegende Ereignisse, es geht nicht um Helden, sondern um alltägliche Geschehnisse. Er verurteilt seine Protagonisten nicht für ihre Handlungen. Er lässt sie leben. Genau das ist der Charme seines Stils. Als Leser oder Zuschauer bekommt man das Gefühl, wahren Figuren zuzusehen, die sich mit ihren ganz eigenen, möglicherweise belanglosen, Beschwerden herumschlagen. Motive, die in einem Tschechow immer und immer wieder vorkommen sind die Sehnsucht, die Philosophie und die unerwiderte Liebe. Das ist wohl auch das Zentralste, das man über die „Möwe“ wissen muss. Das und die unglaublich verwirrenden Namen, die einen, vor allem beim Lesen, immer Mal aus dem Konzept bringen.

Was hat es dabei mit der Möwe auf sich? Sie ist eines von vielen, aber doch das wichtigste Symbol. Sie ist in das ganze Stück verwoben und ist neben ihrer charakterisierenden Funktion auch beschreibend für die Lebenssituation, in der sich alle Figuren befinden.

Die Inszenierung im Cuvilliéstheater ist sehr traditionell gehalten. Keine affekthaschenden und aufregenden Effekte oder sonders Gleichen. Der Fokus liegt auf der Sprache und dem Schaffen von einer Atmosphäre, die ich im Nachhinein nicht mehr ganz greifen kann. Die Inszenierung ist vielleicht genauso subtil wie der Text. Motive wiederholen sich, Handlungsstränge spiegeln sich wider und kleine Symbole werden eingestreut, ohne, dass man sie bewusst wahrnehmen kann. Diese kleinen Zeichen können Laufwege sein, Lichtstimmungen oder Sitzkonstellationen, die mir erst jetzt, nach längerem Nachdenken, so wirklich auffallen.

Der stärkste Begriff bleibt für mich die Sehnsucht. Die Figuren sehnen sich nach allem Möglichen. Moskau, Bestätigung, Erfolg, Anerkennung, Zufriedenheit sind nur einige wenige dieser Sehnsüchte. Die Figuren besitzen diese Triebe, aber sie gleiten trotzdem langsam, Teils unmotiviert durchs Leben, sowie das Publikum durch das Stück. Am Ende gibt es kein Ergebnis, keine Moral. Es ist wie es ist, die Geschichte wird noch weiter gehen, doch wir als Zuschauer haben nur einen Ausschnitt gesehen. 

Die Bühne sowie Kostüme sind naturalistisch/malerisch. Die Farbtöne sind genau aufeinander abgestimmt, das Mobiliar besteht aus dunklem Holz und die Kombination wirkt als wäre sie aus einem Stillleben des frühen 19. Jahrhunderts entsprungen. Die Vorstellung eines Gemäldes beschreibt die Inszenierung auch sonst ganz gut. Man ist Beobachter eines abgeschlossenen Raums, die vierte Wand ist ein Gesetz und niemand denkt auch nur daran sie zu brechen. In dieser Beobachter-Position und durch die langsame Spielgeschwindigkeit, hat man Zeit sich die verschiedensten Kleinigkeiten anzusehen. Mal einen der vielen Stühle, mal das atmosphärische Licht, mal Konstantin oder Trigorin.

Ich frage mich, wie Tschechows „Möwe“ wohl vor 100 Jahren aufgeführt wurde. So anders, als Hermanis Inszenierung kann es doch gar nicht sein, oder? Der Regisseur hat nicht krampfhaft versucht diesen Klassiker auf die heutige Zeit zu beziehen oder irgendwelche Brücken zu schlagen. Die braucht es nicht immer. Vor allem nicht bei einem Tschechow, der so einzigartig schreibt, dass man gar nicht daran vorbeikommt, sich im einen oder anderen Moment mit einer Figur zu identifizieren.

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 13. Februar 2019

Hör dir hier Paulinas Kritik an!

Während ich in der Vorstellung von Die Möwe saß, war ich tatsächlich gar nicht so begeistert von dem Dargebotenen. Aber je länger ich über die Inszenierung gesprochen habe, desto begeisterter war ich von der subtilen Art des klassischen Sprechtheaters.

Ich habe bei der Auseinandersetzung mit der Alvis Hermanis Inszenierung wieder gemerkt, dass meine Sehgewohnheit im Theater doch sehr von energetischen Bühnendarbietungen und bildstarken Szenen geprägt ist. Deshalb brauchte ich ein wenig, um mich an die Art und Weise der Vermittlung zu gewöhnen. Denn Die Möwe setzt Alvis Hermanis in ein detailgetreues Wohnzimmer eines Anwesens auf dem russischen Land. Das Kostüm, die Requisite und der Ausdruck der Personen sind perfekte Beispiele für naturalistische Interpretationen. Die Zusammensetzung der künstlerischen Mittel fußt auf dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit der Handlung. Das bedeutet, dass alles was auf der Bühne gezeigt wird in der Figurenpsychologie begründet werden können muss. Ohne große Schockmomente oder etwas Unvorhersehbaren. Sprich: die Figuren müssen erklärbar sein, logisch und nachvollziehbar.

Diese Figuren sind bei Tschechov nicht stark in Haupt- und Randfiguren aufgeteilt und es gibt an sich auch keinen einzelnen großen Handlungsstrang, sondern die Schicksale und Beziehungen der Charaktere untereinander werden einzeln behandelt. Die Familienmitglieder werden nicht durch bedeutende Handlungen auf der Bühne charakterisiert, sondern viel mehr durch die kleinen Bemerkungen, Randnotizen und die Gespräche untereinander. Sie alle verbringen ihr Leben zwar größtenteils an einem zentralen physischen Ort, doch leben sie alle in ihren ganz eigenen Lebensrealitäten. Oft habe ich das Gefühl, dass die Personen zwar miteinander kommunizieren, aber doch nur für sich selber sprechen und wenig auf das Gegenüber eingehen. Der Aspekt, der sie alle eint, ist die Suche nach Bestätigung: Sowohl die junge Schauspielanwärterin Nina, als auch die erfolgreiche ältere Schauspielern Irina. Ihr Sohn Konstantin sucht seinerseits nach Bestätigung für seine Literatur, wie auch der ältere Autor Boris nach Bestätigung in seiner Liebesbeziehung sucht. Die kleinen Machtspielchen, Abhängigkeiten und die Suche nach Anerkennung sind für mich die elementarsten Aspekte des Stücks und werden durch intensive Figurenführung und detaillierte Charakterentwicklung verdeutlicht.

Den Schauspieler*innen des Residenztheaters gelingt es, diese familiären Strukturen über Sprache zu vermitteln. Besonders die männlichen Rollen werden sehr vielschichtig herausgearbeitet, dabei fällt besonders der Schauspieler Tim Werths in der Rolle des Lehrers auf. Durch kleine Bewegungsmuster und intensive Körperlichkeit füllt er seine Rolle aus und verleiht ihr – trotz der vergleichsweise kurzen Sprechsequenzen – eine besondere Kraft.

Wir saßen an dem Abend wirklich in der allerletzten Reihe des obersten Ranges im Cuvilliéstheater und ich hatte zusätzlich noch eine Dame mit auftoupierten Haaren vor mir sitzen, die es mir fast unmöglich machte das Bühnengeschehen zu beobachten. Doch das stört gar nicht, denn die Inszenierung funktioniert über den Text und glich für mich eher einer Hörbuchfassung, bei der ich auch einfach mal die Augen schließen und den Worten lauschen kann.

Zur Inszenierung

Die Möwe von Anton Tschechow // Cuvilliéstheater // Premiere: 19. Januar 2019 //

Vorstellungsdauer ca. 3 Stunden (eine Pause)

Regie und Bühne: Alvis Hermanis
Bühne: Thilo Ullrich
Kostüm: Kristīne Jurjāne
Licht: Markus Schadel
Dramaturgie: Götz Leineweber

mit

­­­Irina Nikolajewna Arkadina: Sophie von Kessel
Konstantin Gawrilowitsch Trepljow: Marcel Heuperman
Pjotr Nikolajewitsch Sorin: René Dumont
Nina Michailowna Saretschnaja: Mathilde Bundschuh
Ilja Afanasjewitsch Schamrajew: Wolfram Rupperti
Polina Andrejewna, seine Gattin: Katharina Pichler
Mascha, seine Tochter: Anna Graenzer
Boris Alexejewitsch Trigorin, ein Schriftsteller: Michele Cuciuffo
Jewgenij Sergejewitsch Dorn, ein Arzt: Thomas Huber
Semjon Semjonowitsch Medwedenko, ein Lehrer: Tim Werths

2 Kommentare zu „Kritik: Die Möwe @Cuvilliéstheater

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