Kritik: Portrait Wayne McGregor @Bayerische Staatsoper

Foto: Wilfried Hösl

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 17. Februar 2019

Hör dir hier Theresas Kritik an!

Der Ballettabend in der Bayerischen Staatsoper ist dreigeteilt. Nummer zwei hat mir nicht sonderlich gefallen, aus dem einfachen Grund, dass mir die Musik nicht zugesagt hat. Nummer eins und drei waren dafür umso fantastischer. Der erste Teil ist choreographiert zu Musik vom Orchester. Diese Musik würde ich nicht sofort als gut geeignete Musik fürs Ballett beschreiben. Sie ist sehr schnell und nicht gerade „tanzbar“. Doch diese Herausforderung macht den Tanz interessant und spannend. Neben der Musik stechen vor allem Licht und Bühnenbild hervor. Es gibt einige verschiedene Ebenen, die durch halbdurchsichtige Trennwände entstehen. Die Lichteinstellungen spielen mit dieser Durchsichtigkeit. Sprich: Licht aus = durchsichtig, Licht an = feste Wand. Dies passt metaphorisch und visuell zu dem Tanz. Das flackernde Licht zu Beginn lässt die Tänzer*innen wie schwärmende Insekten aussehen. Ein Bild, das faszinierend gut mit der Musik harmoniert.

Der zweite Teil des Abends, auch von Orchestermusik begleitet, ist eher von der fernöstlichen Welt inspiriert. Leider gibt es neben der Musik auch Stimmen aus dem Off, die merkwürdig und unstimmig auf mich wirken. Außerdem gibt es andere Soundeffekte, wie das Rauschen von Wellen und Wind. Das geht im Theater selten gut, wie ich finde und ist auch hier eher fehl am Platz. Die Farben der Kostüme und des Bühnenbildes sind innerhalb des Kontextes passend, aber ästhetisch nicht gut abgestimmt. 

Der dritte und letzte Abschnitt ist zu elektronischer Musik choreografiert. Diese Musik hat so viele Ebenen, sodass das alleinige Zuhören schon ein totales Erlebnis ist. Der Bass klingt beinahe nach einem Billie Eilish Song und die Streich- und Blasinstrumente schleichen sich in diese Klangfläche hinein. Getanzt wird in einer White Box und in schlichten Kostümen, mal mit mal ohne Spitzenschuh. Die Tänzerinnen tragen teils offene Haare, damit bekommen die Bewegungen eine Leichtigkeit und Freiheit, die man aus dem Ballett nicht immer kennt.  Die Emotionen werden wie in der Musik subtil und unauffällig transportiert durch… naja woran kann man das beim Tanz schon festmachen. Die Atmosphäre ist einzigartig und die anschließenden Standing Ovations beschreiben die Wirksamkeit des Tanzes angemessen.

Zwar war der zweite Teil für mich kein großer Genuss, dennoch habe ich den Abend durchaus positiv in Erinnerung. Die anderen beiden Teile sind so berührend und liebevoll choreographiert und inszeniert, dass sie einen alles störende des zweiten Abschnitts vergessen lassen. In meiner Kritik zu Schläpfers Schwanensee habe ich damals geschrieben, dass ich mir in München mehr qualitativ hochwertiges Ballett wünsche. Mit diesem Abend bin ich diesem Wunsch schon sehr nahegekommen. Die Düsseldorfer Kompanie hat meiner Meinung nach tänzerisch mehr Stärken, aber choreographisch war dieser Abend genauso exzellent.

Ivanas Kritik – Besuchte Vorstellung: 17. Februar 2019

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Ich war lange nicht mehr in der Staatsoper gewesen, weswegen ich vor und im Theater zunächst einmal nur verblüfft von der Schönheit dieses Ortes war. Hier spielt der Glamour im Theater doch eine größere Rolle als sonst, was die Abende aber auch so wunderbar abwechslungsreich macht. Nun weiß ich nicht, ob ich an diesem Sonntagabend einen emotionaleren Tag als sonst hatte oder ob es tatsächlich nur am Portrait des Wayne McGregor lag, aber mein Erlebnis im Staatsballett war für mich diesmal ein sehr Besonderes.

Als die erste Episode beginnt, merke ich, wie ich sofort dem Zauber des Tanzens verfalle. Bereits nach wenigen Minuten bin ich berührt von den Bewegungen auf der Bühne und wie diese sich durch die Unterstützung des Orchesters entfalten. Ich erinnere mich an meine Jahre in der Ballett- und auch Hip-Hop-Schule und wie viel mir das Tanzen mal bedeutet hat. Wieso hatte ich das so aus den Augen verloren? Ich bewundere die Hingabe der Tänzer, die Beweglichkeit, die Körper und fühle mich plötzlich unglaublich privilegiert das sehen zu dürfen. Es übermannen mich zahlreiche Gefühle und ich weiß bis heute nicht genau, warum ich in diesen ersten 30 Minuten so emotional werde. Was ich aber weiß, ist das, was mir der Tanz an diesem Abend gezeigt hat. Wie unwichtig Worte sein können und wie wenig man diese braucht um eine Geschichte zu erzählen und vor allem Gefühle zu zeigen. Worte machen oft Dinge komplizierter. Das dort auf der Bühne war pur und klar. Es bedarf keiner Worte, um zu erklären was passiert. Es bedarf hier auch keinem großen Bühnenbild oder Requisiten. Es sind reine Bewegungen, die jedem im Publikum Raum für eigene Interpretation lassen oder die Möglichkeit, schlicht und einfach den Tanz zu sehen. Ich persönlich entdecke immer wieder Motive in den Bewegungen, die mir das Gefühl geben, doch immer wieder Bruchteile einer Geschichte erzählt zu bekommen. Vor allem im dritten Teil, als ein Tänzer und eine Tänzerin für einige Minuten ein Duett tanzen. Bis dahin war die dritte Episode geprägt von mechanischer, moderner Musik und viel Bass, den man auf seinem Platz spüren konnte. Für das Duett der beiden wird die Musik dann aber reduziert auf ein schlichtes Klavierstück. Die beiden erzählen mir eine Liebesgeschichte, die mir die Tränen in die Augen treibt, es ist einfach unfassbar schön anzusehen und so viel Gefühl, das dort im Raum steht. Ich glaube, dass ich noch nie Liebe in einem Theater so schön und pur umgesetzt gesehen habe. Als der dritte Teil endet, bin ich enttäuscht, dass es vorbei ist und habe viele Gedanken im Kopf. Ich frage mich, ob wir, vor allem in unserem Studium, nicht zu viel und zu lange analysieren und Worten vielleicht zu viel Bedeutung zuschreiben. Und ich frage mich, ob zu viele Inszenierungen zu viele Worte verwenden, um zu viel zu sagen, was schon so oft gesagt wurde. Ich komme mit einigen Fragen, die mich noch weiter beschäftigen aus dem Abend, aber auch emotional berührt und inspiriert. Eine unglaublich gute Ballettinszenierung, die vor allem im ersten und dritten Teil berührt und mich vollkommen mitnimmt.

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 17. Februar 2019

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Ich habe tatsächlich überlegt, ob ich nicht einfach nur schreibe: Wahnsinn! Geht alle hin! Es lohnt sich mit einer 100%igen Sicherheit!
Aber das würde dem Ganzen dann doch nicht gerecht werden. Ein paar beschreibende Worte zu diesem besonderen Ballettabend namens Portrait Wayne McGregor werde ich dann doch zusammenkriegen.

Den Abend am Bayerischen Staatsballett schuf der Choreograf und namensgebende Autor Wayne McGregor, der in einem dreiteiligen Ballett sein vielfach-ausgezeichnetes Talent unter Beweis stellt. Er lässt die Tänzer*innen auf Musik von Vivaldi, Klänge aus Fernost und elektronische Klänge vielfältigste Bewegungsmuster verkörpern. Alle drei Teile sind vollkommen unterschiedlich gestaltet und konzipiert, doch kann man die beiden Randstücke KAIROS und BORDERLANDS dem Genre der Neoklassik zuordnen. Und sie treffen damit genau meinen Geschmack einer modernen Tanzchoreografie: Es werden neue Bewegungsmuster aufbauend auf der Technik des klassisch akademischen Tanzes erschaffen. Diese klassischen Strukturen werden hier neben Vivaldis großartigen Vierjahreszeiten auch mit andersartigen, melodischen Klängen gepaart und durch präzise Lichtführung gezeichnet. Daraus entsteht etwas filigranes, kraftvolles und eine Energie, der ich mich nicht entziehen kann.

Im mittleren Stück SUNYATA wird diese organische Ordnung etwas aufgelöst, doch passt es trotzdem in die Chronologie der Ballette. Es ist die neueste der drei Choreografien und feierte erst im April letzten Jahres Uraufführung. SUNYATA fällt neben den grandiosen anderen Teilen etwas ab, doch zeigt McGregor mit den abstrakteren Bewegungsabläufen (nicht mehr Neoklassik), dass er noch eine ganz andere, ganz besondere Qualität des Tanzes erschaffen kann. Die Qualität stellen auch die Tänzer*innen unter Beweis, da sie zwischen den verschiedenen Techniken an einem Abend switchen mussten.

Man muss bei McGregor nichts „verstehen“ und man muss keine Zeichen aufschlüsseln, um diesen Abend richtig genießen zu können. Das ist das wunderbare an dieser Art von Tanz: Man kann sicherlich eine Menge in das Bühnengeschehen hinein interpretieren, auch wenn man zusätzlich einige Hintergründe aus dem Programmheft erfahren hat, doch braucht es das schier nicht. Denn das, was wir auf der Bühne sehen können, geht direkt, ohne Inanspruchnahme von komplexen Gedankengängen, in den Körper. Ich war wirklich unfähig, etwas in mein Notizbüchlein zu schreiben, da ich wie gebannt auf die Bühne starrte – umgeben von akustisch intensiven Klängen, die sich sowieso gleich in Mark und Bein verpflanzten. Beim Applaus riss es mich dafür umso schneller von meinem Platz und ich versuchte den Tänzer*innen etwas von dem zurückzugeben, was ich soeben von ihnen bekommen hatte.

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 17. Februar 2019

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Mein erster Besuch im Bayerischen Staatsballett. Unglaublich, dass ich das erst nach 1,5 Jahren in München geschafft habe. Von Wayne McGregor habe ich noch nie etwas gesehen. Und das ist wahnsinnig schade, denn der dreigeteilte Abend war fantastisch!

Drei Stücke, drei komplett unterschiedliche Situationen und alle bestechen durch Gegensätze. In „Kairos“ bewegen sich fünf Tänzerinnen an einer Stelle zu schneller, akzentuierter Musik absolut synchron und im nächsten Moment so unsynchron wie wahrscheinlich möglich. Danach ein intimes Pas de deux. „Sunyata“ zeigt, wie Figuren aus einem Gemälde lebendig werden und dann zischt auf einmal eine Stimme zur Musik auf eine Weise, die mich an die Kammer des Schreckens aus Harry Potter erinnert. In „Borderlands“ sehe ich Menschen zunächst wie Roboter tanzen, dann brechen sie in fließende Schwingungen aus. Und das beeindruckendste: nichts von all dem wirkt künstlich! Außer vielleicht diese gezischte Stimme, die war ein wenig seltsam.

Auch das Bühnenbild überzeugt mich von vorne bis hinten. Der erste Teil ist sehr dunkel, mit vielen Lichteffekten und Lichtblitzen und einem halb-durchsichtigen Vorhang mit Notenblatt drauf. In Teil zwei sehen wir ein großes Gemälde mit einem „fehlenden“ Kreis in der Mitte. Der ausgeschnittene Teil ist auf den Boden projiziert und das Loch im Gemälde sieht aus wie eine Sonne, die langsam untergeht. Die Bühne im letzten Teil ist geometrisch und modern. Das Licht erst steril kalt und dann – wieder ein Gegensatz – auf einmal warm. Mit Nebel. Vielleicht wie in einem Stamm? Dann wieder blau.

Ich dachte, bei einem dreiteiligen Abend mit so unterschiedlichen Stücken, wäre es bestimmt sinnvoll, mir ein paar Notizen zu machen. Das was ich in meinem Notizbuch gefunden habe, sind aber nur einzelne Wörter: zum Beispiel „ELEMENTAR“, „GROSS“ oder „WOOOW“. Das bringt mir jetzt zwar nicht viel mehr an Hard Facts die ich euch niederschreiben kann, vermittelt aber mein unfassbares Erstaunen und meine Ehrfurcht vor so einem großartigen Ballett doch ganz gut. Liebes Bayerisches Staatsballett, lieber Wayne McGregor, entschuldigt, dass ich euch so spät lieben gelernt habe! Aber jetzt bleib ich da!

Zur Inszenierung

Portrait Wayne McGregor // Bayerische Staatsoper // Premiere: 14. April 2018

Studierendenkarten: 10€; Vorstellungsdauer ca. 2 Std 35 min (2 Pausen)

Dreigeteilter Abend: Kairos, Sunyata, Borderlands

Choreographie: Wayne McGregor
Musik: Joel Cadbury, Max Richter, Kaija Saariaho, Paul Stoney
Bühne: Idris Khan, Wayne McGregor, Lucy Carter
Kostüme: Moritz Junge, Wayne McGregor
Licht: Lucy Carter

Solisten und Ensemble des Bayerischen Staatsballetts
Bayerisches Staatsorchester


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