Kritik: Die Elenden @TheaterKiel

Imanuel Humm (Jean Valjean) – Foto: Olaf Struck

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 01. März 2019

Hör dir hier Paulinas Kritik an!

Mit „Die Elenden“ hat Victor Hugo 1862 Stoff für einen französischen Kultroman geliefert. Knapp 160 Jahre nachdem das Buch veröffentlicht wurde, sind diverse Adaptionen immer noch unglaublich beliebt.

Unter dem französischen Originaltitel „Les Misérables“ wurde die Musicalversion in Paris, am Broadway und am Londoner West End berühmt. Unzählige Verfilmungen, unter anderem mit Liam Neeson, folgten, sowie 2012 die Oscar-prämierte Verfilmung mit Anne Hathaway, Amanda Seyfried, Hugh Jackman und vielen weiteren hochkarätigen Schauspieler*innen. Unter den Bühneninszenierungen gab es in der letzten Zeit Furore, als sich der Titan Frank Castorf am Berliner Ensemble an die Geschichte wagte. Mir persönlich ist sie aber auch eher in Bezug auf das Musical bekannt. Den Roman hat meine Familie allerdings auch zu Hause im Schrank, deshalb habe ich schon mal Teile des wirklich dicken Wälzers gelesen. (Allerdings nicht alles, weil der doch wirklich sehr sehr dick ist und ich noch nicht dazu gekommen bin. Bis jetzt.)

Alleine wenn man den Titel des Stückes „Die Elenden“ hört, sollte klar sein, dass dies wohl kein Abend wird, an dem man fröhlich pfeifend nach Hause hüpft und glücklich einschläft. Wer schon mal Bilder aus dem Film von 2012 gesehen oder die dramatischen Musicallieder gehört hat, wird ähnliche Erwartungen an den Abend haben, wie ich sie hatte.

Doch relativ schnell wird mir an dem Abend klar, dass der Regisseur Malte Kreutzfeldt eine andere Lesart von Hugos Drama hat. Nach einem sehr vielversprechenden Anfang, der all die Brutalität, Chancenlosigkeit und die schrecklichen Schicksale der Menschen beleuchtet, nehmen komödiantische Aspekte immer mehr Raum der Inszenierung ein. Oft wirken solche Brüche entspannend, wenn sie nach sehr emotionalen Szenen, wie der Prostitution der Fantine eingesetzt werden. Das Publikum kann ein bisschen durchatmen, ein bisschen Lachen und dann geht’s wieder besser. Humor als Mittel der Entspannung kann wirklich hilfreich sein, um so manchen Abend zu überstehen – aber das darf nicht zu Ungunsten der Tiefe des Erzählten geschehen.

Die Liebesbeziehung zwischen Cosette und Marius, die in Hugos Drama in der zweiten Hälfte enorm viel Platz einnimmt und der dort Raum und Zeit gegeben wird, ist auf der Bühne des Kieler Schauspielhauses bloß Anlass weiterer Belustigungen und es fehlt mir hier persönlich besonders an den zarten, leisen Tönen der vorerst zaghaften und keuschen Liebesbeziehung.

Gegen die Art und Weise des Humors, die hier benutzt wird, habe ich wirklich gar nichts, nur passt sie für mich nicht in dieses Stück, das für mich so gar nichts Lustiges in sich trägt.

Man kann dem Publikum ruhig zutrauen, die leidvollen, ernsten Szenen auszuhalten und muss sie nicht mit Slapstick versöhnen. Auch wenn es nicht leicht ist und ich durchaus auch meine Schwierigkeiten mit einzelnen Darstellungen in der Vergangenheit hatte, ist es doch auch die Aufgabe des Theaters. Denn bekanntlich kann man vor manchen Dingen nicht die Augen verschließen. Hier sehe ich die Aufgabe und auch den Anlass ein Liebes- und Lebensdrama wie „Die Elenden“ überhaupt zu inszenieren.

Die Tiefe der Figuren, die durch dieses Mittel des Humors etwas verloren geht, wird durch eine sprachliche Besonderheit wieder gut gemacht. Denn durch Monologe in der 3. Person wird die Möglichkeit gegeben, tiefer in die Psyche der Einzelnen zu blicken – auch wenn immer wieder Witze ihren Weg in die Sprache finden.

Der Star des Abends ist eindeutig der langjährige Kieler Schauspiel-Liebling Imanuel Humm, der den Protagonisten Jean Valjean mit der nötigen Vielseitigkeit, Emotionalität und Ruhe als einen komplexen, aber psychologisch nachfühlbaren Mann zeichnet. Er gibt dem Stück und der Figur das, was mir an anderer Stelle fehlt. So konnte er mich mit dem Abend doch etwas versöhnen.

Zur Inszenierung

Die Elenden // Theater Kiel // Premiere: 1./2. März 2019 //

Karten: 6€; Vorstellungsdauer ca. 3 Stunden

Regie / Bühne / Musik: Malte Kreutzfeldt
Kostüme: Christine Hielscher
Dramaturgie: Jens Paulsen

mit

Jean Valjean: Imanuel Humm
Inspektor Javert: Oliver E. Schönfeld
Cosette: Olga von Luckwald
Fantine: Agnes Richter
Herr Thénardier: Marko Gebbert
Frau Thénardier / Eine aus dem Volk: Yvonne Ruprecht
Eponine: Anne Rohde
Marius: Felix Zimmer
Enjolras / Polizist / Galeerensträfling / Einer aus dem Volk: Maximilian Herzogenrath
Coufayrac / Totengräber / Galeerensträfling / Einer aus dem Volk: Jasper Diedrichsen
Blondeau / Polizist / Galeerensträfling / Einer aus dem Volk: Marius Borghoff
Laigle / Vorarbeiter / Einer aus dem Volk: Tony Marossek
Feuilly / Tholomyés / Einer aus dem Volk: Rudi Hindenburg
Bischof Muriel Bienvenu / Nonne / Die Alte / Eine aus dem Volk: Ksch. Claudia Macht
Baptistine / Äbtissin / Eine aus dem Volk: Ellen Dorn
Fauchlevent / Präsident / Der Greis: Christian Kämpfer

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