Kritik: Hamlet @Schaubühne, Berlin

Foto: Arno Declair

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 02. März 2019

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Alle, die uns Theatertanten auf Instagram folgen, werden schon gemerkt haben: Wir sind absolut Eidinger-verrückt und machen da kein Geheimnis draus. Dennoch werde ich mich bemühen, hier nicht zu sehr ins Schwärmen zu geraten.

Hamlet auf der Berliner Schaubühne. Ostermeiers unfassbar berühmte Inszenierung hatte 2008 im Juli in Athen Premiere, im folgenden September dann in Berlin. Und heute, fast elf Jahre später, ist immer noch jede einzelne Vorstellung ausverkauft und Menschen stehen mit „Suche Ticket“ Plakaten vor dem Theatereingang. Wie schafft es eine Inszenierung, die Menschen so zu begeistern?

Ostermeiers Hamlet sollte man erst mal im Kontext seiner Zeit betrachten. Da kommt jetzt die Theaterwissenschaftlerin in mir durch, aber 2008 war eine Inszenierung wie diese vielleicht nicht die erste dieser Art, aber dennoch ein wichtiger Wegbereiter für das Zeitalter der Live-Videos und Vorurteile gegenüber dem Postdramatischen Theater im 21. Jahrhundert. Habt ihr schon mal jemanden darüber meckern hören, dass in jeder Inszenierung mit Live-Video gearbeitet wird? Ostermeiers Hamlet war eine der früheren Inszenierungen damit. Findet ihr es nervig, dass sich mittlerweile alle auf der Bühne mit Schmutz und diversen Flüssigkeiten beschmieren? Das fing bei Hamlet erst so richtig an.

Hamlet ist ein Held, der nicht nur im Theater lebt, sondern auch vielen „Normalsterblichen“ ein Begriff ist. Ostermeier legt den Fokus auf Hamlets Wahnsinn und gibt Eidinger jede Freiheit, diesen in einem nahbaren Spiel darzustellen. Und da muss ich dann doch ein bisschen schwärmen, denn ich habe Hamlet noch nie gleichzeitig so verrückt, mit einem so tief psychologisch verankerten Wahnsinn erlebt wie durch Eidinger. Er versteht die Rolle auf eine Art, die Hamlet realistisch macht. Die Rolle lebt und entwickelt sich seit elf Jahren stetig weiter. Denn sein Sprechtext ist keineswegs derselbe geblieben: Eidinger improvisiert und ändert den Text scheinbar so ab, wie es ihm gerade passt. Und da er sich und seine Rolle so gut kennt, fällt es ihm auch gar nicht schwer, während der Vorstellung zwischen Hamlet und Lars zu switchen. (Oder war es vielleicht doch Hamlet, der den Techniker bei unserer Vorstellung aufforderte, jetzt doch einfach mal schnell den Kettenvorhang zu reparieren, der hängen geblieben war? Wer auch immer da zu uns gesprochen hat und Witze erzählte, um die Reparaturpause zu überbrücken: Ich bin Fan. Und wünsche mir selber so viel Souveränität auf der Bühne.)

Die Figuren waren außer Hamlet alle als Doppelrolle besetzt, was sehr gut und mit klaren Brüchen gelöst wurde. (Stichwort: V-Effekt!) Der Bühnenboden war voll mit Erde und durch Mittel wie Regen, Regenschirme und damit einhergehendem Matsch entstanden eindrucksvolle Bilder. Der Text hatte nur noch gefühlt 10% Shakespeare in sich – Mayenburgs Übersetzung ist aber natürlich auch nicht die, die ich bisher gehört und gelesen habe – und ist gespickt mit vielen Fremdtexten, vor allem aus der Popkultur.

„An sich ist nichts weder gut noch schlimm; das Denken macht es erst dazu. Hab ich aus der BRAVO.“

Eidinger versteht es, Humor und Referenzen auf andere Künstler*innen oder Thematiken an einigen Stellen mit einzubauen und bewegt sich damit immer an der Grenze zum Unangenehmen. Zu meinen Favoriten zählten sein viel zu häufig gesagtes #nohomo, seine Bezüge auf das Bravo Poster, auf Romano, Deichkind und Yung Hurn (Alle deine Freunde hassen alle meine Freunde, aber alle meine Freunde kennen deine Freunde nicht!). Er interagiert gekonnt mit dem Publikum und durch all seine kleinen Witze und Sprüche oszilliert die Inszenierung hervorragend zwischen Tragik und Komik.

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 03. März 2019

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Wie vermutlich einige von euch auf unserem Instagramkanal gesehen haben, haben wir alle einen ziemlichen Theater-Crush. Sein Name ist Lars Eidinger. Für Theaterneulinge könnte dieses Fangirl-hafte etwas skurril klingeln, aber wer ihn einmal auf der Bühne, im Fernsehen oder in einem seiner genial philosophischen Interviews gesehen hat, der wird verstehen, woher die Begeisterung für diesen Mann und seine Schauspielkunst kommt. Da er zurzeit echt von Interview zu Drehtermin, von DJ- Session zum Theater springt, kann man schon ein bisschen von einem Lars-Hype reden. Um es noch besser beurteilen zu können, wie er wirklich spielt, mussten wir ihn aber live auf der Bühne zu Gesicht bekommen. Und das haben wir. In der wohl aufregendsten Hamelt Inszenierung, die ich bisher sehen durfte, an der Schaubühne in Berlin von Thomas Ostermeier.

Lars Eidinger, der selbstverständlich die titelgebende Rolle Hamlet spielt, geht spielerisch mit diesem enorm prestigereichen Kultcharakter um, den Shakespeare in seiner Rachetragödie im Jahr 1596 erschuf.
Er ist ein Mann, der Rache üben will, an dem Tod seines Vaters, der kaltblütig von seinem eigenen Bruder Claudius ermordet wurde. Der wiederum gleich nachdem er seinen Bruder ermordete, die Frau des toten Königs ehelichte. Hamlet erfährt die Todesursache seines Vaters, von dem selbigen, der ihm als Geist erscheint und ihn schwören lässt, seinen Tod zu rächen. Um die Rachepläne zu verstecken, verfolgt er die Strategie, sich als Wahnsinnigen auszugeben und ein Theaterstück zu inszenieren, dass prüfen soll, ob sein Onkel, der neue König, sich seiner Schuld bewusst ist. Im Laufe des Stücks wird der gespielte Wahnsinn zu immer wahrhaftigerer Verrücktheit.

Lars Eidinger, den man auch im echten Leben liebevoll als ein bisschen verrückt bezeichnen kann, versteht es mit dieser nuancierten Verschiedenheit umzugehen. Immer wieder durchbricht Eidinger sein Spiel und tritt aus seiner Rolle hinaus bzw. wechselt die Gemütszustände in seiner Rolle. Genau wie es auch Hamlet selbst tut, denn auch die Shakespeare Figur ist ein Schauspieler durch und durch. Bei jedem Auftritt schwingt bei Shakespeare sprachlich ein anderer Unterton mit. Auch wenn der Text, den die Schauspieler*innen an der Schaubühne benutzten nicht viel vom Ursprungsdrama hat, drückt Eidinger diese Verschiebung auf eine andere Weise aus. Diese schrittweise Verwandlung ist für mich der zentrale Punkt des Stücks und glücklicherweise greift Ostermeier, genau diesen auf.

Binnen der 3h Aufführung, ohne Pause, schaffen es die Schauspieler*innen durch Spannungswechsel die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen zu halten. Nach sehr wuchtigen, theatralen Szenen, folgt wieder eine entspannte Szene zum Durchatmen. Man kann fast nie vorhersehen, was als nächstes passiert und welchen der Hamelts Eidinger nun spielt. Das macht die Zuschauer neugierig und lässt sie an den Lippen der einzelnen Darsteller*innen hängen.

Die Stückvorlage, wie auch Ostermeiers Hamlet lebt von vielen philosophischen Ansätzen und Fragen. Da ich mich zurzeit ganz viel mit dem Text Hamlets und den verschiedenen Übersetzungen der englischen Originalfassung auseinandersetze, komme ich nicht umher drei besondere Stellen hier in den Raum zu stellen.

„Die Macht der Schönheit verwandelt dreimal eher die Sittsamkeit in ein Hurenluder, eh die Kräfte der Sittsamkeit eine Tugendfee aus der Schönheit machen.“

Akt 3, Szene 2, Vers 111-114 (Übersetzung Frank Günther)

(Und die allerexistentiellste Frage)

            „Sein oder nicht sein?“

Akt 3, Szene 1, Vers 56 (Übersetzung Frank Günther)

So pathetisch sie auch klingen mögen und so bedeutungsschwanger sie auch sicherlich sind, an der Schaubühne fühlt man den Gedanken pur nach und ist von ihrer Schwere an keiner Stelle erdrückt. Als Eidinger merkt, dass einige Zuschauer*innen gedanklich vielleicht nicht mitgekommen sein könnten, formuliert er die Frage einfach nochmal um. „Habt ihr es jetzt? Oder soll ich nochmal ein anderes Beispiel suchen?“. Von dieser persönlichen Direktheit lebt der Abend.
Thomas Ostermeier hat vor 10 Jahren zeitlose Charaktere erschaffen, die die kommenden Hamlet Inszenierungen hier zu Lande an vielen Stellen geprägt haben. Hoffentlich bleibt er uns erhalten. Hamlet. Thomas. Und Lars.

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 02. März 2019

Hör dir hier Theresas Kritik an!


Wenn man mit so einer großen Vorfreude in ein Stück geht, wie wir, schwingt diese schnell in Angst um, dass man enttäuscht werden könnte.  Also so unbefangen wie es mir möglich ist, gehe ich ins Theater. Plötzlich steht Angela Merkel vor uns in der Schlange und nimmt im Saal zwei Sitze vor uns Platz. Aus ist es wieder mit der vorgegaukelten Ruhe.

Das Stück ist aus dem Jahr 2008. Es läuft nun also schon 11 Jahre – eine unglaublich lange Zeit für die deutsche Theaterlandschaft.
Doch ja, ich würde sagen: zurecht. Die Thomas Ostermeier Inszenierung beinhaltet alles, was 2008 Postdramatik bedeutet. Dreck, Blut, Nacktheit, Live-Video und nochmal Dreck. Würde 2019 ein Regisseur ein Shakespeare Stück mit diesen Elementen inszenieren, gäbe es nur ein „wow… als hätte man das noch nicht gesehen“ aus den Reihen der Kritiker*innen. Dieser Hamlet jedoch versucht nicht mehr zu sein, er wirkt wie das Original, der Ursprung dieser Inszenierungsgedanken. Die Inszenierung bricht ständig alle Ebenen, ohne, dass man als Zuschauer*in davon satt wird.

Fokus dieses Abends ist Lars Eidinger, der sich auch sehr über den Besuch von Frau Merkel freut und es nicht lassen kann mit ihr ein kleines Selfie zu machen. Ihm bleibt viel Raum zur Improvisation und die Verrücktheit seiner Rolle zu entwickeln. Er ist einer dieser Schauspieler, die sich auf der Bühne wohlfühlen. Innerhalb von Sekunden wechselt er von tragischen zu komischen Momenten und die Zuschauer*innen fühlen trotzdem mit.

Die anderen Schauspieler*innen, auch größten Teils hervorragend, gehen neben ihm leider etwas unter. Das ist vor allem der Inszenierung und dem Stück zu schulden. Die Charakterentwicklung des Hamlets ist entscheidend für die Inszenierung und nimmt gerechterweise die meiste Zeit in Anspruch.

Das Bühnenbild ist geschickt gelöst. Der Boden der Bühne ist großzügig mit Erde bedeckt – ein riesiges Grab, wenn man so will. Darüber lässt sich per Hand ein Podest mit einer langen Tafel und Stühlen schieben. Weiterer Teil der Bühne ist ein Kettenvorhang, der, ebenso wie das Podest, nach Bedarf verschoben wird. Dieser Vorhang dient gleichzeitig als Projektionsfläche für (live-) Videos und als tatsächlicher Theater-Vorhang. Im Laufe des Abends wird die Bühne immer chaotischer und dreckiger, was die steigernde Entwicklung von Hamlets Verrücktheit widerspiegelt.
Zwar geht der Vorhang mitten in der Vorstellung kaputt, doch das scheint keine*n im Zuschauerraum zu stören. Im Gegenteil, alle freuen sich noch mehr Zeit in Lars Eidingers Gegenwart verbringen zu können. Er geht humorvoll und professionell mit dieser Situation um und scheint vor allem ein Ziel zu haben: Die Inszenierung mit all ihren Stärken, ohne Verluste zu Ende zu bringen.

Kein einziges Mal während der Vorstellung bin ich mit meinen Gedanken abgekommen. Ich wurde voll und ganz eingenommen, nicht nur von Lars Eidingers schauspielerischem Können, sondern auch von der Inszenierung allgemein. Hin und wieder konnte ich es nicht lassen, bei besonders inkorrektem und obszönem Humor – wenn Lars Eidinger mal wieder das Tourette Syndrom nachahmt – auf die Kanzlerin zu schauen, um ihre Reaktion zu deuten.

Einige Tage später bin ich noch immer baff von dieser Inszenierung. Sicherlich bin ich in diesem Fall keine besonders unparteiische Kritikerin. Es freut mich umso mehr, dass sich die zu Beginn erwähnte Angst nicht bestätigt und sich die Reise nach Berlin gelohnt hat. Thomas Ostermeier und Lars Eidinger sind zurecht große Namen in der deutschen Theaterszene.

Zur Inszenierung

Hamlet von William Shakespeare // Schaubühne, Berlin // Premiere: 7. Juli 2008, Athen //

Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden 45 min (keine Pause)

Aus dem Englischen von Marius von Mayenburg
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Nils Ostendorf
Dramaturgie: Marius von Mayenburg
Video: Sébastien Dupouey
Licht: Erich Schneider
Kampfchoreographie: René Lay

mit

Claudius, Geist: Urs Jucker
Hamlet: Lars Eidinger
Gertrud, Ophelia: Jenny König
Polonius, Osrik: Robert Beyer
Horatio, Güldenstern: Damir Avdic
Laertes, Rosenkranz: Franz Hartwig

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