Kritik: Der nackte Wahnsinn @Residenztheater

Foto: Matthias Horn

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 20. Februar 2019

Hör dir hier Paulinas Kritik an!

„Das Theater ist das schönste und älteste Lügengewerbe der Welt. Ein wunderbarer Zauberkasten: Es zeigt wirklich, was in der Wirklichkeit nicht ist. Hamlet stirbt und geht anschließend Spaghetti essen.“

Woody Allen

Dieses Zitat aus dem Programmheft passt ganz wunderbar, um diesem Abend am Residenztheater zu beschreiben. Die letzte Produktion „Der Nackte Wahnsinn“ unter dem Intendanten Martin Kusej dreht sich um Schein und Sein des Theaterlebens. Dieses „Theater im Theater“ ist ein Motiv, findet immer wieder den Weg auf die Bühne und scheint so etwas wie das Urdilemma des Menschen zu sein. Wo hört das Sein auf und wo beginnt die Selbstinszenierung? Ob bei „Macbeth“ in den Kammerspielen oder in Shakespeares „Hamlet“ – dieses Motiv ist nicht klein zu kriegen. Man kann sich schon fragen, ob das nicht langsam ausgedient hat oder worin der Mehrwert dieser Zurschaustellung liegt, aber die Regisseur*innen scheinen ein Bedürfnis danach zu haben, sich selbst zu inszenieren.

Wir sehen im Rahmen der Inszenierung im Residenztheater dreimal denselben Akt des Stücks „Nackte Tatsachen“, das von einer Schauspieltruppe aufgeführt wird. Doch sehen wir ihn aus unterschiedlichen Perspektiven. Das erste Mal befinden wir uns in der Generalprobe 24 h vor der Premiere des Stücks. Das Zweite Mal wird „Nackte Tatsachen“ dann tatsächlich aufgeführt, nur sehen wir jetzt alles von der Rückseite des Bühnenbildes und kriegen mit, was alles passiert, wenn die Zuschauer nicht hinsehen. Der Schein eines gutharmonierenden Ensembles schwindet dahin. Bei der Dritten Version, wieder von vorne, geht jetzt alles schief und man leidet fast ein bisschen mit den Figuren mit, die sich von einer verkorksten Szene in die nächste hangeln und von der persönlichen Katastrophe bis zur Katastrophe auf der Bühne jede Panne mit nehmen.

Alles wird hier auf die Schippe genommen. Die gewollten dramaturgischen Motive (hier: Sardinen), alkoholisierte Schauspieler, das Tür-auf-Tür-zu-Stadttheaterklischee und alle stereotypen Charaktere eines Theaters.

Die urkomischen Dialoge und komischen Situationen bergen zwar wenig Tiefgang in sich und sind nicht anderweitig besonderes sinnig, aber sie sind einfach unterhaltsam. Ich musste mich auf die Form der Unterhaltung zwar erstmal einlassen, aber als ich mich dann dem anfänglichem Widerstand gebeugt habe, habe ich wirklich Tränen lachen müssen. Ein bisschen wie „Upps die Pannenshow“, entweder man liebt es oder man hasst es.

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 20. Februar 2019

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Eine Komödie wie sie seit eh und je funktioniert. Commedia dell’Arte 1570 war sicherlich auch nicht viel anders. Witze auf Kosten der Körper der Schauspieler*innen. Verwechslungsgeschichten. Theater im Theater. Witze über die lokale Theaterpolitik. Nichts neues, aber schallendes Gelächter im Zuschauerraum. Das Stück hangelt sich von Lacher zu Lacher. Ich sitze zwischen diesem Gelächter und lache natürlich auch ab und zu mit, doch vielmehr hoffe ich darauf, dass noch irgendetwas mit Substanz kommt.

Doch wie ich vermute, bleibt es bei dem bisher Gesehenem. Selbstverständlich gibt es die berühmte Metaebene. Ein Wort, das so viel benutzt wird im heutigen Theater, doch nur selten beschreibt es das, was es tatsächlich bedeutet: Informationen oder Gedanken, die versteckt kommuniziert werden. Alle werfen nur so mit dem Wort um sich, und Theatermacher*innen oder Kritiker*innen verwenden es, um ihre Arbeit oder Meinung zu rechtfertigen und ohne diese Metaebene wirklich aufzudecken. Ein Totschlagargument. Genauso ist es auch mit Theater im Theater. Zurzeit überall zu sehen und so auch in Martin Kušejs letzter Inszenierung am Residenztheater. Es funktioniert auch oft genug, aber mittlerweile hat es sich totgespielt. Das Prinzip birgt viel Potenzial, doch wird es immer auf dieselbe Weise aufgearbeitet, ohne Mal die tatsächlichen Missstände im Theater darzustellen. Es bleibt auch hier bei den allgemein bekannten Prozessen und Problematiken. Beziehungen zwischen gefühlt allen Schauspieler*innen, Regisseur, Assistentin usw. Das ist ja auch lustig, aber man hat es schon 100 Mal gesehen.

Doch das Publikum lässt sich komplett einlullen. Sogar so weit, dass es am Ende zu YMCA im Takt den Applaus klatscht. Wo sind wir gleich nochmal – im Bierzelt oder im Theater? Ich weiß es nicht mehr.

So deutlich ich es jetzt gemacht habe, dass die Inszenierung meiner Meinung nach nicht sehenswert ist, möchte ich doch betonen, wie gut die Schauspieler*innen sind. Sophie von Kessel und Thomas Loibl haben gezeigt wie abwechslungsreich sie in ihren Schauspielfähigkeiten sind. Ihnen beim Schauspiel zuzusehen, besänftigt mich dann doch etwas.  

Zur Inszenierung

Der nackte Wahnsinn // Residenztheater // Premiere: 19. Oktober 208 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden 40 min (eine Pause)

Regie: Martin Kušej
Bühne: Annette Murschetz
Kostüme: Heide Kastler
Licht: Gerrit Jurda
Choreographie: Heinz Wanitschek
Dramaturgie: Angela Obst

mit

Norman Hacker: Martin K., Regisseur
Sophie von Kessel: Sophie / Fau Klacker
Till Firit: Till / Roger Trampelmann
Genija Rykova: Genija / Vicki
Thomas Loibl: Thomas / Franz Xaver Hötz / Scheich
Katharina Pichler: Kata / Belinda Hötz
Paul Wolff-Plottegg: Paul / Einbrecher
Nora Buzalka: Mechthild, Regieassistentin
Arthur Klemt: Herr Klemt, Inspizient

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