Kritik: Falscher Verrat @TheaterKiel

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 16. März 2019

Höre dir hier Paulinas Kritik an!

In der Spielzeit 2018/2019 gab es im Kieler Spielplan ein sehr markantes dramaturgisches Motiv. Das 100-Jährige Jubiläum des Kieler Matrosenaufstandes und der Novemberrevolutionen im Jahr 1918. In einem anderen Beitrag habe ich bereits über die Produktion „Neunzehnachtzehn“ geschrieben, in der sich die Darsteller*innen des Schauspielhauses dem Aufstand widmeten. Aber nicht nur das Schauspiel, sondern auch die Oper Kiel beschäftigte sich Anfang der Spielzeit diesem Ereignis. Anlässlich des Jahrestages wurde extra für Kiel eine Oper geschrieben mit dem Titel „Falscher Verrat“, die im November letzten Jahres uraufgeführt wurde. Luca Rossi und Wolfgang Haendeler schrieben das Libretto und Marco Tutino sorgte für die Musikalische Grundlage. Inszeniert wurde die Uraufführung von dem Generalintendanten Daniel Karasek.

Auf mich persönlich wirken die beiden Elemente der Oper – das Libretto und die Musik -, den ganzen Abend gegensätzlich zu einander. Bis auf an zwei Stellen merke ich nirgends, dass mich die Musik bewegt oder, dass sie das Geschehene emotional verstärkt. Diese Art von Oper braucht schon ein bisschen geübtere Ohren, denn von eingängigen Melodien wird hier überwiegend abgesehen. Es ist halt keine klassische Oper, aus der man weltbekannte Arien kennt, sondern eine moderne Oper, in der das Orchester eine andere Funktion erfüllt und hat einen anderen Charme hat.

Der Schwerpunkt in der Erzählung wird, anderes als ich es vermutete, nicht auf die aufständischen Matrosen und Heizer gelegt, sondern findet sich eher in einer Dreiecks-Liebesgeschichte wieder. Und zwar zwischen dem Korvettenkapitän Arno von Stahl, gespielt von Kammersänger Tomohiro Takada, dem jungen Heizer und Revolutionär Gabriel Jensen, der von Michael Müller-Kasztelan gesungen wird, und der Hure Lola, der Agnieszka Hauzer ihre Stimme leiht. Dann kommt auch noch die Eifersucht der Gattin von Arno von Stahl und ihrem Vater ins Spiel und das Drama ist komplett.

Die Beziehungen rund um die Hure Lola spitzen, den Konflikt um den Matrosenaufstand zu und scheinen der Dreh und Angelpunkt des Aufstandes zu sein. Lola liebt Arno und den Revolutionär Gabriel, hält also nichts von einer monogamen Liebesbeziehung. Das ist wahrscheinlich durchaus etwas Besonderes, im Vergleich zu den typischen Liebes Konstellationen, aber ich denke, dass die Geschichte um 1918 so viel spannende Momente in sich trägt, dass diese Form von Liebesdrama, nicht sein muss und die Dame zu viel Zeit und Raum an diesem Abend einnimmt, obgleich sie wunderbar von Agnieszka Hauser gespielt wird. Zum Glück waren die echten Revolutionäre nicht ganz so gefühlsduselig, wie diese hier im Kieler Opernhaus.

Sicher wäre mein Urteil auch anderes, wenn ich erst die Oper „Falscher Verrat“ und dann das Schauspiel „Neunzehnachtzehn“ gesehen hätte, denn Letzteres hat mir gezeigt, wie man die Kieler Geschichte auf der Theater Bühne perfekt umsetzten kann.

Zur Inszenierung

Falscher Verrat // Oper Kiel // Uraufführung: 03. November 2018

Studierendenkarten: 12 €; Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden 40 min (eine Pause)

Komposition: Marco Tutino
Musikalische Leitung: Georg Fritzsch, Yura Yang
Regie: Daniel Karasek
Bühnenbild: Lars Peter
Kostüme: Claudia Spielmann
Choreinstudierung: Lam Tran Dinh
Licht: George Tellos

mit

Lola: Agnieszka Hauzer
Gabriel Jensen: Michael Müller-Kasztelan
Arno von Stahl: Ks. Tomohiro Takada
Elsa von Stahl: Tatia Jibladze
Rufus Kropp: Ks. Jörg Sabrowski
Richard: Matteo Maria Ferretti
Helmut Schulze Rohr: Fred Hoffmann
Barmann: Sihao Hu
Vier Unteroffiziere: David Rohr, Lubomir Georgiev,Sang Youf Kim, Alexandar Stoyanov
Chor: Opernchor und Extrachor des Theaters Kiel Kinder- und Jugendchor der Akademien am Theater Kiel

2 Kommentare zu „Kritik: Falscher Verrat @TheaterKiel

Gib deinen ab

  1. Moin, danke erstmal für die Arbeit, die sicherlich in diesem Text steckt.
    Grade was die musikalische Umsetzung angeht, kann ich alles was du schreibst, nachvollziehen. An manchen Punkten des Stückes fand ich die Musik sogar zu weit weg von Text und Handlung; ich zähle aber wohl auch zu den „ungeübteren“ Zuhörern.
    Sicherlich hast du Recht und die Revolution braucht das Liebesdrama nicht und auch ich hätte mir mehr revolutionären Geist gewünscht bzw. hatte mehr Revolution erwartet. Doch was du, meiner Meinung nach etwas vernachlässigst ist die Hure Lola, die sich im Angesicht des um sie herrschenden Kampfes immer wieder anpasst und die Seiten wechselt. Am Ende sterben die, die für ihre Sache bereit sind alles zu geben und die, die sich anpasst, überlebt und hat am Ende doch nichts, da sie alles verloren hat, was einst für sie wichtig war. Opportunisten überleben zwar, aber zu welchem Preis?
    So mag am Ende der revolutionäre Gedanke etwas kurz gekommen sein, eine Moral hat uns die Oper aber doch mitgegeben oder meinst du nicht?

    Liebe Grüße und vor allem viel Erfolg weiterhin mit dem Blog 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Lieber Max,

    meine Antwort kommt wirklich viel, viel, viel zu spät, aber trotzdem schreibe ich jetzt nochmal. Denn ich finde es echt so toll, dass du hier geschrieben hast. Und du hast total recht. Ich habe mir nochmal ein bisschen Gedanken gemacht und sehe voll was du meinst. Wahrscheinlich war ich innerlich schon so negativ eingestellt, dass mir diese Aspekte weniger aufgefallen sind. Die konkrete Moral sehe ich aber trotzdem noch nicht so ganz, denn grundsätzlich ist für mich das Prinzip „All in or nothing“ eine bessere als „Pass dich immer an“, oder nicht ? Ich fände es super spannend, da nochmal von dir zu hören, was du genau meinst.

    Liebe Grüße und nochmal Entschuldigung für die späte Antwort.
    Deine Paulina

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: