Kritik: Die Netzwelt @TheaterKiel

Foto: Olaf Struck

Gastbeitrag: Johannas Kritik – Besuchte Vorstellung: 07. April 2019

Hör dir hier Johannas Kritik an!

Ich betrete den Raum, in dem ich gleich das Stück „Die Netzwelt“ von Jennifer Haley sehen werde. Ein paar Schritte entfernt steht ein weiß gekleideter Mann, der in freundlich, mechanischem Ton die hereinkommenden Gäste bittet, einen Moment zu warten. Dann werde ich weiter geschleust. Der Weg zu den Sitzplätzen führt über eine Treppe, hinauf auf die Bühne, wieder ein paar Stufen hinab, durch den Raum zu den Sitzplätzen. Weitere freundliche Aufforderungen unterschiedlicher Darsteller begleiten die Strecke, und noch bevor ein Lichtwechsel den rituellen Beginn des Stücks bekannt gibt, habe ich mehrere Schwellen übertreten und bin mitten im Geschehen.

In der Architektur ist die Schwelle ein gestalterisches Mittel, welches den Übergang zwischen Bereichen mit unterschiedlichen Ordnungen beschreibt. Es ist also eine Verbindung, die mal mehr, mal weniger offensichtlich einen Dialog zwischen Ambivalenzen führt.

Mir fällt die bewusste Gegenüberstellung von Bühne, Regiebereich und den Zuschauern auf. Spitzzulaufende Formen auf dem Boden bilden optisch einen Berührungspunkt, der auf mich wirkt, wie zwei Finger, die aufeinander zeigen und aufmerksam machen wollen.

Hier auf der Bühne sehe ich viele dieser sich schneidenden Linien. Unter Anderem aus dehnbaren Schnüren, die sich bündeln und gefächert wieder auseinanderlaufen. Wie ein Lichtstrahl, der durch eine Linse eingefangen wird.

Spiegelnde, in Regenbogenfarben glänzende Flächen an einigen Wände, wie auch auf den Kostümen, geben dem Bild eine kindliche Leichtigkeit.

Eine Welt, in der alles möglich ist, in der Menschen ihre Fantasie leben können, ohne Konsequenzen. Diese Versprechen gibt Papa/Sims den Nutzern seines „Refugiums“. Die Fantasie verschmilzt mit der „realen“ Welt und bildet eine neue Wirklichkeit. Die verbindende Komponente soll dabei der menschliche Geist sein. Ein purer Mensch, losgelöst von seiner Hülle, dem Körper. Die Netzwelt in der das Leben paradiesisch frei sein soll, wird von der Polizistin Morris kritisiert. Sie verhört die Mitwirkenden dieser Plattform. Es entstehen spannende Dialoge, die viele Fragen aufwerfen: Welche Gesetze gelten in der virtuellen Welt? Wie real ist sie? Zählt die eigene Ethik oder das Strafrecht? Wie verschieben sich die eigenen Wertvorstellungen, wenn jegliche Taten keine sanktionierbaren Folgen haben? Welche Rolle spielen Privatsphäre und Überwachung?

Szenisch hebt Nina Sievers diese Welten vor allem durch die Wahl der Kostüme voneinander ab. Gut eingesetzte Lichtwechsel nehmen mich mit in die virtuelle Welt, wenn sich die Benutzer einloggen.

Mir gefällt das Bühnenbild sowohl mit den gewählten Formen, wie der Materialität. Es ist ein polyvalenter Raum entstanden, der den Inhalt trägt und voranbringt, den Besucher integriert, und durch seine Vielschichtigkeit immer neue Bilder und Interpretationen zu lässt.

Ich verlasse den Raum, wieder über die Schwelle tretend. Was bleibt sind die Fragen.


Johanna studiert an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel Szenografie und Raumstrategien. Ihre Begeisterung für das Theater und für Bühnenbilder hat sich besonders mit der Ausstattungs- und Bühnenbildhospitanz am Theater Kiel verfestigt. Durch diese Hospitanz bei der Kieler Hamlet Inszenierung haben sich Johanna und unsere Theatertante Pauli kennen gelernt und haben die Probenzeit zusammen erlebt. Aufgrund ihres Studiums hat Johanna wirklich einen ganz besonderen Blick auf die Inszenierung „Die Netzwelt“.

Wir sind gespannt auf euer Feedback!

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 07. April 2019

Hör dir hier Paulinas Kritik an!

Virtual Reality ist ein Thema mit dem ich mich nicht so gerne auseinander setzte. Es ist auf eine Weise so absurd und ungreifbar, dass es mir schwerfällt, mich dieser neuen Realität zu öffnen. Das Stück „Die Netzwelt“ vom Jennifer Hailey hat mir einen Zugang zu den Problemen und Fragen ermöglicht, was diese Entwicklung für unsere Gesellschaft bedeuten könnten. Unter der Regie von Kristin Trosits und der Ausstatterin Nina Sievers wird das Studio Theater am Schauspielhaus Kiel dystopisch verwandelt.

Das Internet ist hier längst passé. Die Netzwelt hat den Platz eingenommen. In dieser Netzwelt kann sich jeder eine ganz eigene Welt programmieren, in die sich ein Mensch (wie damals im Computerspiel SIMS) einloggen kann, eine Person kreieren, die er sein möchte, und so ein Leben losgelöst von den Stigmata des Realen führen kann.

Aufhänger der Erzählung ist Papa. In seiner programmierten Welt dem Refugium, lebt er etwas aus, das in unserer Welt bestraft werden würde. Er führt hier ein Leben mit kleinen Mädchen und Jungs zusammen, die er für sich einnimmt und zu denen er ein mehr als väterliches Verhältnis aufbaut. Doch hinter der Figur seines „Lieblingskindes“ Iris versteckt sich kein kleines Kind, sondern eine andere Person, die das ganze Szenario wieder erschüttert und eine andere Fragestellung in den Raum wirft. Denn wie kann man in der virtuellen Welt noch unterscheiden, wer hinter den erschaffenen Figuren steckt. Das Motiv „Schein und Sein“ bekommt durch die digitalen Identitätswandlungen eine neue Bedeutung und wirft auch im Kontext des Themas Transgender, Möglichkeiten, Fragen und Probleme auf.

Aufpassen SPOILER !! Also wer es sich „Die Netzwelt“ noch anschauen will, besser den nächsten Absatz überspringen!

Denn hinter dem Mädchen Iris, versteckt sich kein reales kleines Mädchen, sondern Mr. Doyle, den Zacharias Preen behutsam zum Leben erweckt. Er möchte dieses Spiel für immer weiterspielten, ist süchtig nach der Person, die er in dem Refugium ist und fühlt sich in seiner realweltlichen Rolle nicht mehr wohl. Ist es dann noch dasselbe perverse Spiel, das Papa dort treibt, oder verschiebt sich dadurch etwas in unseren Köpfen, wenn doch kein wirkliches Kind in Iris steckt, sondern ein erwachsener Mann? Oder macht es keinen Unterschied?

Ungeheuerlich wahrhaftig spielt Olga von Luckwald die verspielte manipulative Iris, die von Papa, ebenfalls sehr stark akzentuiert und bedrohlich gespielt von Rudi Hindenburg, begehrt wird. Kommissarin Morris, verkörpert durch Isabell Baumert, ist die weltliche Figur, die nach den Regeln der realen Welt versucht Papa auf die Schliche zu kommen. Doch auch sie selbst kann der Versuchung im Refugium kaum widerstehen, als sie in der Figur des Woodnut, unterhaltsam durch Maximilian Herzogenrath auf die Bühne gebracht, die Welt vom Papa betritt.

Ein Abend, der ein bisschen nachwirken muss. Gerade weil die Antworten nicht so einfach gegeben werden.

Zur Inszenierung

Die Netzwelt// Studio Schauspielhaus/ Theater Kiel// Premiere: 20. Januar 2019

Studierendenkarten: 12€; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunde 35 Minuten (keine Pause)

Regie: Kristin Trosits
Ausstattung: Nina Sievers
Musik: Eike Ebbel Groenewold
Dramaturgie: Kerstin Daiber, Lena Carle

mit:

Sims / Papa: Rudi Hindenburg
Morris: Isabel Baumert
Doyle: Zacharias Preen
Iris: Olga von Luckwald
Woodnut: Maximilian Herzogenrath

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