Kritik: Die Stadt der Blinden @Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Foto: Marcel Urlaub

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 17. April 2019

Höre dir hier Paulis Kritik an!

Der Abend beginnt und die Inspizientin betritt die Bühne. Es gibt ein paar kleine Änderungen bei dieser Vorstellung. Alles nichts Weltbewegendes. Sie verlässt die Vorderbühne wieder und wünscht uns – einen „intensiven“ und „ergreifenden“ Theaterabend. Auf das Wort „schön“ verzichtet sie. Bewusst. Wie sich später herausstellte.

Die Story von Jose Saramago kurz umrissen: Aus unerfindlichen Gründen erblinden die Menschen der Stadt und sind just in diesem Moment Ausgestoßene. Sie werden in eine ehemalige Irrenanstalt gesteckt, die vom Militär bewacht wird, um die anderen Bewohner vor der Ansteckung zu bewahren. Nach und nach kommen immer mehr Menschen in das Haus, in dem die Blinden dem Wahnsinn ausgeliefert sind. Kein Mensch in diesem Haus kann sehen, bis auf die Frau des Augenarztes, die sich blind stellt, um ihn zu begleiten. Von ihrer Sehkraft weiß zu Anfang aber noch keiner. Das Ekelhafte im Menschen tritt mit der Zeit immer mehr zum Vorschein. Es geht soweit, dass sich unter den Erblindeten ein Kampf um das, vom Militär rationierte Essen ergibt. Dieser Kampf setzt sich über die Grenzen von menschlicher Würde hinweg und gipfelt in der Aufforderung: „Gibt uns die Frauen und ihr bekommt Essen.“

Wieder im Schauspielhaus bei der Inszenierung von Kay Voges: Der Decker fährt hoch und eröffnet den Blick auf ein gigantisches Bühnenbild. Pia Maria Mackert hat gemeinsam mit Mara Henni Klimek etwas Wahnsinniges geschaffen: Eine alte Villa, die im Stück als ehemaliges Irrenhaus eingeführt wird, steht von allen Seiten einsichtbar inmitten der sich langsam drehenden Bühne. Über zwei Geschosse hinweg erstreckt sich das Gebäude, das durch alte Krankenbetten und helles Licht sehr stark an einen Horrorfilm erinnert. Den Blick ins Innere des Gebäudes ermöglichen uns zwei Kameramänner, die die Schauspieler*innen begleiten. Das Gefilmte wird auf verschiedene Art und Weise auf die Hausfassade und offene Mauern projiziert, während sich dieses stätig weiterdreht. Unglaubliche Präzision und genaues Timing haben zur Folge, dass das Live Erlebnis auf der Bühne, sehr stark an eine filmische Arbeit erinnert. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass es auch schon einen Film mit dem Titel „Die Stadt der Blinden“ gibt, der ebenfalls auf dem Roman von Jose Saramago basiert. Die Zweidimensionalität des Films wird mit der Dreidimensionalität der Bühne verknüpft und wird dadurch besonders intensiv.

Jose Saramago schrieb den Text in Portugal der 1990 Jahre und setzt sich durch grenzenlosen Pessimismus von der vermeintlichen Naivität eines Humanisten ab. Trotz seines Nobelpreises, den er drei Jahre nach Veröffentlichung von „Die Stadt der Blinden“ verliehen bekommen hat, sind seine Werke nicht sonderlich populär in Deutschland. Ich persönlich finde es jetzt nicht allzu verwunderlich, denn das was Saramago da beschreibt, ist nichts für schwache Nerven. So wie es auch die Inszenierung von Kay Voges am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ist.

Man stelle sich einfach mal alles vor, was einen durchschnittlichen Theaterbesucher auf der Bühne schockiert: Da gibts Blut, Fäkalien und Erbrochenes, die das Bühnenbild gestalten und nackte Menschen, sowie Sex auf der Bühne. Freiwilliger Geschlechtsverkehr, wie auch Vergewaltigungsszenen. All das, wird an diesem Abend im Deutschen Schauspielhaus geboten. Die Krassheit, die ich hier etwas überspitzt beschreibe, ist weit von einer schönen Ästhetik entfernt, doch geht von dieser Szenerie eine Energie und eine Spannung aus, die nicht loslässt. Zwar kann ich teilweise echt nicht auf die Bühne wenden, da einiges auch meine Schmerzensgrenze überschreitet, doch verlasse ich, anders als schätzungsweise 20 – 30 Zuschauer*innen, den Raum nicht. Denn nach solch intensiven Szenen will ich ja erst recht noch wissen, wohin das alles führen soll.

Es führt zu einem Zweiten Teil: Das Irrenhaus ist abgebrannt, die Menschen können ihm entfliehen, doch auch in der gesamten Stadt ist die Blindheit und der Wahnsinn ausgebrochen. Der Weg zur Heilung dauert also noch an. Die sehende Frau führt die Übriggebliebenen.

In diesem zweiten Teil fallen unheimlich viele spannende philosophische Thesen über das Sehen und das Nicht-Sehen und diverse weitere Aspekte. Doch leider kann ich diesen Gedanken gar nicht mehr wirklich folgen, zu sehr muss ich mich von den Szenen aus dem Ersten Teil mental erholen. Da wäre es toll nochmal den Theatertext lesen zu können, um die ein oder andere Auflösung der Komplexität des Ersten Teils wieder zu entschlüsseln.

Ein riesen großer Chapeau geht auf jeden Fall noch an die Schauspielerinnen und Schauspieler. Allen voran an Sandra Gerling, die die sehende Frau spielt und durch den Abend führt. Was sie an diesem Abend leistet, ist sicherlich auch für sie ein besonders intensives Erlebnis.

Das Wort, das die Inspizientin am Anfang des Abends gewählt hat, um die Inszenierung zu beschreiben, könnte treffender nicht sein. Es ist intensiv. Nichts für Schwache Nerven und eine Inszenierung die in Erinnerung bleibt.

Zur Inszenierung

Die Stadt der Blinden // Deutsches Schauspielhaus Hamburg // Premiere: 16. März 2019

Fassung von Kay Voges, Bastian Lomsché und Matthias Seier
nach dem Roman von José Saramago
Deutsch von Ray-Güde Mertin
Empfohlen ab 16 Jahren. / Repertoire

Regie: Kay Voges
Bühne: Pia Maria Mackert
Kostüm: Mona Ulrich
Bühnenbildmitarbeit: Mara Henni Klimek
Director of Photography: Voxi Bärenklau
Video Art: Robi Voigt
Komposition: Paul Wallfisch
Live-Kamera: Marcel Urlaub, Philip Jestädt
Live-Videoschnitt: Martin Langhof
Live-Grading: Severin Renke
Video: Alexander Grasseck, Antje Haubenreisser, Peter Stein
Soundsampling: Dominik Wegmann
Ton: André Bouchekir, Shorty Gerriets, Christian Jahnke
Dramaturgie: Bastian Lomsché

mit:

Michael Weber
Ali Ahmad
Irene Benedict
Patrick Berg
Muriel Bielenberg
Antonia Dreeßen
Ralf Drexler
Carlotta Freyer
Sandra Gerling
Josefine Großkinsky
Rosemary Hardy
Jonas Hien
Markus John
Christoph Jöde
Matti Krause
Philipp Kronenberg
Greg Liakopoulos
Jannik Nowak
Maximilian Scheidt
Julia Schubert
Jakob Walser

Im Film:
Linda Zervakis
Andreas Beck

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