Kritik: Eine göttliche Komödie. Dante Pasolini @Residenztheater

Foto: Matthias Horn

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 09. Mai 2019

Hör dir hier Paulinas Kritik an!

Dante und Pasolini. Zwei Italiener. Ersterer Literat aus dem 13. Jahrhundert. Letzterer ein umstrittener, provokanter Filmregisseur mit einem Hang zur Pädophilie, der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zur Welt kam.

Im Laufe seines Lebens setzte sich Pier Paolo Pasolini immer wieder mit dem 700 Jahre älteren Herrn und seinen Werken auseinander. Die oft adaptierte Arbeit „Eine Göttliche Komödie“ spielte dabei eine besonders große Rolle in seinem Leben. Zweimal versuchte sich Pier Paolo an dem Werk und jetzt – bald 45 Jahre nach seinem mysteriösen Tod – setzt sich Regisseur Antonio Latella im großen Haus des Residenztheaters mit beiden Männern auseinander.

Der Abend ist, ebenso wie die Grundlage von Dante Alighieri, in drei Teile separiert. Es beginnt mit verschiedenen Versionen des Mordes an Pasolini, der sich am 2. November auf einem Parkplatz in Ostia zugetragen hat. Er trifft sich am Abend seines Todes mit einem 17-Jährigen Jungen für ein geheimes Stell-dich-ein. Ob dieser Junge aber auch der Mörder war oder ob es doch einer der anderen Männer war, die plötzlich auftauchten, ist bis heute nicht geklärt. Das einzige was klar ist: Pasolini wurde brutal zusammengeschlagen und starb unter anderem an einem geplatzten Herzen.

Das auf der Bühne des Residenztheaters darzustellen ist keine leichte Aufgabe. Doch ohne sich wirklich zu berühren, schlagen die fünf Schauspieler auf Tim Werths (in der Rolle des Pasolini) ein und der reagiert so wahrhaftig und realistisch, dass es mir trotzdem unbehaglich wird. Jules und ich sitzen in der ersten Reihe und so kann ich die Aushol-Bewegung bis auf meine eigene Haut spüren. Von dieser aller ersten Kampfszene geht eine ungeheuerliche Energie aus und hält sich über die gesamten knapp zwei Stunden der Inszenierung.

Dass die Zeit so schnell vorbei geht, liegt auch an dem Humor des italienischen Regisseurs. Antonio Latella baut immer wieder intelligente Entspannungsmomente ein, die so gut platziert sind, dass es nicht zur Last der intensiven Geschichte fällt.

Latella hat es darüber hinaus geschafft, den Begriff der Körperlichkeit neu zu denken. Denn obwohl die Schauspieler streckenweise nackt auf der Bühne Fußball spielen und eine Orgie im Auto andeuten, fällt mir die Nacktheit irgendwann gar nicht mehr auf. Viel zu fesselnd sind die Geschichten, die erzählt werden, sowie die Mimik und der Ausdruck in den Gesichtern der Darsteller.

Das wird nochmal besonders in der letzten Szene mit Tim Werths deutlich: Ohne jegliche Hülle spricht er einen Dialog zwischen Pasolini und seiner Mutter, spielt dabei mit einem kleinen Auto. Die komplexe Beziehung in der eigenen Familie des Mannes und seiner Psychologie wird hier so deutlich, wie die Qualität der Schauspieler des Residenztheaters, zwischen denen eine sehr vertrauensvolle Energie zu sein scheint.

Es ist wirklich zu schade, dass diese Inszenierung nur für so kurze Zeit zu sehen ist, denn leider ist am kommenden Donnerstag schon Dernière. Und auch wenn wir keine Werbeplattform sind: Nutzt die eine Chance und schaut es euch an!!

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 09. Mai 2019

Hör dir hier Julias Kritik an!

Diese Inszenierung, die das Leben Pasolinis mit Dantes „Göttlicher Komödie“ verknüpft, hat alles, was ich mir von einem Theaterabend wünsche. Das fängt damit an, dass ich die Idee des Stücks wahnsinnig klug finde und sie mich unvoreingenommen interessiert. Wie viel göttliche Komödie steckte in Pasolinis Leben? Welchen Einfluss hatte Dantes Werk auf Pasolinis eigenes Schaffen? Und wie kommt Bellini auf die Idee, daraus einen Text zu erarbeiten?

Wie auch immer: Der Versuch ist geglückt. Passagen der „Göttlichen Komödie“ werden verwoben mit Pasolinis Tod, mit seinem unruhigen Leben, mit seinem (sozialen) Umfeld. Dantes Worte werden neu ausgelegt und scheinen nicht selten wie für Pasolinis Psyche geschrieben.

Der Text ist also schon mal krass, aber auch das Schauspiel und andere Theatermittel zeugen davon, dass einige Beteiligte das Handwerk Theater zu machen, eindeutig verstehen müssen.

Die Bühne scheint mit lediglich einem Auto als Bühnenbild erst mal sehr leer, und doch verändert sich das Bild das Stück hindurch so stark, dass man meinen könnte, man hätte ein paar Umbauten verpasst. Aber nein: Es baut niemand etwas um und es verlässt auch fast nie jemand die Bühne. Kostümwechsel finden entweder dadurch statt, dass die Schauspieler (die alle das gleiche tragen) unter ihrem Kostüm ein weiteres Outfit anhaben oder aber durch offenes Umziehen auf der Bühne, mit Kostümen die irgendwo im Bühnenraum versteckt waren. Häufig sind sie auch einfach nackt, was mir übrigens sehr positiv als nicht-sexualisiert auffällt, sondern als handlungstragend und ja, „normal“. Die Kulisse verändert sich einmal, wenn eine Telefonzelle mit Franz Pätzold drin wie durch Geisterhand eine Runde über die Bühne fährt oder wenn es anfängt zu regnen. Alles coole Theatertricks, die ich mir gerne anschaue!

Und die fahrende Telefonzelle bringt mich zu einem weiteren absoluten Plus der Inszenierung: Wie auch Pauli schon angemerkt hat, erlebe ich den Abend ständig als eine perfekte Balance zwischen Spannung und Entspannung. Pasolinis Leben hatte viele Abgründe, dunkle Momente, die mich schnell gefangen nehmen. Tim Werths‘ Spiel beginnt so unauffällig, dass es mich in der zweiten Hälfte des Stücks unerwartet heftig mitnimmt und mitfühlen lässt. Für mich spielt Franz Pätzold dabei die wichtige Figur, die durch perfekt eingesetzte, komische Intermezzi ein bisschen Geschwindigkeit nimmt und mich schmunzeln lässt. Wie eben in dem Moment, als er mit der Telefonzelle „eine Runde dreht“.

Ein Punkt, der echt noch angesprochen werden muss: die Körperlichkeit und Bewegungssicherheit der Schauspieler. Schon am Anfang des Abends wird klar, dass Werths, Strunk und Co körperlich viel abverlangt werden wird. Die Darstellung der verschiedenen möglichen Morde geschieht durch ständiges „zurückspulen“ der Bewegungen: eine perfekte Choreographie. Jeder Schauspieler hat immer seinen festen Platz, bewegt sich bewusst und sauber. Wer aber über allem absolut heraus sticht, ist Tim Werths, wenn er seine körperliche Misshandlung und das Verprügelt-werden nachspielt. Alleine. Ohne Anspielpartner. Ähnliche Bewegungsmuster habe ich mittlerweile schon öfter gesehen und sie beeindrucken mich jedes Mal wahnsinnig. So viel Kontrolle über den eigenen Körper zu haben, dass eine Bewegung in meinem Kopf sofort das Bild eines fremden Schlags oder Tritts auslösen kann, finde ich bewundernswert.

Um langsam abzuschließen: „Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini“ ist großartig. Ein Theaterhandwerk von einer Perfektion, die ich selten sehe. Aber es ist kein leichtes Stück und über den Abend verteilt haben, öfter als sonst, einige Leute den Zuschauerraum verlassen. Genau diese Erwartung hatte mir aber auch so viel Lust auf den Abend gemacht, da ich von anderen Kritiken und Zuschauern im Vorfeld raushören könnte, dass man den Abend entweder liebt oder hasst. Ich liebe ihn! Sehr!

Zur Inszenierung

Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini – von Federico Bellini// Residenztheater // Premiere/UA: 22. März 2019 //

Studierendenkarten: 8 €; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunde 45 Minuten (ohne Pause)

Regie: Antonio Latella
Bühne: Guiseppe Stellato
Kostüme: Graziella Pepe
Musik: Franco Visioli
Licht: Gerrit Jurda
Choreographie: Francesco Manetti
Dramaturgie: Federico Bellini und Laura Olivi

mit

Philip Dechamps
Gunther Eckes
Max Gindorff
Franz Pätzold
Nils Strunk
Tim Werths

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