Filmkritik: Verteidiger des Glaubens @DOK.fest

DOK.fest München – Verteidiger des Glaubens

Gastbeitrag: Mäggies Kritik – Besuchte Vorstellung: 14. Mai 2019

Hör dir hier Mäggies Kritik an!

Das 34. DOK.fest mit Dokumentarfilmen aus aller Welt ist nun leider nach 2 Wochen wieder vorbei. Ich hatte das Vergnügen bei der Weltpremiere des Filmes „Verteidiger des Glaubens“ von Christoph Röhl mit anschließender Diskussion dabei sein zu dürfen.

Der Film behandelt das heikle Thema der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, die vor allem unter Papst Benedikt XVI. auf der ganzen Welt für Entsetzen sorgten. Doch nicht nur das. Die Vorfälle und die damit verbundenen Schwierigkeiten der Kirche führten dazu, dass Papst Benedikt XVI. der zweite Papst der Geschichte war, der von seinem Amt zurücktrat. Interessiert an diesem spannenden Thema, war ich nach dem Abend von der Machart des Filmes positiv überrascht, vor allem da er so ein empfindliches Thema anspricht.

Das Thema Religion, Glaube und Kirche ist immer schwer zur Sprache zu bringen, weil es auch immer viel Angriffsfläche bietet und die Gefahr entsteht, dass sich bestimmte Menschen persönlich angegriffen fühlen. Das weiß auch Filmemacher Christian Röhl, als er sich dem Thema Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche zuwendet. Für seine Recherche für den Film erlaubte ihm der Vatikan sogar Zugang zu seinen Archiven. Anders als bisher, behandelt Röhl allerdings die Missbrauchsfälle nicht aus der Sicht der Opfer, sondern aus der Sicht der Kirche selbst. Wobei er in Interviews, neben Kirchenaussteigern unddem persönlichen Sekretär des Papstes, trotzdem auch Betroffene zur Sprachekommen lässt.

Der Film zeigt auf erschreckende Art und Weise inwiefern Macht in der katholischen Kirche eine nicht wegzudenkende Rolle spielt. Sowohl die Macht, die die Kirche selber besitzt und ausübt, als auch die Macht die manche Ordenskongregationen über die katholische Kirche haben. Die Kirche verliert immer mehr Mitglieder aufgrund ihrer konservativen Haltung der modernen Welt gegenüber. Und dies ist auch einer der Hauptaussagen, die der Film meiner Meinung nach zum Ausdruck bringt. Er fokussiert sich auf den Werdegang von Papst Benedikt XVI., seinenWeg von Regensburg nach Rom, seine Zeit als Leiter der Glaubenskongegration bishin zu seiner Zeit als Papst und zeigt damit nicht nur das Scheitern eines Mannes, sondern das Scheitern einer ganzen Institution.

Besonders bemerkenswert an dem Film war für mich die Tatsache, dass der Regisseur Josef Ratzinger nicht als schlechten Menschen darstellen möchte. Das Anliegen des Filmes war es, mit enormen Respekt dem Thema gegenüber, die Wahrheit zuerzählen. Ein Mittel, was sich bewusst durch den ganzen Film trägt. Dadurch schafft der Regisseur die schmale Gradwanderung, zwar die katholische Kircheals Institution im Hintergrund der Missbrauchsfälle in Frage zu stellen, aber gleichzeitig nicht den Glauben der Menschen zu kritisieren. Zu sehen ist dies vor allem an den Interviews, die im Film gezeigt werden. An der Art der Antworten und dem Gesagten ist zu spüren, wie viel Respekt die Filmemacher dem Thema und allen Beteiligten gewidmet hat.

Und doch ist es auch ein Film der entsetzt und aufrüttelt. Der aufzeigt, dass im Zuge der Missbrauchsfälle bis heute von der Kirche keinerlei Maßnahmen ergriffen werden, um die schuldigen Priester zur Rechenschaft zu ziehen. Ein kritischer Film, der notwendig ist!


Mäggie studiert seit anderthalb Jahren zusammen mit den Theatertanten Theaterwissenschaft in München. Neben ihrer Freude am Theater ist sie ein kleiner (vielleicht bisschen verrückter) Musicalfan und ist das wandelnde Musicallexikon. In diesem Zusammenhang hat sie auch schon für mehrere Musicalzeitschriften Kritiken geschrieben. Durch ihre Arbeit in einem Hotel ist sie übrigens auch eine perfekte Stadtführerin. Wenn sie nicht gerade Musicals hört und singend durch die Stadt läuft, schwingt sie nebenher selber gerne das Tanzbein und nervt alle mit ihrem ewigen Gerede über Harry Potter.

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 14. Mai 2019

Hör dir hier Paulinas Kritik an!

Kardinal Joseph Ratzinger, alias Papst Benedikt XVI., tritt am 28. Februar 2013 als zweites Kirchenoberhaupt, in über 1600 Jahren von seinem Amt zurück. Was mit „Wir sind Papst“ auf dem Titelblatt der Bildzeitung 2005 fulminant gefeiert wurde, endet acht Jahre später abrupt. Zurück bleibt ein großer Scherbenhaufen und ein Vertrauensverlust, der die einst mächtigste Institution der Welt erschüttert.

In dem Dokumentarfilm „Verteidiger des Glaubens“, nimmt der atheistische Regisseur Christopher Röhl, die Amtszeit des 264. Papsts zum Anlass, das Ende einer Ära zur porträtieren, die gleichzeitig mit dem persönlichen Schicksal Ratzingers zusammenfällt. Doch ist es mehr ein Porträt der Zeit, als nur ein Film über den Werdegang des gebürtigen Bayern. Ein Porträt, das durch viele Interviews mit Gläubigen, exkommunizierten Priestern, Beratern und Bekannten Ratzingers, unter ihnen Georg Gänswein, geprägt wird. Fünf Jahre aufwändigste Recherchearbeit wurden belohnt – nach der Weltpremiere am vergangenen Dienstag wird nach langem Beifall bereits so intensiv diskutiert, wie es sich Produzent Martin Heisler gewünscht hat. Nicht nur im katholischen Bayern bietet solch ein Film über den Papst eine aufgeladene Auseinandersetzung. Längst hat es der Röhls Werk schon in die überregionale Presse geschafft. Nichtsdestotrotz schockiert und berührt dieser Film aber besonders, wenn man selbst mit dem katholischen Glauben aufgewachsen ist und sich selbst mit der Frage auseinander setzten muss, die der Dokumentarfilm stellt und wie eine Wolke über dem Kinosaal hängt: „Ist die katholische Kirche noch zu retten?“

Die Geschichte, die uns von Ratzinger erzählt wird, beginnt in den 1960ern. Das 2.Vatikanische Konzil 1965 sollte eigentlich auf die Säkularisierung der Welt reagieren und die Kirche an die Moderne anpassen, doch als Reaktion auf das Konzil, entstand ein ultrakonservatives Lager. Innerhalb dieses Lagers wurden einige radikal-katholische Untergruppen und fundamentalistische Abspaltungen,wie die „Legionäre Christi“ unter Marcial Maciel, gegründet. Diese extremen Gruppierungen waren einigen Geistlichen im Vatikan allerdings immer noch lieber, als die neue, weltliche katholische Kirche. Mit dem Rückhalt der Obersten Kardinäle und Bischöfe, bildet Maciel ein weltweit organisiertes Netzwerk mit einem Vermögen von 25 Mrd. Euro, veruntreut Gelder und vergreift sich an dutzenden jungen Anhängern seiner Sekte. Geschützt vom damaligen Papst Johannes Paul II., wird Maciels System immer perverser. Während sich Ratzingerals Kardinal noch weigert an einer Veranstaltung mit Maciel teilzunehmen,unternimmt er vorerst nichts gegen den Mann, als er 2005 zum Papst gewähltwird, obwohl die Vorwürfe schon längst in aller Munde sind. In den folgenden Jahren, insbesondere 2010 häufen sich die Skandale. Längst wird klar, dass die Übergriffe keine Einzelfälle sind. Die Kirche weigert sich bis heute rechtliche Schritte gegen die Priester einzuleiten.

Ratzinger sitzt vor der Marinestatur und betet, seine Augen sind müde und verzweifelt. Er verliert zunehmend den Glauben an seine „Kirchliche Familie“. Er scheint die Augen verschließen zu wollen, weil er nicht (ein)sehen will, was in und mitseiner Kirche passiert ist. Als die Missbrauchsvorwürfe gegen seinen Bruder –Leiter der Regensburger Domspatzen – laut werden und sein persönlicher Berater den Vatileaks Skandal auslöst, der die Lücken im Stadtstaat offenlegt, ist das der letzte Stoß, der den damals 86 Jahre alten Mann zu Fall bringt. Er tritt zurück. Der überzeugte gutgläubige Katholik, der etwas naiv an das Fortbestehen dieser Kirche glaubte.

Die letzte Szene des Films, aus dem Jahr 2018, erscheint wie ein Aufbäumen nach einem (fast) Untergang: Das einst strengkatholische, von schlimmsten Missbräuchen geprägte Irland, empfängt den „neuen“ Papst Franziskus. Frauen und Männer stehen auf der Straße und demonstrieren für eine Erneuerung der Kirche und eine justizielle Aufarbeitung der Fälle: „Trust, Just, Love!“! Es steckt viel Hoffnung in diesen Bildern. Eine Aufbruchstimmung nach einer schlimmen Enttäuschung. Ob aber Franziskus es schafft aufzuräumen, in einem System, das in sich doch so hoffnungslos verloren scheint?

Christoph Röhl hat es geschafft einen informativen Film zu drehen, der niemandem einen Gedanken vorkaut, sondern die Zuschauer auffordert sich Gedanken zu machen und vielleicht auch darüber hinaus zu handeln. Einen Appell lese ich ganz persönlich für mich aus dem Film, der noch einmal durch die letzte Aussage einer ehemaligen Schwester bekräftigt wird. Ihre Antwort auf die Frage, ob die katholische Kirche noch zu retten sei lautet: „Wenn die katholische Kirche das System von Bischöfen, Kardinälen und dem Papst ist, dann nein. Aber wenn die katholische Kirche die Gläubigen sind, dann vielleicht.“

Ivanas Kritik – Besuchte Vorstellung: 14. Mai 2019

Hör dir hier Ivanas Kritik an!

Ich bin absoluter Fan von Dokumentarfilmen, weswegen ich auch so gerne zum DOK.fest gehe. Ich finde diese Filme unglaublich spannend und besonders anzusehen, wenn man stets weiß, dass man hier nichts als die Realität von meist so weit entfernten Orten und Menschen zu sehen bekommt. Zudem sind es häufig Projekte, die notwendig sind, um Anderen die Augen zu öffnen. Wie auch hier beim Film Verteidiger des Glaubens: Geschichten, die erzählt werden müssen.

Ich möchte zuallererst kurz auf die Machart dieses Filmes eingehen. Die Szenen scheinen im Vorhinein für mich wenig vielfältig sein zu können. Entweder es sind Bilder aus Kirchen, aus dem Vatikan oder der bayerischen Heimat Joseph Ratzingers. So schön das anzusehen ist, bin ich davon ausgegangen, weniger Abwechslung für meine Augen geboten zu bekommen. Hier bin ich direkt positiv überrascht worden. Man sieht natürlich größtenteils Kirchen oder den Vatikan, trotzdem findet immer wieder eine künstlerische Note ihren Weg ins Bild. Zwischen den vielen Interview-Situationen werden große, weite und eindrucksvolle Sequenzen gezeigt, beispielweise von der Architektur im Vatikan. Direkt das erste Bild des Filmes ist ein solches, weswegen ich mich persönlich schnell in diese besondere Stimmung einfinden kann, die religiöse Gebäude für mich ausstrahlen. Ich kann doch oft etwas Magisches bzw. Besonderes ausmachen, wenn ich beispielweise in einer Kirche stehe und die bunten Fenster das Abendlicht auf die uralte Architektur werfen. Diese Momente werden wunderschön eingefangen, weswegen man diesen Film auch schlicht gut ansehen kann. Neben seinen Fähigkeiten diese Bilder zu finden und zu filmen, an diese zahlreichen Informationen zu gelangen und besondere Interviews zu führen, hat der Regisseur Christoph Röhl eben auch ein Händchen für die Herangehensweise an dieses Thema, wie Mäggie bereits erwähnt. Hier wird mit so viel Ehrlichkeit, Sorgfalt und Respekt erzählt, dass man unabhängig von der persönlichen Haltung zum Katholizismus, berührt und erschüttert wird.

Weg von den schönen Bildern der alten Kirchen aus vergangen Zeiten, stehen diese natürlich den Themen gegenüber, für die eben diese Gebäude mittlerweile leider auch stehen. Der Glaube hat an Bedeutung verloren und die Institution Kirche die Oberhand gewonnen. In meinem Fall hat die katholische Kirche nie eine so große Rolle gespielt. Mir war irgendwann klar, dass ich mich damit nicht identifizieren könnte. Dann kamen Informationen hinzu, die ich nicht einmal im Ansatz begreifen konnte, die aber meine Position nur bestärkten und so legte ich das Thema Kirche irgendwann beiseite. Umso spannender war es für mich, jetzt in diesem Film tatsächliche Aussagen von Vertretern der katholischen Kirche zu hören. In einer Szene äußert sich ein Priester zum Missbrauchsskandal und kann nur schwer seine Sätze formulieren. Unter Tränen erzählt er, dass er nicht mehr weiterwisse, nachdem diese eine Sache, der er bedingungslos sein ganzes Leben gewidmet hat, die ursprünglichen Werte, die sie seit jeher vertreten, so verraten hat.

Letzten Endes war dieser Verrat wohl auch das Ende von Joseph Ratzinger als Papst. Er stand doch immer für Wahrheit. Ratzinger hatte sich das unter anderem als Leitmotiv vorgenommen, Cooperatores Veritatis – Mitarbeiter der Wahrheit. Eben diese Wahrheit bricht seine Amtszeit letztendlich und vielleicht auch ihn als Mensch. Auch der Regisseur möchte nichts als die Wahrheit darlegen, wie er im Gespräch danach erklärt. Eine Zuschauerin meldet sich daraufhin und fragt, warum dann keine einfachen Menschen gezeigt werden, die nur glauben. Die Gläubigen. Die, auf die es eigentlich ankommen müsste. Die gezeigten Pfarrer, Bischöfe, Mitarbeiter im Vatikan, ehemalige Ordensmitglieder, etc. sind ja aber genau diese. Warum so wenige einfach beim Beten gezeigt werden, begründet Röhl auch mit der Wahrheit. In dieser Institution geht es schon lang nicht mehr um die einfachen Gläubigen, sie sind nur Nebenfiguren. Für die Institution werden die Wahrheiten Einzelner geopfert, um die eine große Wahrheit (oder sollte man sie Lüge nennen?) zu beschützen. Zuletzt ist mir die Frage eines Priesters in Erinnerung geblieben, die er vor der Kamera den Zuschauern und irgendwie auch allen Menschen stellt, um einen Lösungsansatz der Rettung zu finden: Wie kann eine Institution mit so einer Geschichte und Struktur, je lernen zuzuhören, anstatt nur zu befehlen?

DOK.fest München – Verteidiger des Glaubens

Verteidiger des Glaubens kommt im Oktober ins Kino. Wir alle drei können nur empfehlen, sich das schon mal vorzumerken!

Zum Film

Verteidiger des Glaubens // DOK.fest // Premiere am 10. Januar 2019

Eintrittskarten: 7,80 €;Vorstellungsdauer ca. 1 Stunden 30 Minuten

Buch und Regie: Christoph Röhl Kamera: Juan Sarmiento G, Julia Weingarten Montage: Martin Reimers Ton: Sebastian Kleinloh Produktion: Flare Film GmbH Produzent: Martin Heisler

Sender: ZDF/3sat, rbb Weltbetrieb: New Docs

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