Kritik: Roughhouse @Muffathalle

Foto: Thomas Schermer

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 24.05.2019

Ein Tanzstück. Dachte ich!

Dass mir ein Tanzchoreograf kein Begriff ist, liegt meistens nicht an der Popularität des Choreografen, sondern an mir. Ich oute mich gern als mittelwissend in der Tanzszene und dass ich Richard Siegal vor meinem Roughhouse Besuch nicht kannte, hat mich nicht gewundert. Jetzt wundere ich mich allerdings schon etwas, denn scheinbar ist Siegal Resident Choreographer am Muffatwerk und hat 2016 eine diverse und progressive Tanzkompanie gegründet: das Ballet of Difference. Und die Selbstdefinition dieser Kompanie spiegelt all meine Wünsche an den zeitgenössischen Tanz wieder:

Ballet of Difference occupies the expanding frontiers
of what is normative in our society.  Ballet of Difference defends diversity. It is an agent provocateur in a milieu dominated by norms of exclusion.

http://balletofdifference.com/

Richtig nice also! Aber jetzt zurück zum hier zu besprechenden Abend. In Roughhouse stehen vier Tänzer*innen der o.g. Kompanie auf der Bühne, zusammen mit Schauspieler*innen der Städtischen Bühnen Köln. Siegal hat den Text dazu selbst geschrieben, und ja ihr lest richtig, den Text! Denn Roughhouse ist, anders als ich erwartet hatte, irgendwas zwischen einem sprechtheater-gefärbten Tanzstück und einem sehr körperlichen Schauspieltheater.

Der Abend ist ein großes, perfekt choreografiertes und technisch einwandfrei umgesetztes… Durcheinander. Es geht um Terroranschläge. Feminismus. Repräsentation. Cultural Appropriation. Darum, wie mit all dem in den Medien umgegangen und wie darüber kommuniziert wird. Was sind Fake News, was ist echt? Woran scheitert unsere Kommunikation? Wenigstens sind das die Fragen, die ich mir während des Stücks stelle. Beantwortet werden sie nicht.

Dieses Chaos und dieses viele-Fässer-aufmachen hat mich während des Abends leider etwas abstumpfen lassen und ich hatte das Gefühl, dass es zu ambitioniert war, so viele Themen in einem Stück anzuschneiden. Meine ersten Gedanken nach dem Applaus waren ungefähr so: „Da waren richtig viele gute Ideen dabei, wahnsinnig viele angesproche Problematiken, aber alles war einfach nur da. Hatte keinen Zusammenhang. Keine Storyline.“ Was in dem Moment noch eine negative Kritik geworden wäre, halte ich jetzt, nach ein bisschen Reflektion, für unfassbar gelungen. Das Stück hat mich so erdrückt wie 1 Stunde 20 min lang durch Twitter zu scrollen.
Verwoben mit dem News-Wirrwarr werden dabei Ausschnitte aus der Orestie. Warum weiß ich nicht, da sehe ich keine Bezugspunkte, es ist aber irgendwie das Leitmotiv des Abends.

Inszeniert ist Roughhouse, dabei wie ein Filmdreh. Es sind ständig Kamera- und Tonmenschen mit auf der Bühne; ein Regisseur gibt Anweisungen. Unterbricht. Fängt nochmal an. Hört nicht zu. Wirft mit Filmsprech um sich. Braucht noch was für die „Atmo“. Offene Umbauten werden von einer „Moving Crew“ vorgenommen.

Besonders gut gefällt mir der Sprachwitz. Oder die „Puns“ wie ich sie guten Gewissens nennen kann, denn gesprochen wird auf Englisch. Die deutschen Übertitel kündigen sich mit einem Disclaimer an, der vorwarnt, dass der Text in den Übertiteln gegebenenfalls beleidigend sein könnte. Humor, der mir gefällt. Was mir ein bisschen zu flach erscheint sind die Witze über das Theater/Tanzbusiness und den Schauspielerberuf an sich.

Der Tanz stellt sich nicht in den Vordergrund, wird aber ausgeführt mit größter Präzision. Zusammen mit der guten Schauspielleistung wird daraus ein stimmiges Ganzes. Ein Ganzes, das auf den ersten Blick den Wunsch nach einer richtigen „Handlung“ aufwirft, auf den zweiten Blick aber genau die Fragen stellt, die gestellt werden müssen.

Zur Inszenierung

Roughhouse von Richard Siegal // Muffathalle // im Rahmen des DANCE Festival für zeitgenössischen Tanz

Studierendenkarten: 15€; Vorstellungsdauer: ca. 1 Stunde 20 min (keine Pause)

Choreografie / Regie: Richard Siegal
Dramaturgie: Tobias Staab, Stawrula Panagiotaki
Komposition: Lorenzo Bianchi Hoesch
Bühne: Jens Kilian, Richard Siegal
Licht: Gilles Gentner
Kostüme: Flora Miranda
Video: Lea Heutelbeck
Übersetzung: Tobias Staab
Ballettmeisterin: Caroline Geiger
Sportwissenschaftliche Betreuung: Gjuum
Produktionsleitung: Miria Wurm

mit

Yuri Englert
Marlene Goksch
Nicola Gründel
Stefko Hanushevsky
Jemima Dean
Seán McDonagh
Margarida Neto
Claudia Ortiz Arraiza
Diego Tortelli

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