Crowd @Carl-Orff-Saal

Companie

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 24. Mai 2019

Hör dir hier Paulinas Kritik an!

Dass Theater und Tanz eine gewisse Spiritualität in sich tragen, das konnte man sicherlich schon aus einigen unserer Kritiken herauslesen. Auch die Choreografin Gisele Vienne sieht das Potential der Kunst und insbesondere des Tanzes darin, den Zuschauer*innen diese hypnotische Erfahrung zu ermöglichen. Bei ihre Inszenierung von Crowd auf dem 16. Internationalen Festival für zeitgenössischen Tanz dem DANCE 2019 kann man das sehr deutlich spüren.

Die Spiritualität vergegenwärtigt sich in einer Kombination aus der Rave-Musik des Berlins der 1990er Jahre und abstrahierten Bewegungsmustern. In diesem Setting befinden sich die 15 Tänzer*innen und zeigen Menschen, die gemeinsam einen Abend verbringen, an dem sie von intimer Nähe bis hin zu Gewalt alle möglichen Emotionen durchleben. Die Unmittelbarkeit und die verschwimmenden Grenzen zwischen der gespielten/getanzten „Rolle“ und den Tänzer*innen bleibt nach diesem Abend besonders in Erinnerung. Irgendwo sieht es einfach so aus, als würde das Ensemble wirklich gemeinsam auf der Bühne feiern und sich ganz natürlich zu der Musik bewegen.

Durch diese ekstatische Rave-Musik und slow-motion Bewegung gelingt es der französisch-österreichischen Künstlerin die Zeitlichkeit komplett auf den Kopf zu stellen. Denn da die Bewegungen trotz ihrer Langsamkeit so unglaublich präzise sind, wirkt jede Ausführung hundert-mal länger und hundert-mal intensiver, als in der „echten“ Zeit.

Der wohl stärkste Moment des Abends war für mich, aber als die Musik plötzlich ganz verstummte. Nach einer irre lauten Szene – für die wir sogar Ohropax bekommen haben – bleibt der Carl-Orff-Saal für einige Momente ganz still. (Tatsächlich hustet zur Abwechslung sogar mal keiner und es kramt auch niemand nach einem Pfefferminzbonbon in der Tasche). Es ist ein Moment des Durchatmens, der Erholung und die Möglichkeit aus der Trance zu erwachen.

Für meinen Geschmack, hätte der Abend mit diesem Höhepunkt enden können, anschließend wiederholen sich einige Abläufe etwas zu viel. Trotzdem auf jeden Fall eine sehr spannende Kombi: Rave und (Bühnen-)Tanz, die perfekt in das Dance 2019 passt. Nächstes Jahr geht’s wieder weiter mit vielen experimentellen und besonderen Formen des Tanzes.

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 24. Mai 2019

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Zwischen Theater und Tanz. Oder vielleicht vielmehr eine genaustens choreographierte Inszenierung in Slow-Motion. Eine erstaunlich große Menge an Tänzer*innen bilden die Crowd, welche sich auf einem Stück Erde trifft für ein Rave zu Technomusik der 90er, 00er und 10er Jahre. Ein Stückchen Erde ist hier sehr wörtlich zu nehmen. Der gesamte Bühnenboden ist mit Erde bedeckt. Das ist nicht etwas, das man noch nie im Theater oder Tanz gesehen hat, dennoch ist der Effekt im Verlauf eines Stücks immer wieder schön anzusehen.

Die Choreographie ist bis in das kleinste Detail geplant. Jede Bewegung, so klein und langsam sie auch sein mag, sitzt perfekt. Das merkt man. Es ist aber auch notwendig, damit das Konzept zu der Musik passt und sich ein neues Gefühl von Zeit ausbreiten kann.

Als Zuschauer*in ist man gezwungen sich dem langsamen Tempo anzupassen. Zu Beginn ist das nicht ganz einfach. Ich warte darauf, dass etwas gebrochen wird. Das passiert nur im Rahmen der Musik, wenn sich alle perfekt koordiniert, gemeinsam ruckartig schneller bewegen oder ein Moment der Stille ausgekostet wird. Sonst bleiben die Tänzer*innen ihrer Linie treu, etwas Schade, wie ich finde. Einen klaren Bruch hätte der Abend gut vertragen.

Als beachtenswert empfinde ich bei diesen Slow-Mo-Bewegungen die Emotionen, die die Tänzer*innen nichts desto trotz übermitteln können.
Die Inszenierung beinhaltet mehrere verschiedene Handlungsstränge, die alle dem Muster der Belästigung und Gewalt folgen. Diese Szenen werden trotz des langsamen Tempos von tiefen Emotionen getragen. Man muss sich als Zuschauer*in viel zu der Storyline hinzudenken. Das kann positiv, als auch negativ sein. Es bleibt einem Raum sich einen Grund oder eine Motivation für die Taten zu erdenken oder man bleibt im Leeren stehen und sieht sich einfach nur die Kunst des Tanzes an. Damit wird den Zuschauer*innen eine Aufgabe zugeschrieben und es liegt in der eigenen Hand, Lücken zu füllen. Das mag nicht für jeden etwas sein, doch es ist eine Herausforderung, der man sich nun mal in der Welt des Theaters und des Tanzes hin und wieder stellen sollte, bevor man von solchen Inszenierungen ganz absehen kann.

Ich bin mir nicht im Klaren, wie ich diese Choreographie und Inszenierung bewerten würde. So sehr mir das Konzept und die Musik gefallen haben, habe ich dennoch zahlreiche Kritikpunkten. Wie die oben genannten erwünschten Brüche oder auch das Verlangen einige Szenen zu streichen und dafür andere Handlungsstränge intensiver und präziser darzustellen.

Zur Inszenierung

Crowd // Carl-Orff Saal Gasteig // Premiere/UA: Datum //

Studierendenkarten: 15€; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunde 40 min (keine Pause)

Konzeption, Choreografie, Szenografie: Gisèle Vienne
Assistenz: Anja Röttgerkamp und Nuria Guiu Sagarra
Musikauswahl von Underground Resistance, KTL, Vapour Space, DJ Rolando, Drexciya, The Martian, Choice, Jeff Mills, Peter Rehberg, Manuel Göttsching, Sun Electric und Global Communication Musikzusammenstellung: Peter Rehberg
Sound Diffusion Supervisor: Stephen O’Malley
Toningenieur: Adrien Michel
Licht: Patrick Riou
Dramaturgie: Gisèle Vienne und Denis Cooper
Kostüme: Gisèle Vienne in collaboration with Camille Queval and the performers
Technischer Manager: Richard Pierre
Bühnenmeister: Antoine Hordé
Lichtmanager: Arnaud Lavisse

mit
Philip Berlin
Marine Chesnais
Kerstin Daley-Baradel,
Sylvain Decloitre
Sophie Demeyer
Vincent Dupuy
Massimo Fusco
Rémi Hollant
Oskar Landström
Theo Livesey
Louise Perming
Katia Petrowick
Jonathan Schatz
Henrietta Wallberg
Tyra Wigg

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