Kritik: Legend of Love @Mariinskytheater

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 30. Mai 2019

Hör dir hier Paulis Kritik an!

Neben unserem Nachbarland Frankreich gibt es kein Land auf der Welt, das so sehr mit dem klassischen, romantischen Ballett verknüpft wird wie Russland. Komponisten wie Peter Tschaikowski oder Choreografen wie Lew Iwanow waren beispielsweise gebürtige Russen. Serge Diaghilew schrieb mit seinem Ballet Russes Ballettgeschichte und die Ballettakademie im Land haben Stars wie Anna Pavlova und Vasjav Nijinski hervorgebracht. Und auch heute noch gilt das Land als Talentschmiede für junge Tänzer*innen.

Ein ganz besonderes Theater im russischen St. Petersburg ist das Mariinsky, in welchem Uraufführungen weltbekannter Choreografien zelebriert wurden. Auf einem Städtetrip in die Metropole, ist ein Besuch der Stätte also ein richtiges Muss für Ballettfans.

Was ich aber zu sehen bekam, war weit entfernt von weißen Tutus, der Romantik und dem Bewegungsfluss des klassisch-akademischen Tanzes der Zarenzeit. Denn getanzt wurde ein Stück aus einer anderen prägenden Zeit für Russland. Ein Sowjet-Ballett.

Das Ballett Legend of Love von Yuri Grigorovich feierte am 23. März 1961 Premiere und ist damit ein Stück Geschichte und nichts was die Gesellschaft heutzutage noch adäquat abbilden würde. Das wird auch an einigen Stellen deutlich.

Sehr plakativ, mit diversen Pantomimen wird die Liebesgeschichte am Persischen Königshof erzählt. So gut wie jede Bewegung hat eine semiotische Bedeutung, die man sehr einfach aufschlüsseln kann. Teilweise sind sie wirklich so überdeutlich, dass es fast ein bisschen albern wirkt. Ähnlich albern wie einige Militärszenen, die so nirgends mehr auf der Bühne vertanzt werden würden. Stechschritt und Militärparaden sind – gottseidank – nicht mehr typisch für die Bühne und auch tänzerisch einfach undankbar zu inszenieren. Viele Passagen ähneln ein bisschen einem Zirkus. In dieses Bild von einem Zirkus passt auch, dass in den Pas de deux sehr häufig Hebefiguren zum Einsatz kommen, wo sie nicht zwingend passen. Aber das Publikum johlt.

Genau diese Reaktionen des Publikums waren, sehr spannend zu beobachten. Denn die Tänzer und Tänzerinnen wurden mit deutlich mehr Zwischenapplaus belohnt, als es in den Opern/Balletthäusern hierzulande üblich ist.

Cultural appropiation war in der Entstehungszeit des Balletts auch noch kein Thema: Denn alle Männer aus der arabischen Welt trugen rötliche künstliche Bärte und die Frauen waren in einer Burka verschleiert. Ich glaube auch kaum, dass eine orientalische Geschichte heutzutage noch so dargestellt werden würde.

Last but not least die Message des Stücks: Ferkhad, der Protagonist, hat das Liebeschaos überstanden und steht jetzt vor der Wahl: Gräbt er weiter nach einer neuen Wasserstelle für die Dorfbewohner und arbeitet oder entscheidet er sich für Liebe – er entscheidet sich für die Arbeit und die Prinzessin Shyrin verlässt ihn, aber versteht seine Entscheidung. Die anderen Arbeiter heben Ferkhad in die Luft und feiern seine Entscheidung. Diese Schlusspose ist so heroisch, dass auch wirklich jeder versteht was damit gesagt werden soll.

Ballettgeschichtlich war es super spannend mal ein Sowjetisches Handlungsballett zu sehen, und es ist auch immer schön die technische Perfektion von Tänzerinnen und Tänzern wie diesen zu betrachten, aber leider konnte ich ästhetisch nur wenig mit diesem Ballett anfangen.

Zur Inszenierung:

Legend of Love // Mariinsky // Uraufführung: 23. März 1961

Karten: ca. 80 Euro; Vorstellungsdauer ca. 3 Stunden und 5 min (2 Pausen)

Music by Arif Melikov
Libretto by Nazim Khikmet
Choreography by Yuri Grigorovich (1961)
Set, costume and lighting design: Simon Virsaladze
Lighting Adaptation for the Mariinsky II by Anton Nikolae

mit:

Conductor: Boris Gruzin

Shyrin: Alina Somova
Ferkhad: Kimin Kim
Mekhmeneh Bahnu: Viktoria Tereshkina
Vizier: Konstantin Zverev
Ferkhad’s friends: Yevgeny Konovalov, Vasily Tkachenko, Pavel Mikheyev, Ramanbek Beishenaliev
Gold: Vlada Borodulina
Jester: Vladislav Shumakov

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