Kritik: Melancholia @Kammer 1

Foto: Armin Smailovic

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 17. Juni 2019

Wie inszeniert man einen so bildgewaltigen Film wie Lars von Triers Melancholia am besten auf der Theaterbühne? Ohne Bühnenbild. Das müssen sich Felix Rothenhäusler (Regie) und Katharina Pia Schütz (Bühne) wohl bei der Konzeption der Melancholia Inszenierung an den Münchner Kammerspielen gedacht haben. Eine erstmal abwegige Entscheidung, find ich. Schließlich ist bei Lars von Triers Filmen nicht unbedingt der gesprochene Text das Element, an das man sich am ehesten erinnert, sondern die Bilder. Warum also den „nackten“ Text auf die Bühne bringen?

Lars von Trier gilt als der Skandalregisseur des europäischen Kinos. Seine Filme werden nicht selten als zu brutal, gewaltverherrlichend oder verstörend betitelt. In Rothenhäuslers Inszenierung fällt die Bildgewalt weg und die Darsteller*innen erzählen uns die Geschichte von Lars von Triers apokalyptischem Filmkunstwerk Melancholia nur durch ihre Sprache.

Die zentrale Figur des Stücks ist Justine, gespielt von Julia Riedler. Im ersten Teil der Inszenierung lernen wir sie als depressiv kennen, als eine Frau, die den nahenden Weltuntergang prophezeit. Ein blauer Planet soll schon bald mit der Erde kollidieren. (Captain Obvious Alarm: auf ihrer Jogginghose steht in fetter Schrift „VISION“.) Justines Umfeld weiß nicht so recht damit umzugehen, weder mit ihren Prophezeiungen noch mit ihrer Krankheit, und kämpft in Form von Justines Schwester Claire stark dagegen an. Glauben tut ihr niemand. Irgendwann im Stück kommt sogar die Frage auf, ob man denn komplett glücklich sein muss. Ob das das Ziel ist und ob das überhaupt möglich ist. Ich glaube, das hat Justines Mann Michael gefragt. Laut ihm könne man höchstens zufrieden sein, was die Gravität von Justines Depression total runterspielt. Im zweiten Teil merkt dann jeder, dass sie Recht hatte; Justines Blick stellt sich als der einzige Reale heraus. Plötzlich ist der blaue Planet „Melancholia“ schon gar nicht mehr weit weg. Was im Storytelling auffällt: der Film beginnt in der Ouvertüre mit der Kollision der Erde und Melancholia; mit Melancholias Todestanz. In der Theaterinszenierung trennt diese Prophezeiung den ersten Teil der Inszenierung vom zweiten.

Die Handlung wird hauptsächlich durch Sprache erzählt. Es gibt kein Bühnenbild – Rothenhäusler vertraut auf die Wortkulisse. Lediglich 12 Scheinwerfer, die ab und zu heller oder dunkler aufleuchten, sorgen für visuelle Abwechslung. Dieser Tatsache muss ich mir zwischendurch immer wieder bewusst werden, denn die Bilder in meinem Kopf sind detailliert und beinah real. Nach der Vorstellung war mein erster Gedanke: Krass, ich fühl mich wie nach einem richtig guten Hörspiel. Und das mein ich im bestmöglichen Sinne, denn das Spiel der Darsteller*innen hat unglaublich starke Bilder gezeichnet und in meinem Kopf erschaffen, sodass mir das Bühnenbild garnicht gefehlt hat. Dazu tragen auch die Szenenbeschreibungen bei, die zu dem im Film gesprochenen Text ergänzt wurden. Justine sagt sowas wie „Ich stehe im Stall und streichel das Pferd Abraham. Ich ziehe die Schuhe aus.“ Das sehen wir im Film nur, hier hören wir es und stellen es uns vor.

Schauspielerisch sticht für mich eindeutig Gro Swantje Kohlhof hervor. Sie spielt Justines Neffen Leo gleichzeitig naiv und verstörend. Ihr Dolch-Song amüsiert mich, vor allem, weil sie ihren Mund beim Sprechen so unangestrengt öffnet wie ein Kind. Creepy und/aber großartig!
Christian Naujoks ist als Live-Musiker mit auf der Bühne. Er steuert die Musik über ein kleines tragbares Pult (entschuldigt mein fehlendes Fachwissen) und die Töne, die er erzeugt sind intensiv, atmosphärisch und elektronisch. Was mir musikalisch außerdem gut gefallen hat: Gro Swantje Kohlhof und Christian Naujoks singen einen Teil von Billie Eilishs „You should see me in a crown“. So geil! Der Song ist aber nicht nur deshalb toll, weil er von Billie Eilish ist, sondern passt auch durch Lines wie „Tell me which one is worse, Living or dying first“ genau ins Konzept.

Zur Inszenierung

Melancholia von Lars von Trier // Münchner Kammerspiele, Kammer 1 // Premiere: 15. Juni 2019 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden (ohne Pause)

Inszenierung: Felix Rothenhäusler
Bühne: Katharina Pia Schütz
Kostüme: Elke von Sivers
(Live-) Musik: Christian Naujoks
Licht: Stephan Mariani
Dramaturgie: Tarun Kade

mit

Majd Feddah
Thomas Hauser
Gro Swantje Kohlhof
Eva Löbau
Julia Riedler

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