Kritik: Die Pest @Passionstheater Oberammergau

Bild von der Uraufführung des Pestspiels 1932. Die Oberammergauer geloben auf dem Friedhof alle zehn Jahre das Passionsspiel aufzuführen. https://www.passionstheater.de/service/presse

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 13. Juli 2019

Worauf basiert das Stück vom Oberammergauer Passionsgelöbnis?

Das Stück „Die Pest“ erzählt die Entstehungsgeschichte der Oberammergauer Passionsspiele, genauer gesagt, wie es dazu kam, dass die Oberammergauer 1633 gelobten, alle 10 Jahre die Passion Christi nachzuspielen. Diese Geschichte kenne ich gut, denn im Studium der Theaterwissenschaft spielen die Passionsspiele theatergeschichtlich eine große Rolle. Bereits im 1. Semester haben wir die Eintragungen der Sterbefälle in der Oberammergauer Pfarrmatrikel in den Jahren 1632-33 gesichtet und auf ihre Zusammenhänge mit den Passionsspielen hin untersucht. Für die, die gerade zum ersten Mal davon hören, fass ich die Überlieferungen mal knapp zusammen: Während des Dreißigjährigen Krieges hat sich die Pest 1632 in Süddeutschland dramatisch schnell verbreitet. Oberammergau blieb lange verschont, obwohl die Pest die umliegenden Gemeinden bereits alle erreicht hatte. Das änderte sich, als in der Kirchweih-Nacht 1632 der Taglöhner und Familienvater Kaspar Schisler aus dem bereits von der Pest eingenommenen Eschenlohe zurück nach Oberammergau kam, um seine Frau und Kinder wiederzusehen. Damit verbreitete sich die Pest auch in Oberammergau und es starben ca 10% der Einwohner daran. 1633 haben die Oberammergauer dann, um Gott wieder „auf ihre Seite zu holen“ versprochen, alle 10 Jahre die Passionsspiele aufzuführen. In den Sterberegistern wurden seitdem keine Pesttoten mehr eingetragen. (Was natürlich in unseren Untersuchungen in der Uni sehr in Frage gestellt wurde.)

Christian Stückls Inszenierung

Diese gerade zusammengefasste Geschichte vom Oberammergauer Passionsgelöbnis wird seit 1932 traditionell immer im Jahr vor den Passionsspielen im Passionstheater Oberammergau aufgeführt. Genauso wie die eigentlichen Passionsspiele wird auch „Die Pest“ von Christian Stückl inszeniert, den wir Münchner normalerweise als Intendant des Volkstheaters kennen. Zufällig ist er aber auch Oberammergauer und darf somit diese Stücke dort inszenieren.

Von der Inszenierung eines so glaubens- und geschichtsträchtigen Stückes habe ich nicht erwartet, dass sie durch besonders moderne Regieeinfälle oder Kontextualisierungen überzeugen würde. Wodurch sie jedoch glänzt, ist ein 1A Storytelling. Es ist ein von vorne bis hinten durcherzählter und dramaturgisch stimmiger Abend, in dem kein Dialog und kein Schweigen sinnlos oder langweilig erscheint. Die Verständlichkeit der Handlung findet das perfekte Mittelmaß zwischen Plakativität und der Notwendigkeit, das Gesehene zu interpretieren. Mich stört ein wenig, wie plötzlich die Idee der Passionsspiele aufkommt und wie schnell danach das Stück vorbei ist – andererseits erhebt es auch den Anspruch, genau dort zu enden, wo das Passionsgelöbnis einsetzt. Auf ironische Art inszeniert Stückl Bilder, die die Tableaux Vivants und Szenen der Passionsspiele auf die Schippe nehmen; wir sehen ein letztes-Abendmahl-ähnliches Kirchweih-Besäufnis. Und dann lässt er diese Momente durch den Pfarrer im Stück wieder relativieren, ohne jemandem auf die Füße zu treten. Der Humor ist nicht selten flach, aber das Publikum scheint genau das zu lieben. Vor allem Faistenmantl, der Totengräber (facettenreich gespielt von Rochus Rückerl) erntet durch seinen Galgenhumor viel Szenenapplaus.

Die Bühne ist schlicht, aber eindrucksvoll. Wände und Gänge sind aus Holz, an der Rampe liegt ein ausgehobenes Grab mit einem Erdhügel daneben – alles in Pest-schwarzen Tönen. Die sonst eher leere Bühne bietet ausreichend Raum für das große Ensemble aus Oberammergauer (Laien-)Schauspieler*innen. In den Gängen im Hinteren der Bühne sieht man die Schatten der Personen, bevor sie selbst auf der Bühne zu sehen sind. Sind alle im Zentrum versammelt, ist die Bühne zwar voll, aber nicht überlaufen. Die Darsteller*innen sind Großteils dieselben, die im kommenden Jahr bei den Passionsspielen auf der Bühne stehen werden, das heißt, dass auch jetzt schon alle aus Oberammergau kommen müssen. Diese Struktur hilft einigen sehr starken Schauspielern herauszustechen: großartig verrückt und übermütig ist Andreas Richter als „Steinbacher“. Auch Cengiz Görür als „Vitus“ überzeugt auffallend. Davon abgesehen lebt dieses Stück aber nicht von einzelnen Schauspiel-Individuen, sondern eher von dem Bild der Oberammergauer Gemeinde, das alle Figuren und alle Darsteller*innen gemeinsam erschaffen.

„Die Pest“ ist für mich ein Stück, das ich in einem ganz anderen Kontext betrachte als die meisten Theaterinszenierungen, die ich in München sehe und bei denen ich sicher ein anderes Augenmerk auf schauspielerische Leistungen und Feinheiten der Inszenierung gelegt hätte. In seinem eigenen Kontext ist es für mich an diesem Abend ein Gewinn gewesen, allein schon aus dem Grund, dass ich meine theatertheoretisch erarbeiteten Kentnisse über das Pestspiel mal im real life betrachten konnte!

Zur Inszenierung

Die Pest – Das Spiel vom Oberammergauer Passionsgelöbnis // nach einem Text von Martin F. Wall // Passionstheater Oberammergau // Premiere: 28. Juni 2019 //

Studierendenkarten ab 9,50€; Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden 45 min (eine Pause)

Inszenierung: Christian Stückl
Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier
Musik und musikalische Leitung: Markus Zwink
Licht: Günther E. Weiß
Regie Mitarbeit: Abdullah Kenan Karaca

mit

Kaspar Schisler, Taglöhner / Maximilian Stöger
Elisabeth Schisler, seine Frau / Barbara Schuster
Vitus, sein Sohn / Cengiz Görür
Karl, sein Sohn / Jakob Maderspacher
Der Vorsteher / Martin Güntner
Zenz, seine Tochter / Sophie Schuster
Der Pfarrer / Benedikt Geisenhof
Steinbacher / Andreas Richter
Faistenmantl, der Totengräber / Rochus Rückel
Der Pestvogt / Thomas Müller
Der Wirt Promberger / Benedikt Fischer
Gabler / Kilian Clauß
Rutz / Sebastian Dörfler
Bauhofer / Lukas Eberl
Sam / Michael Hollatz
Hermi / Sophie Maderspacher
Hans / Johannes Maderspacher
Sepp / Kilian Wind
und Johann Richter, Ferdinand Richter

Musiker auf der Bühne
Benedikt Barke, Gunter Barke, Stefan Buchwieser, Barbara Daisenberger, Markus Stückl, Vitus Norz, Philip Morris

Männer, Frauen und Kinder aus dem Dorf
Mitglieder des Passionschors und Orchesters

2 Kommentare zu „Kritik: Die Pest @Passionstheater Oberammergau

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