Kritik: Les Illuminations @Hidalgo Festival

Foto: Hidalgo Festival

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 15. September 2019

Höre Dir hier Paulinas Kritik an!


Die klassische Musik hat es in einer Zeit von immer differenzierteren Musikrichtungen und computer-generierten Songs oft nicht leicht, in ihrer „Coolness“ mitzuhalten. Vielen jungen Leuten fehlt aber oft einfach nur der Zugang zu den Komposition und weil wiederum einige andere denken, dass Klassik eh nur etwas für eine gehobene, ältere Schichten sei, versperren sie sich und trauen sich nicht einen Konzertsaal zu betreten.

Das Festivalteam des Hidalgo – Festival für junge Klassik, bricht dieses Klischee auf und wirbt mit dem Slogan „Bock auf Rausch“ für eine Wiederbelebung der klassischen Musik. An ungewöhnlichen Orten in München lassen sie diese spielen, um das Genre aus dem gewohnten Setting heraus und mehr junge Menschen mit ins Boot zu holen.

Dort wo normalerweise zu Techno und Alternative Musik getanzt und gefeiert wird, erklungen deshalb am letzten Wochenende Kompositionen von Dimitri Schostakowistsch, Pjotr I. Tschaikowsky und Benjamin Britten.

Das Besondere an dem Abend war nicht nur der Ort des Konzerts und das wahnsinnig hippe, junge Publikum, sondern auch die Anordnung des Zuschauerraums. Wir Zuschauer*innen saßen auf einer Ebene mit dem jungen Streichorchestra, teilweise sogar zwischen den Musiker*innen. Von allen Seiten umgab das Publikum das Ensemble, das unter der Leitung der prämierten Dirigentin Johanna Malangre spielte. Da man den/die Dirigent*in normalerweise wenn überhaupt nur von hinten sehen kann, musste ich mich erst einmal daran gewöhnen, jetzt auch ihren Ausdruck und die Gestik sehen zu können. Zunächst irritierte es mich doch recht stark, da ich versuchte ihre Bewegungen zu deuten, aber nach und nach konnte ich mich darauf einlassen und mich Schostakowisch Kammersinfonie widmen. Die tiefe Zerrissenheit, sein Leiden und eine besondere Form der Zerbrechlichkeit übertrugt sich durch die Musik so intensiv, dass die Bilder in meinem Kopf nur so sprudelten und in meinem Körper wieder hallten. Es ist wirklich einfach unglaublich wie Klassische Musik es schafft so unmittelbar zu wirken, dass ich mich als Zuschauerin den Gefühlen gar nicht entziehen kann. Das Erschaffen dieses extreme Gefühls der Extase und des Rausches gelangt besonders bei dem ersten Teil des Abends.

(Zum nachhören: Kammersinfonie c-Moll, op 110a von Dimitrie D Schostakowitsch)

Die Komposition von Benjamin Britten „Les Illuminations“ das als Herzstück des Abends tituliert wird, ergriff mich trotz der fabelhaften Sopranistin Mirjam Mesak zwar musikalisch eher weniger, nichtsdestotrotz brillierte das Team über den gesamten Abend hinweg.

Das Konzert hat mir wieder einmal gezeigt, wozu Klassische Musik im Stande ist und was für eine Kraft und eine Emotionalität von ihr ausgeht. Sie als etwas antikes, unzeitgemäßes ab zu stempeln, wäre ein großer Fehler, und jede*r der/die ihr keine Chance gibt, verpasst einfach etwas. Also falls ihr nicht eh schon zu begeisterte Klassikhörer*innen seid, gebt dem Genre eine Chance!

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 15. September 2019

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„Klassische Musik hört doch eh niemand mehr unter 40“ stimmt ganz und gar nicht. Das zeigt dieser Abend, aber auch die restlichen Veranstaltungen des Hidalgo Festivals.

Die Wahl der Location wurde von den Festival Organisatoren gut getroffen. Das Bahnwärter Thiel ist ein Ort der Kultur, der jungen Münchner Szene und damit wie geschaffen für ein Festival der modernen Klassik. Die Atmosphäre ist besonders. Orchester und Publikum sitzen auf engem Raum und die Akkorde und Dynamiken erreichen jede einzelne Person. Da das Orchester mitten im Raum sitzt, von dem Publikum umgeben, hat jede*r Zuschauer*in einen speziellen Blickwinkel. Ich kann genau die Dirigentin beobachten und Teile der Musik der Cellospieler*innen mitlesen. Die Dirigentin legt in jede Passage eine gut durchdachte Emotion, die man von ihrem Gesicht ablesen kann. Als Zuschauer*in eines klassischen Orchesterkonzerts hat man nicht häufig die Möglichkeit die Dirigentin bei ihrer Arbeit so genau zu beobachten.

Durch diese Raumaufteilung gibt es gar keine klare Trennung zwischen Publikum und Orchester. Alles verschmilzt ineinander. Die Emotionen der Musik erreichen jeden einzelnen. Ein wahres Kammerkonzert, doch in keinster Weise so piefig, wie sich dieser Begriff in manchen Ohren anhören muss!

Musikalisch ist der Abend in drei Teile aufgeteilt. Beschrieben wird die Musik im Festival Flyer als apokalyptisch. Das trifft für mich besonders auf den ersten Teil zu. Er trägt eine bedrückende Spannung in den Raum, während im zweiten Teil des Abends, wenn auch apokalyptisch, eine gewisse Erleichterung durch die Luft schwingt.  

Der letzte Part wird durch eine Sängerin ergänzt. Sie positioniert sich durchweg an einem neuen Ort im Raum. Jede Ecke des Bahnwärter Thiels wird ausgenutzt und bespielt, doch der Versuch den Raum einzunehmen funktioniert nur bedingt. Es ist spannend die Sängerin aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten. Die verschiedenen Positionen unterstützen die Geschichte, die erzählt wird, sie wirken aber ein wenig willkürlich.

Das Hidalgo Festival ist eine wundervolle Veranstaltung. Das durchmischte, aber vor allem junge Publikum zeigt, dass Klassik auf keinen Fall tot ist und in unserem Leben durchaus einen Platz verdient.

Zur Inszenierung

Les Illuminations // Hidalgo Festival für junge Musik // Bahnwärter Thiel

Studierendenkarten: 11,50 €; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunde
Leitung: Johanna Malangre
Sopran: Mirjam Mesak
Streichorchester: Musiker u.a. aus dem Bayerischen Staatsorchester, den Münchener Symphonikern und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

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