Kritik: König Lear @Münchner Kammerspiele

Foto: Arno Declair
Foto: Arno Declair

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 28. September 2019

Hör Dir hier Theresas Kritik an!


König Lear in einer neuen Übersetzung von Thomas Melle. Er ist schon bekannt in den Kammerspielen für Unheimliches Tal/Uncanny Valley (Unsere Kritik dazu: https://theatertanten.com/2018/12/20/kritik-unheimliches-tal-uncanny-valley-kammer-3/). In seiner Übersetzung bewegt er sich zwischen Shakespeare und der Sprache eines modernen Autors, der im jetzt lebt, der die heutige Sprache versteht, sogar ab und an verwendet, aber die Wortgewandtheit vergangener Zeiten schätzt. Er versucht in seiner Übersetzung des Shakespeare Klassikers nicht vergeblich jung und „in“ zu sein, manchmal streuen sich dennoch Worte ein, die ganz und gar nicht Shakespeare-like sind, aber durch ihren ironischen und trotzigen Unterton sehr wohl in die Inszenierung passen.

Dunkle Zeiten sind das, wenn Irre Blinden den Weg weisen.

Die Story König Lears bleibt im groben dieselbe. Einiges wird gekürzt, aber der Grundkonflikt zwischen Alt und Jung bleibt bestehen. Die Fragen des Klassikers werden neu aufgearbeitet: Was bedeutet Macht und Autorität? Wer hat das Recht darauf: die junge oder die alte Generation? Wann muss sich etwas ändern? Wenn man einmal an der Macht ist, kann man dann wirklich loslassen?

Im Zentrum des Stücks steht ein Familienkonflikt, wie es ihn in zahlreichen Dramen gibt. König Lear gibt seine Macht ab und möchte sie an seine drei Töchter verteilen. Der Machtkampf beginnt. Ein weiterer Rivale: Edmund, Gloucesters Bastard, gespielt von Thomas Hauser. Mit unmoralischen und brutalen Maschen kämpfen die Jungen gegen die Alten und die Geschwister unter sich. Ein Machtkampf und ein Familienkonflikt, wie er nur von Shakespeare kommen kann. Nur halt nach Thomas Melle, deswegen spielen auch Internet und Follower eine Rolle.

Stefan Pucher geht in seiner Inszenierung auf den modernen Anspruch des Textes ein, aber lässt zu großen Teilen die Worte und das Schauspiel für sich sprechen. Es gibt lange Textpassagen, die ganz und gar nicht langwierig wirken, sondern unterhalten und Spaß an Sprache erwecken. So düster Shakespeares König Lear ist, so komisch ist die Version von Stefan Pucher und Thomas Melle. Pucher bringt übertriebene Melodramatik in die tragischen Tode der Figuren, anders wären sie gar nicht erträglich. Wie oft hat das Theaterpublikum schon einen tragischen und dramatischen Tod alla Shakespeare gesehen? Ohne eine gewisse Komik kann das heutzutage kaum noch gut gehen.

Schauspielerisch stechen besonders Gro Swantje Kohlhof, Nachwuchsschauspielerin des Jahres 2019, und Samouil Stoyanov, der den Narren und Grafen von Kent spielt, hervor.

Highlight der Inszenierung sind Bühnenbild und Kostüm. Hintergrund der Bühne ist ein rosa Wolkenhimmel, der romantischer nicht aussehen könnte. Hervorragender Rahmen für einen Auftritt von Major Tom, der überraschend gut zu der Rolle des Edgars passt. Der mit Galaxien und Sternen bemalte Vorhang, der gegen Ende des Stücks auftaucht, bietet eine Projektionsfläche für Livevideos, die an merkwürdige Clips erinnern, auf die man um zwei Uhr nachts im ewigen Kreislauf YouTubes trifft.

Die Kostüme passen sich dem Bühnenbild an und unterstützen die Züge der Charaktere. So trägt Cordelia, gespielt von Jelena Kuljić, beispielsweise eine Boxer-Shorts und der König, der immer mehr dem Wahnsinn verfällt, eine wild gemusterte Combo von Blumenanzug und 70er Jahre Hemd.

Mit dieser Inszenierung hat sich Stefan Pucher einiges getraut. Er nimmt an vielen Stellen Abstand von Shakespeare und geht seinem eigenen Konzept nach, das er konsequent durchzieht. An anderen Stellen wäre ein Ausbruch aus diesem Konzept nicht verkehrt gewesen und hätte dem Abend noch eine weitere Perspektive verliehen und den Kontrast oder auch die Gemeinsamkeit mit dem Shakespeare-Original verdeutlicht.

Zur Inszenierung:

König Lear // Münchner Kammerspiele // Premiere: Datum 28. September 2019 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden 30 min (keine Pause)

Live-Video: Hannes Francke
Inszenierung: Stefan Pucher
Bühne: Nina Peller
Kostüme: Annabelle Witt
Video: Hannes Francke, Ute Schall
Co-Video: Hannes Francke
Musik: Christopher Uhe
Licht: Stephan Mariani
Dramaturgie: Helena Eckert, Tarun Kade

mit

Thomas Hauser (Edmund)
Gro Swantje Kohlhof (Regan)
Jelena Kuljić (Cordelia)
Christian Löber (Edgar)
Wiebke Puls (Gräfin von Gloucester)
Thomas Schmauser (König Lear)
Anna Seidel (Oswald)
Samouil Stoyanov (Graf von Kent/der Narr)
Julia Windischbauer (Goneril)

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