Kritik: Scrollen in Tiefsee @Hidalgo Festival

Foto: Hidalgo Festival

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 18. September 2019

Hör dir hier Julias Kritik an!

Paulina und Theresa haben in ihren Kritiken zu „Les Illuminations“ bereits ein paar Worte zum Konzept des jungen Klassik-Festivals Hidalgo verfasst. Ich war im Rahmen des Festivals in der Black Box im Gasteig und habe „Scrollen in Tiefsee“ gesehen – ein selbsternanntes lyrisches Gesamtkunstwerk.

Die Black Box ist nicht gerade groß, und trotzdem hat das Team um Tom Wilmersdörffer es geschafft, darin eine riesige weiße Kuppel aufzubauen, die mich (nicht durch ihr Aussehen, aber durch ihre Raumpräsenz) an die Kuppel im Planetarium des Deutschen Museums erinnert. Die Kuppel wird Leinwand eines „Surround-Kinos“, eine Stunde lang werden Grafiken und Sequenzen darauf projiziert, die mitunter sogar live auf Publikum und Musik reagieren. Das macht diesen Abend besonders: Theatermittel und Ebenen greifen ineinander und bedingen sich gegenseitig. Licht und Bild scheinen auf die Live-Musik von Pianist Andreas Skouras und Sänger Matthias Winckhler abgestimmt zu sein oder sich durch sie zu verändern.

Die Musik für „Scrollen in Tiefsee“ war eine Auftragsarbeit, komponiert von Christopher Verworner (Leiter des Ensembles VKKO). Pianist und Sänger sind fast den ganzen Abend hinter leicht durchsichtigen Wänden der Kuppel verborgen – der Fokus liegt auf Bühnenbild und Video. Die Klänge wirken elektronisch, teils fast schon bedrohlich.

Aber wovon handelt das Projekt?
„Scrollen in Tiefsee“ ist ein Gedichtband des zeitgenössischen Münchner Lyrikers Tristan Marquardt. Das Gedicht wird zu Beginn des Abends einmal nach und nach komplett auf die Kuppel projiziert. Das ist zwar lang, aber gut, denn danach wird es vom Bariton Winckhler (im Jumpsuit) gesungen – und verstanden hätte ich den Gesang ohne die vorherige Projektion nicht. Das Gedicht handelt von Mails, sozialen Netzwerken, Datenmüll, Selfies. Von neuen Ländern, die sich anhand ihrer neuen Domains identifizieren. Dabei untermalen die Bilder das Gesungene und Geschriebene; zwei Kreise bewegen sich über die Kuppel wie scrollende Finger. Die Grafiken verbinden sich immer wieder zu riesigen Konstrukten, zu Netzwerken, in denen das Individuum des Sängers verloren geht. Menschen werden zu gesichtslosen Punkten. Reale Aufnahmen vermischen sich mit abstrakten Formen. Ein Büro, in dem ein Mann vor riesigen Leinwänden sitzt und im Wasser untergeht. Eine Nachrichtenflut, die über die Kuppel einbricht – wieder mit Ausschnitten des Gedichts. Ich glaube am Anfang auch live Bilder aus dem Publikum erkannt zu haben, in denen die Zuschauenden anonymisiert und schemenhaft als graue Umrisse zu sehen waren – ebenfalls gesichtslos, ohne erkennbare Identität.

Ich mache mir Gedanken über die Vermischung von Digitalem und Realität. Wie sehr bestimmt mein Smartphone meine Alltäglichkeit? Wo bin ich unterwegs: auf der Straße oder in meiner Safari-App? Tiefgreifende Fragen, die ich an diesem Abend vielleicht noch etwas intensiver hätte gefragt werden wollen. Etwas weniger krasses Videomapping, etwas mehr Spielraum für Interpretation.

Trotzdem: auf einmal fühle ich mich doch wieder wie im Planetarium bei einer Reise durch den Sternhimmel über München, denn wir fliegen mit der Projektion durch die Stadt wie Vögel, stürzen uns in Richtung Boden und finden uns mit Tiefseequallen im Meer wieder. Und ich frage mich: Träume ich jetzt oder chill ich auf YouTube?

Paulinas Gedanken* zu Scrollen in Tiefsee – Besuchte Vorstellung: 19. September 2019

Hör dir hier Paulinas Gedanken an!

Wenn angehende Theaterwissenschaftler*innen den Begriff „Gesamtkunstwerk“ hören, denken (vermutlich) die Meisten in der Studierendenschaft an den Grundkurs im ersten Semester des Studiums. Und nach ein bisschen Stöbern in den alten Unterlagen oder in den tiefen Weiten unseres erlernten Stoffes, kristallisiert sich vor allem ein Name raus. Richard Wagner.

Der berühmte Komponist, Dirigent und Dramatiker erschuf im 19. Jahrhundert wahnsinnig viele, heute immer noch häufig inszenierte Opern, wie unter anderem den 16-stündigen Opern Zyklus Der Ring des Nibelungen, und verfolgte mit seinen Inszenierungen das Ziel einen Abend zu gestalten, in denen alle „Künste“ gleichermaßen repräsentiert werden. Die Gestaltung des Bühnenbildes (stellvertretend für die Bildenden Künste) sollte eine ebenso wichtige Rolle für die Inszenierung spielen wie das Libretto, die Musikalische Ausgestaltung und das Schauspiel oder auch der Tanz. All diese Elemente sollten gleich wichtig für eine Inszenierung sein. Als großes Vorbild seiner Praktik galt ihm das griechische Theater (bzw. die attische Tragödie).

Tom Wilmersdörffer und sein Team wollen diese Entwicklung weiterführen, nur auf ein anderes Genre übertragen und eine neue musikalische Gattung des „Lyrischen Gesamtkunstwerks“ entwickeln. Die Lyrik habe sich im Vergleich zum Theater noch nicht so stark weiterentwickelt und besonders zeitgenössische Lyrik würde selten in neue musikalische Formate integriert werden. Die Videoprojektion soll hier der Schlüssel sein, die Gräben zwischen avantgardistischen Gedichten und zeitgenössischer Musik zu schließen. Darin würde sich unteranderem die Möglichkeit ergeben, Assoziationen, die ein Mensch beim Lesen eines avantgardistischen Gedichtes hat, sichtbar zu machen. Die digitale Visualisierung solle dabei nicht wie ein Fremdkörper in das Geschehen auf die Bühne projiziert werden, das schon alleine in-sich ein vollkommenes Kunstwerk ist, sondern sich nur im Zusammenspiel mit Sänger*innen und der Bühnensituation entfalten.

Eine Gleichgewichtung der Elemente Text, Musik, Visualisierung und Raum ist dafür notwendig.

Die Verknüpfung der Felder „zeitgenössische Lyrik“ und „zeitgenössische Musik“, die ich beide für nicht ganz einfach zugänglich halte, empfinde ich als wahnsinnig große Aufgabe und eine riesige Chance für beide Genres. Und auch die digitale Visualisierung ist bei der Verknüpfung der Genres sicherlich genau die richtige Komponente. Doch ich merke, dass mir etwas an dem Abend fehlt, was ich nach der Lektüre des Programmheftes jetzt auch konkretisieren kann.

Denn unter den 8 Prinzipien des Lyrischen Gesamtkunstwerks versteckte sich eine Forderung die lautet „[…] 6. Die singende Person ist nicht Akteur*in, sondern vor allem Medium. […]“. Sprich kein (richtiges) Schauspiel auf der Bühne.

Da der Sänger in der Inszenierung „Scrollen in Tiefsee“ den größten Teil des Abends kaum erkennbar hinter einer halb durchsichtigen Wand steht, kommt bei mir die Frage nach der Theatralität des Abends auf. Ich frage mich, wie sich der Abend verändert hätte, wenn der Sänger uns seine Haltung zum Text visuell dargestellt hätte. Natürlich würde es dann nicht mehr unter die Gebote des „Lyrischen Gesamtkunstwerks“ fallen, doch reizt mich dieses Gedankenexperiment, was wohl passieren würde, wenn man es um die Komponente des Schauspiels erweitert hätte. Wie stark kann man das Medium oder die Mittel in einer Inszenierung selbst thematisieren? Und wie sehr können/dürfen sie verschwinden?

Ein bisschen theaterwissenschaftliche Gedankenexperimente. Aber vielleicht geht’s ein paar von euch ja auch so: Was denkt ihr – Welche Genres würdet ihre gerne mal auf der Bühne verknüpft sehen? Was fändet ihr spannend oder was könntet ihr euch genauso wenig vorstellen, wie eine Cola in ein Bier zu mischen. Schreibt eure Gedanken darunter wenn ihr sie teilen mögt oder behaltet sie für euch und spinnt ein bisschen rum.

* Wir haben uns entschieden, ab und zu auch einfach mal nur unsere „Gedanken zu“ einer Inszenierung zu äußern – ohne sie in eine richtige Kritik einzubetten. Diesen Raum möchten wir uns gerne geben; damit die Lesenden aber wissen was sie erwartet, markieren wir diese andere Rezensionsform im Titel anstatt als „Kritik“ als „Gedanken“.

Zur Inszenierung

Scrollen in Tiefsee // Black Box, Gasteig // Premiere/UA: 17. September 2019 //

Studierendenkarten: 11,90 €; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunden (keine Pause)

Bariton: Matthias Winckhler
Piano: Andreas Skouras
Regie: Tom Wilmersdörffer
Regie- und Produktionsassistenz: Laura Krahn
Produktionsassistenz und Kamera: Arthur Letizky
Video: Maximilian Riemer
CGI Art: Roland Obenaus
Digital Live Art: Paul Bießmann
Bühnenbild: Katarina Ravlić
Konstruktion: Stefan Meyer
Technische Leitung: Lukas Kaschube
Technische Assistenz: Kastulus Forchheimer 
Technische Beratung: Thilo Heins
Text: Tristan Marquardt
Komposition: Christopher Verworner

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