Kritik: These Teens Will Save The Future @Münchner Kammerspiele: im Haus der Kunst

Foto: Josef Beyer

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 30. September 2019

Hör dir hier Julias Kritik an!

26 junge Menschen flüstern und schreien im Haus der Kunst Demosprüche: für Klimaschutz und eine lebenswerte Zukunft.

Es beginnt in einem fast leeren Raum. Das Publikum sitzt auf dem Boden, an die Wände werden bunte Morphs der beteiligten Kinder und Jugendlichen projiziert. Dazu läuft unter anderem Greta Thunbergs „How Dare You“ Rede im Loop, die Worte scheinen von den Lippen der jungen Menschen zu kommen. Plötzlich stehen die Jugendlichen im Raum. „We have come here to tell you that change is coming. Whether you like it or not!” Wir gehen in einen zweiten Raum, dort gibt es Sitzplätze und ein pink-grünes Karussell auf der Bühne in der Mitte des Raums. Die jungen Leute flüstern Parolen. Sie tragen bunte Kostüme, die aus selbst mitgebrachten Secondhand-Klamotten neu zusammengenäht wurden. Jede*r formuliert einen eigenen Satz. Auch im Loop; erst leise, dann laut. Schon jetzt ist klar: diese Inszenierung setzt auf das Phänomen der Dauer. Protest muss andauern, um etwas zu bewirken. Dann werden die Sätze nacheinander einzeln und wütend vorgetragen; das Stimmengewirr wird ein Klima-politisches Manifest.

Die Themenfelder des Abends sind alles andere als begrenzt: es geht nicht nur ums Klima, sondern auch um Rassismus, Gewalt, Demokratie, Diskriminierung, Chancengleichheit, präzise Formulierungen und Begriffserklärungen der trans*inter*-Community. Das macht zwar viele Fässer auf, andererseits kann halt auch nicht über die Zukunft gesprochen werden, ohne auch andere Fragen zu stellen, als die zur Klimakatastrophe.

Die Inszenierung „These Teens Will Save The Future“ hat mich nicht nur aufgrund der Thematik interessiert, sondern auch, weil sie wegen des beteiligten Stabs für mich so nahbar war. Regisseurin Verena Regensburger hat am selben Institut Theaterwissenschaft studiert, wie wir Theatertanten es noch tun. Mit auf der Bühne steht unter anderen Amélie Luisa Althaus, die im März mit uns das Stück „Endspiel“ im Resi angeschaut hat und dazu einen Gastbeitrag auf theatertanten.com veröffentlichte (so schön, dich mal „auf der anderen Seite“ zu sehen, Amélie!). Ein paar andere Teens kannte ich durch meine Assistenz beim Ostercamp der Kammerspiele. Das zeigt mir mal wieder, wie unterschiedlich eine Inszenierung auf verschiedene Menschen wirken kann. Hätten mich die Worte der Jugendlichen weniger berührt, wenn sie mir alle unbekannt gewesen wären?

Nach einer Weile laufen die Kinder und Jugendlichen durchs Publikum und stellen provokante Fragen. Wie oft fliegst du? Wie oft wirst du gefragt, wo du herkommst? – Nein, wo du wirklich herkommst? Was dabei aber leider bewusst wird: Die meisten von denen, die hier im Publikum sitzen, sind nicht diejenigen, die die Parolen hören müssten und diese Fragen gestellt bekommen sollten. So können die Fragen, die die jungen Menschen den Anwesenden stellen, wenig schuldbewusste Antworten hervorrufen. Eine Frau sagt „Ich fliege gar nicht, obwohl ich sogar über meine Familie günstigere Flüge bekommen würde.“ Egal ob das stimmt oder nicht: die meisten Zuschauer*innen scheinen die Problematik weitgehend genug zu verstehen, um wenigstens so zu tun als würden sie klima- und gesellschaftsgerecht handeln. Was kann eine solche Performance leisten? Was sollte sie leisten können?

Die Inszenierung liefert später noch eine Art „Kampf-Tanz“ und das Karussell fängt irgendwann an, sich zu drehen. Am Ende des Abends sprechen die Teens mit Zuschauer*innen noch ein paar wenige Minuten über verschiedenste Themen. Zeitweise macht die Inszenierung irgendwie den Anschein einer Aneinanderreihung von Plakatsprüchen. Die Sprüche werden mal einzeln gerufen, mal chorisch. Auf ästhetischer Ebene kommt der Abend leider nicht wirklich bei mir an.

Was dann aber bei mir ankommt: die Teens erzählen persönliche Storys. Sie fragen sich: Wer bin ich nicht? Aber was kann ich trotzdem tun? Sie trauen sich zu sagen, dass sie es nicht schaffen werden, jeden Freitag zu demonstrieren. Dass sie auch in die Schule gehen wollen – und dass sie sich manchmal wünschten, alles wäre wieder „normal“. Zum Glück, denn das macht die Zeigefinger weniger mahnend und die Plakatsprüche weniger abgestumpft. Diese Eingeständnisse machen die Jugendlichen stärker, denn trotzdem stehen sie dort, auf der Bühne. Was mich bewegt sind die Energie und Entschlossenheit der jungen Menschen. Diese haben so viel Wut in sich, dass sie sie gesammelt einem Publikum präsentieren können. Und das Abend für Abend – genauso wie sie Freitag für Freitag auf der Straße demonstrieren.

Genau deswegen möchte ich diesen Abend nicht auf ästhetischer Ebene kritisieren, denn darum geht es einfach nicht. Verena Regensburger lässt die jungen Aktivist*innen ihre eigenen Geschichten erzählen. Sie erzählen, warum sie sich politisch engagieren, was sie verändern wollen und was sie sich wünschen. Vor allem: welche Zukunft sie sich wünschen. Dass ich dabei als Zuschauerin Gefahr laufe abzustumpfen, lässt mich selber nur mehr über das riesige Problem an sich reflektieren. Denn wie laut muss man denn schreien, damit jemand zuhört?

Zur Inszenierung

These Teens Will Save The Future // Münchner Kammerspiele in Kooperation mit: Haus der Kunst // UA: 27. September 2019 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunde (keine Pause)

Inszenierung: Verena Regensburger
Bühne: Marie Häusner
Licht: Diana Dorn, Weronika Patan
Kostüme: Veronika Utta Schneider
Dramaturgie: Anna Gschnitzer
Sound: Jonny-Bix Bongers
Video: Nicole Marianna Wytyczak
Text: Ensemble, Anna Gschnitzer, Verena Regensburger

mit

Natalie Albertshofer, Amelie Luisa Althaus, Emma Beblo, Lilli Biedermann, Helena Borst, Moritz Brand, Maria Dendorfer, Jamila Gebhard, Helena Gregorian, Vivien Henning, Anna Hoffmann, Kaspar Huber, Lilian Marie Luise Karger, Konstantin Kloppe, Thyra Kolde, Juri Kößler, Leopold Nüssler, Thilda Otto, Frida Pfeiffer, Agnes Pfeiffer, Thalia Schoeller, Flurina Schuster, Mira Sökefeld, Marlene Anna Taler, Ira von Büdingen, Lilli von Hehn

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