Kritik: Die Kluge @Gärtnerplatztheater (Studiobühne)

Foto: Christian POGO Zach

Julias Kritik – Besuchte Vorstellung: 2. Oktober 2019

Hör dir hier Julias Kritik an!

In den Räumlichkeiten der Studiobühne im Keller des Gärtnerplatztheaters war ich bei der Premiere von „Die Kluge“ zum ersten Mal. So sehr ich die pompöse große Bühne und den wunderschönen Zuschauerraum im großen Saal schätze, muss ich doch sagen, dass ich mich in Studiobühnen und BlackBoxes immer direkt richtig wohlfühle. Eine gute Voraussetzung.

Die Kammeroper „Die Kluge“ von Carl Orff basiert auf dem Märchen „Die kluge Bauerntochter“ der Gebrüder Grimm. Darin geht es im Groben darum, dass der Vater dieser Bauerntochter vom König gefangen genommen wird, weil er von ihm – aufgrund eines Missverständnisses – angeklagt wird, einen goldenen Stößel gestohlen zu haben. Und das obwohl seine Tochter den Bauern vorher davor gewarnt hatte! Daraufhin überzeugt die Tochter den König von ihrer Klugheit (sie muss drei Rätsel lösen), die beiden heiraten und der Vater wird freigelassen. Als „die Kluge“ sich später einmal in eine ungerechte richterliche Entscheidung des Königs einmischt, fühlt dieser sich in seiner Autorität angegriffen, verstößt seine Frau und schickt sie zurück in ihr Elternhaus – wohin sie nur das mitnehmen sollte, was ihr am wichtigsten ist. Sie versetzt den König in einen Schlaf und nimmt ihn mit. Als er im Bauernhaus aufwacht, ist er gerührt von ihrer großen Liebe und die beiden leben happily ever after.

Aus Orffs Oper wurde für die Inszenierung am Gärtnerplatztheater eine reduzierte Fassung für 15 Instrumentalisten geschaffen, die bei meinem Besuch uraufgeführt wurde. Das Orchester ist offen einsichtig am hinteren Bühnenrand positioniert, davor der ebenerdige Bühnenraum auf rotglänzendem Lackboden mit einer großen, metallenen Rampe mit Treppenstufen. Am oberen Ende der Rampe steht der Königsthron und ein Baum; aus dem Rest des Bühnenbildes werden durch wenige Requisiten andauernd unterschiedliche Spielorte gemacht. Das Publikum sitzt u-förmig außen rum, auch von der Seite ist der Blick noch gut.

Ich verliere so viele Worte zum Setting, weil es so gar nicht die Art von Oper ist, die ich sonst kenne. Die Sänger*innen sind viel näher an uns dran, ich kann sogar auf ihre Mimik achten. Das ist etwas, was ich an Sprechtheater-Produktionen auf Studiobühnen total schätze; worüber ich in dieser Kammeroper jedoch stolper. In der Oper wird stärker gestikuliert und übertriebener mit Mimik und Gesichtsausdrücken gearbeitet. Das muss auf einer großen Bühne, bei der das Publikum einige Meter von den Darstellenden entfernt sitzt, auch so sein – keine Frage. Hier jedoch wirkt das ausladende Spiel zu groß, zu unecht. Es hätte dem Spiel gut getan, auf diesen Kontext übertragen und angepasst zu werden.

Musikalisch fand ich vor allem den bekannten Einstieg mit „Oh hätt‘ ich meiner Tochter nur geglaubt“ perfekt: der gesungene Text ist wortverständlich und nicht nur schön anzuhören, sondern leitet das Geschehen auch motiviert und gerade ausführlich genug ein. Dieses peppige Lied bleibt am meisten im Kopf; aber auch der Rest des Abends ist sowohl vom Orchester als auch den Solisten eindrucksvoll und technisch einwandfrei umgesetzt. Ich kenne die ursprüngliche Orchesterfassung nicht, aber diese reduzierte gefällt mir auf jeden Fall sehr!

Die Oper besteht aus nur einem Akt, der Abend ist kurzweilig und die Handlung schreitet schnell voran. Die Auftritte der drei Strolche in glänzenden Mänteln zwischendurch haben einen Intermezzi oder Sketch-Charakter und teilen den Abend für mich in gleichmäßige Abschnitte auf. Inszeniert hat Lukas Wachernig die drei aber leider eher einfallslos, mit verstaubten und platten Witzen. Sie agieren noch körperlicher und aufgesetzter als die restlichen Darsteller*innen, was sicher als Mittel der Komik gedacht war, meinen Humor aber gar nicht erreicht. Auch den Rest der Handlung finde ich irgendwie offensichtlich und einfach inszeniert – etwas mehr Tiefe hätte den Figuren geholfen.

Was ich in meiner vorherigen Recherche rausgefunden und in der Inszenierung selber vermisst habe, ist ein Bezug auf die umstrittene Werksgeschichte der Oper. Schließlich wurde sie zwei Tage vor der Hinrichtung der Geschwister Scholl uraufgeführt und sollte ablenken vom nahenden Ende der NS-Herrschaft. Den Entstehungskontext in eine heutige Inszenierung mit einfließen zu lassen ist natürlich kein Muss, ich hätte einen behutsameren Umgang mit dem Werk jedoch gut gefunden. Lediglich im Bühnen- und Kostümbild (roter Boden, schwarze und weiße Kostüme) hätte ich eine Referenz erkennen können, aber ich denke, dass ich mir das vor lauter Suche eher an den Haaren herbei gezogen habe.

Fazit: Irgendwie find‘ ich das Prinzip Kammeroper gut, weil ich gerne nah dran bin an der Inszenierung, aber gleichzeitig weiß ich nicht, ob diese Nähe der Oper gut tut. Ich möchte mir demnächst mal mehr Kammeropern ansehen, falls es zur Zeit mehr davon gibt. Vielleicht verstehe ich das Konzept dann etwas besser.
Beim Applaus habe ich aber das Gefühl, mit meinen Kritikpunkten am Abend relativ allein gewesen zu sein. Das Publikum um mich herum tobt und beschenkt das Team vor- und hinter den Kulissen mit langem Applaus. Ein älteres Ehepaar, das ich während der Vorstellung aus dem Augenwinkel beim Mitsingen beobachtet habe, scheint den Tränen nahe. Ein Hoch auf die Vielfalt des Theaters und die Vielfalt der Geschmäcker.

Zur Inszenierung

Die Kluge – Kammeroper von Carl Orff // Gärtnerplatztheater (Studiobühne) // Premiere/ UA der reduzierten Fassung: 2. Oktober 2019 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunde 20 min (keine Pause)

Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz / Oleg Ptashnikov
Regie: Lukas Wachernig
Bühne und Kostüme: Stephanie Thurmair
Licht: Jakob Bogensperger
Dramaturgie: Michael Alexander Rinz

mit

Der König: Matija Meić
Der Bauer: Levente Páll / Christoph Seidl
Des Bauern Tochter, genannt »die Kluge«: Sophie Mitterhuber
Der Kerkermeister: Martin Hausberg
Der Mann mit dem Esel: Juan Carlos Falcón
Der Mann mit dem Maulesel: Daniel Gutmann
1. Strolch: Gyula Rab
2. Strolch: Stefan Bischoff
3. Strolch: Holger Ohlmann
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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