Kritik: Rom @Thalia Theater

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 10. Oktober 2019

Höre die hier Paulinas Kritik an.

Wenn die Römer wüssten, dass ich im Jahr 2019 an große Sonnenbrillen, hupende Autos und Käsefäden-ziehende Pizzen denke, sobald jemand von der Hauptstadt Italiens spricht, würden sie sich sicher in ihren Gräbern umdrehen. Schließlich stand ihr römisches Reich rund 1000 Jahre für viele starke Legionen, Gladiatorenkämpfe und eine der antiken Hochkulturen. Nicht zuletzt prägten auch Autoren wie Seneca und Terenz das kulturelle Geschehen im Imperium Romanum. Theater wurde nicht nur zur Zeit des Römischen Reiches praktiziert – ihre Kultur inspirierte Autoren auch viele Jahre später, Theaterstücke über diese Epoche zu schreiben. Einer von ihnen war William Shakespeare, der einige – nicht allzu populäre – Stücke in diese Zeit verortet hat.

John von Düffel übersetzte Shakespeares Original „Coriolan“, „Julius Cäsar“ und „Antonius und Cleopatra“ und fügt diese drei Römerdramen unter dem Titel „Rom“ zusammen. Das Panorama thematisiert Machtstreben, die Grundpfeiler der Demokratie und die Kunst der Demagogie.

Stefan Bachmann – Intendant des Kölner Schauspielhauses – lässt sieben Schauspieler des Hamburger Thalia Theaters in einem Ausschnitt in der Mitte der Bühne spielen, dessen Begrenzung mich an einen goldenen Bilderrahmen erinnert. Die Hypotenuse eines ebenfalls goldenen Dreiecks dient den Männern dabei als Spielfläche, wobei die Spitze des Dreiecks den Bühnenboden berührt. Wie eine Waage bewegt sich das Dreieck und ermöglicht trotz der fehlenden Bühnentiefe eine spannende Interaktivität.

Als ich mir die Bilder der Inszenierung vor dem Besuch angeschaut habe, erwartete ich eine brutale und vorallem „laute“ Inszenierung, was bei den Geschichten um den römischen Großkapitalisten Coriolan, dem Mord an Cäsar und dem Liebes- und Kriegsdrama um die Ägyptische Königin Cleopatra und Antonius nicht unbedingt weit hergeholt ist.

Aber Bachmann wählt andere Mittel diese Drastik zu skizzieren. Er entscheidet sich gegen eine übertriebene Tragik und Dramatik und für musikalische und komödiantische Brüche mit den Erwartungen des Publikums. So werden Szenen wie der hinterhältige Mord einiger Senatoren an Cäsar nicht wie ein dramatisches Abschlachten inszeniert, sondern es wird die Komik und die Ironie der Situation künstlerisch aufgegriffen und in eine unterhaltsame Choreografie (von Rica Blunck) übersetzt. Und so steht der soeben getötete Cäsar nach seinem Tod einfach wieder auf und verlässt die Bühne, während sich seine Mörder fragen, wie sie ihn denn jetzt wegschaffen können.

Durch eine definierte Körperlichkeit und einen geschickten Umgang mit diesen Spannungs- und Entspannungsmomenten, gelingt es dem Bachmann mich die 3 Akte – fast ausnahmslos – am Geschehenen zu halten. Zwischendurch verloren sich meine Gedanken zwar etwas in die Wortgewaltigkeit einiger Monologe, aber meine Konzentration und ich haben dann doch noch die Kurve gekriegt.

Was auf keinen Fall unerwähnt bleiben darf sind die Kostüme der Darsteller. Jana Finklee und Joki Terres schaffen es zwischen authentischen Togen der Legionäre und abstrakten Kostümierungen des Ägyptischen Königshofes bildstarke Momente zu kreieren, die mit dem Bühnenbild von Olaf Altmann ganz perfekt zusammenpassen.

Besonders stark in Erinnerung an die Inszenierung „Rom“ bleibt mir der Sinn für das richtige Timing, die ästhetische Bühnenanordnung und ein grandioses Männerensemble.

Zur Inszenierung

Rom // Thalia Theater // Premiere: 23. März 2019

Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden und 20 Minuten(keine Pause)

Regie: Stefan Bachmann
Bühne: Olaf Altmann
Kostüm: Jana Findeklee, Joki Tewes
Choreografie: Rica Blunk
Musik: Sven Kaiser

mit

Pascal Houdus
Thomas Niehaus
Merlin Sandmeyer
Andre Szymanski
Nicki von Tempelhoff
Jirka Zett
Bekim Latifi

Live Musik: Sven Kaiser

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