Kritik: Die Verlorenen @Residenztheater

Foto: Birgit Hupfeld

Am Samstag wurde Andreas Becks Staatsintendanz am Residenztheater eingeläutet – mit dem Auftragswerk „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer. Die Theatertanten waren bei der Uraufführung natürlich am Start und hier gibt’s nun gleich 3 Kritiken von uns zu Nora Schlockers Inszenierung:

Theresas Kritik – Besuchte Premiere: 19. Oktober 2019

Die Spielzeiteröffnung des Residenztheaters unter der neuen Intendanz von Andreas Beck startet mit einem Stück, das extra für das Haus von Ewald Palmetshofer geschrieben wurde, den schon eine langjährige Arbeit mit Beck verbindet. Die Regisseurin Nora Schlocker, eine der neuen Hausregisseur*innen am Münchner Residenztheater, ist ebenfalls nicht unerfahren in der Arbeit mit Palmetshofer und Beck. Im Theater Basel inszenierte sie 2017 „Vor Sonnenaufgang“ von Palmetshofer. Diese Inszenierung wird ab dem 27. November auch im Residenztheater zu sehen sein.

Der Text, in seiner geschriebenen Form, beeinflusst die Inszenierung zu großen Teilen. Redefluss und Betonungen werden vorgegeben und steuern Tempo, aber auch Emotionalität.
Der Text ist gefüllt von Bildern und Metaphern. Als Zuschauer*in fühlt man sich ertappt. Man findet sich wieder in den alltäglichen Situationen, die zu Beginn, ganz und gar nicht alltäglich von der Besetzung chorisch geschildert werden. In den kleinsten Details werden die einfachsten Dinge erklärt. Es ist eine Freude die Sprache zu hören, die Gefühle zu spüren und das Spiel mit bzw. die Konstruktion der Sprache, die Palmetshofer so kleinlich und liebevoll verwendet, zu beobachten.

Das Drama handelt von Clara, die ausbricht aus ihrem Alltag, aus ihrem Umfeld und aus ihrem Selbst. Sie ist das Zentrum der Geschichte, aber ist nicht die einzig Verlorene der Figuren. Auch die verschiedenen Hintergründe und Entwicklungen der anderen Figuren werden erzählt und thematisiert. Diese Passagen ziehen sich und treiben das Drama nicht wirklich voran. Trotz der immer noch fantastischen Sprache sehnt man sich als Zuschauer*in danach, mehr über Clara zu erfahren. Die Nebenhandlungen lenken leider mehr ab, als dass sie das Zentrum des Konflikts ergänzen.

Das Bühnenbild ist schlicht. Ein weißer Raum. Nur ein hölzernes Kreuz hängt an der Rückwand der Bühne. Wer aus Bayern kommt hat gleich eine Assoziation: das Kreuz, das man in jedem öffentlichen Raum finden kann, ob in der Schule oder im Rathaus.
Ansonsten wird das Bühnenbild vor allem durch Lichteinstellungen verändert. Jede Figur oder Geschichte bekommt ihr eigenes Licht – ein bisschen zu simpel und visuell nicht sehr aufregend. Doch das Bühnenbild und die Kostüme scheinen einen großen Teil der Inszenierung durch Schlocker auszumachen. Schließlich bietet das Drama, das mehr einer Partitur gleicht, nicht viel Raum zur Auslegung des Textes und des Schauspiels. Das vermisse ich an diesem Abend. Die Regisseurin hätte sich mehr trauen können und visuell mehr bieten können.

Klares Highlight des Abends sind zum einen der Text von Ewald Palmetshofer, zum anderen Myriam Schröder, die der Sprachpartitur ihre Stimme verleiht und den Text vorträgt, als hätte sie schon immer in diesem Rhythmus gesprochen. Ihr Schauspiel ist ganz im Gegenteil zum Text realistisch und gespickt von kleinen leisen Bewegungen.

Paulinas Kritik – Besuchte Premiere: 19. Oktober 2019

Schlaflos im Resi. Sieben Schauspieler*innen stehen kurz nach der Pause im Nachthemd auf der Bühne, denn sie können nicht schlafen. Verdammt zur ewigen Schlaflosigkeit sind sie isoliert in einem Meer aus enttäuschten Erwartungen, unerfüllten Sehnsüchten und gezeichnet von den Alltagskämpfen. Da stehen sie in ihrer Einsamkeit. Haushohe Verliererin dieser Kämpfe ist Clara. Sie ist Mutter von Florentin, Exfrau von Harald, One-Night-Stand von Kevin und eine Tochter, um die sich die Eltern immer noch Sorgen machen. Sie scheint in all diesen Positionen versagt zu haben und nicht auszureichen. Clara, die Verlorene, braucht eine Auszeit, will raus aus der Stadt und gibt ihren Sohn zu dessen Vater Harald und seiner neuen Frau Svenja. Eingemauert im alten Haus ihrer verstorbenen Großmutter versucht sie Abstand zu gewinnen, doch scheitert zunehmend an all ihren Rollen und den Aufgaben, die ihr von der Gesellschaft auferlegt werden. Die Geschichte ist alltäglich, die Probleme und Gedanken sehr nah an denen des Durchschnittszuschauers. Immer wieder werden Situationen beschrieben, bei denen ich mich, auch wenn ich weder Ehe- noch Exehefrau oder Mutter eines erwachsenen Kindes bin, angesprochen fühle. Ob es um die Beschreibung der Männer geht, die sich seit der Erfindung des Smartphones zum pinkeln auf die Klobrille setzen oder um die Leere, die man fühlt, sobald eine liebende Person das Haus verlässt.

Der Text den Ewald Palmetshofer den Schauspieler*innen in einer sehr musikalischen Art und Weise in den Mund legt, ist wahnsinnig direkt und so raffiniert, dass ich mir am liebsten jeden zweiten Satz mitgeschrieben hätte, um über alle nochmal einzeln nachdenken zu können. Palmetshofer ist einer der beliebtesten zeitgenössischen Autoren – sein Stück „Vor Sonnenaufgang“ wird in dieser Spielzeit 14 mal neu inszeniert – und es gelingt ihm, durch die definierte Sprachlichkeit eine intensive Beziehung aufzubauen.

Durch diese ganz besondere Sprachpartitur und einige Regieanweisungen, wird bereits ein bestimmtes Setting für die Inszenierung vorgegeben. Dieser Inszenierung fehlte es im Gegensatz aber leider an einigen anderen Stellen an ähnlich definierten Haltungen. Oftmals scheinen die Schauspieler*innen etwas verloren auf der großen Bühne, da sie weniger Handlungen durchführen, als darüber zu sprechen.

Ich hätte der jungen Regisseurin eine etwas weniger konservative Inszenierung zugetraut, aber da wo es der Inszenierung an einigen Stellen an deutlicher Haltung fehlt, bestechen wiederum die Schauspieler*innen. Allen voran begeistert mich Myriam Schröder. Sie spielt die Clara wahnsinnig durchlässig und lässt mich so an der Gefühlswelt ihrer Rolle teilhaben.

Nach der ersten Inszenierung am „neuen“ Residenztheater freue ich mich auf viele Stücke mit Myriam Schröder und viele solcher Texte von Ewald Palmetshofer. Für meinen Geschmack nächstes Mal in ein bisschen gewagteren Inszenierungen.

Julias Kritik – Besuchte Premiere: 19. Oktober 2019

Was die Leser*innen im Kopf behalten müssen, ist, dass wir diese zu rezensierende Vorstellung ganz klar im Kontext der neuen Beck-Intendanz gesehen haben. Dass der Abend zu anderer Zeit und an einem anderen Ort ganz anders auf mich gewirkt hätte, ist also absolut nicht auszuschließen. So war meine erste Notiz in meinem Kritikbüchlein am Samstag auch jene, dass mir die neue Ansage vor Vorstellungsbeginn aufgefallen ist. Man solle doch seine Handys ausschalten und den „Luxus der Unerreichbarkeit“ genießen. Fand ich freundlich und ungewohnt locker, also: gesagt, getan.

Die Vorstellung beginnt. Zehn Schauspieler*innen beim Prolog auf der Bühne, von denen ich die meisten nicht kenne. Heute stellt sich heraus, wer mir im Gedächtnis bleiben wird, denk ich mir, und das sind vor allem Myriam Schröder (WOW!), Pia Händler und Johannes Nussbaum. Die Bühne ist hell, eine schräge Rampe, davor und dahinter flache Ebenen. An der Rückwand (die sich später als kippbar herausstellt), hängt ein Holzkreuz. Das ist alles schon ganz schön passend „verloren“, was mich dann aber umhaut, ist der Text. Dieser scheint in seiner Rhythmik und dem meist strengen Reimschema wie aus einer vergangenen Epoche, der Inhalt und die Umgangssprache sind aber absolut 2019. Passt das zusammen? Nach kurzer Irritation merke ich: unbedingt!

„Tasche Louis – der Markenname sehr französisch, reimt sich auf Beton“ – im Verlauf des Stücks denk ich mir immer wieder, dass die Komplexität der „Verse“, die ich als historisch eingestuft hatte, eigentlich genauso gut in einen Deutschrap-Song passen würde. Die Poesie folgt einem Beat – auf der Resi-Website wird das als musikalische Sprachpartitur bezeichnet – und ich fühl ihn total. Dazu trägt aber sicherlich auch bei, dass einige der Schauspieler*innen auf der Bühne schonmal in Stücken von Palmetshofer mitgespielt haben und dieser Art zu Sprechen bereits begegnet sind. Der Vergleich zu anderen Inszenierungen seiner Stücke fehlt mir, deshalb weiß ich nicht, wo „die Verlorenen“ in einem Palmetshofer-Ranking anzusiedeln wäre – aber auf mich wirkt es außer Konkurrenz.

Inszenierung und Licht verlassen sich etwas zu sehr auf den großartigen Text. Lichtwechsel zeigen Ortswechsel an; Scheidungskind Florentin verbreitet ein Video in sozialen Medien und das Licht wird elektronisch blau, wie ein Fernseher, den man von der Straße aus in einer Wohnung flackern sieht. Man merkt, dass nicht nur die Schauspieler*innen schon mit Palmetshofer-Texten gearbeitet haben, sondern auch Nora Schlocker bereits zum dritten Mal eins seiner Stücke inszeniert. Sie lässt den Text stark für sich selbst sprechen.

Neben der Rhythmik des Textes überzeugt mich aber auch der Inhalt. Palmetshofer scheint sich ordentlich über die Gesellschaft zu beschweren, die nach und nach ihre Menschlichkeit verliert. Was mich am meisten mitnimmt, sind die Anspielungen auf die Arroganz der Menschheit. Die Hirschkuh auf der Straße erlaubt sich, einfach vor dem Auto stehen zu bleiben, nicht wegzurennen. Sie hat das Machtverhältnis einfach nicht verstanden, richtig? Oder nicht akzeptiert? Und den Männern muss man nicht mehr sagen, dass sie sich beim Pinkeln hinsetzen müssen; das machen sie seit es Smartphones gibt nämlich eh viel lieber. Der Text fragt: Welcher Moral verpflichten wir uns heute noch?

Figurentechnisch gefallen mir vor allem die Frauenrollen. Die Figur der Svenja ist feministisch und wütend und dabei werden sie, die neue Frau von Harald, sowie Haralds Ex-Frau und Hauptfigur Clara als stärkste Personen des Stückes inszeniert. „(Ex-)Frau von …“ trifft also in der Rollenbeschreibung nicht so richtig zu. Yeah! Weniger interessant finde ich die Figuren der Tankstellenkiosk-Gäste und der dortigen Verkäuferin/Kellnerin. Sie dienen hauptsächlich dazu, die ländliche Einöde des Spielortes zu charakterisieren – für mich eine Nebenhandlung, die hätte gestrichen werden können.

„Die Verlorenen“ halte ich für eine gute Wahl zur Spielzeiteröffnung; vor allem, weil sie Lust und Hoffnung auf mehr macht! Wie schön, dass noch mehr Palmetshofer Stücke auf dem Spielplan stehen.

Zur Inszenierung

Die Verlorenen von Ewald Palmetshofer (Auftragswerk) // Residenztheater München // Premiere/UA: 19. Oktober 2019 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden 40 min (eine Pause)

Regie: Nora Schlocker
Bühne: Irina Schicketanz
Kostüme: Marie Roth
Musik: Friederike Bernhardt
Licht: Tobias Löffler
Dramaturgie: Constanze Kargl

mit

Clara, die Verlorene: Myriam Schröder
Harald, ihr Ex-Mann: Florian von Manteuffel
Svenja, seine Frau: Pia Händler
Florentin, Claras und Haralds Sohn, 13 Jahre alt: Carlo Schmitt / Francesco Wenz
Claras Mutter: Sibylle Canonica
Claras Vater: Arnulf Schumacher
Claras Tante, Schwester ihrer Mutter: Ulrike Willenbacher
Kevin, ein junger Mann: Johannes Nussbaum
Der alte Wolf: Steffen Höld
Die Frau mit dem krummen Rücken: Nicola Kirsch
Der Mann mit der Trichterbrust: Max Mayer

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