Kritik: Coppélia @Bayerisches Staatsballett

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 22. Oktober 2019

Als ich noch eine kleine Ballettmaus war, war es mein größtes Glück, wenn meine Ballettlehrerin uns erlaubte den „Spielzeugladen“ zu tanzen. Immer vor Weihnachten – in der Wunschstunde – spielte sie die Musik aus dem Ballett „Coppélia“ (Léo Delibes) und wir durften in die verschiedensten Rollen schlüpfen und uns, wie Figuren in einem Regal, in Pose begeben. Sobald die passende Melodie erklang, tauten wir Ballettmädels aus unseren starren Posen auf und hüpften durch den Saal – als Flugzeug, Primaballerina, Clown oder als dicker Teddy. Und das taten wir auch noch, als wir schon ein längst nicht mehr kleine Ballettmäuse waren.

Als ich gestern Abend die unverkennbare Musik von Léo Delibes in der Bayerischen Staatsoper hörte, kamen mir sofort all diese alten Bilder in den Kopf und ich musste mich kurz wieder sammeln, um mich der Vorführung von „Coppélia“ zu widmen.

Die Geschichte des ersten Puppenballetts geht zurück auf die Erzählungen von E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ aus dem Jahr 1861. Sein Protagonist Nathanael verliebt sich in eine mechanische Puppe, die auf den Namen Olimpia hört und all das ist, was einen Mann des 19. Jahrhunderts wohl glücklich gemacht hat. Nathanaels größte Freude ist es, dass Olimpia ihm stundenlag mit starrem Blick zuhört, keine Widerworte gibt und so wunderbar passiv ist. Hoffmanns Gesellschaftskritik bzw. Kritik an dem männlichen Blick ist hier kaum zu übersehen. In der Ballett-Version ist diese Kritik leider nicht mal durch das Opernglas zu entdecken.

Die Inszenierung der Ballettkomödie von Roland Petit reiht sich ein in verspielte, aber doch starke Gender-Klischees. Gleich zu Anfang des Abends marschieren die Soldaten etwas klamaukig auf die Bühne. Eine Gruppe rosa Tutus springt kichernd um sie herum, wackelt mit ihren Popos und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Eine von ihnen ist Swanilda. Sie ist verliebt in Franz, der aber – trotz Verlobung – nur Augen für die Dame hat, die still und stumm im Fenster des Hauses von Coppélius sitzt und mit ihrem schwarzen Spitzenfächer wedelt. Franz hat kaum einen liebevollen Blick für seine Verlobte übrig, die ihn immer wieder versucht zu beeindrucken und ihm einen Kuss geben will. Swanilda lässt sich nicht abwimmeln und schleicht sich mit ihren sechs Freundinnen in das Haus des alten Coppélius. Auch Franz versucht an diesem Abend seine Angebetete vom Fenstersims zu treffen. Doch ehe er entdeckt, dass es sich bei der Frau nur um eine Puppe handelt, wird er von ihrem Erschaffer vergiftet. Der alte Magier Coppélius will Franz Lebensgeister in seine Puppe zaubern. Um ihren Verlobten zu retten, gibt Swanilda vor, diese besagte Puppe Coppélia zu sein. Letzten Endes gelingt es ihr, Franz mit einem Kuss der wahren Liebe zu retten. Endlich sieht er ein, dass er einen großen Fehler gemacht hat und heiratet seine überglückliche Verlobte. Ein schnelles Ende in rosa und weiß.

In Zeiten von #metoo, damit verbundenen aktuellen Theaterdiskursen und gesamtgesellschaftlichen Umbrüchen, in denen Frauen endlich eine emanzipierte Rolle zugeschrieben wird, ist es eigentlich untragbar, ein solches Stück unkommentiert zu inszenieren. Das wirklich ziemlich schöne und aufwendig gebundene Programmheft erfüllt zum Glück diese Aufgabe der Reflektion und bildet über 19 Seiten Fotos von einem Mann ab, der mit einer weiblichen Puppe zusammenlebt – selbstverständlich mit üppigem Dekolleté, großen Augen und dicken Lippen. Die Perversität dieses Rollenverständnisses wird hier dargestellt. Mit dieser Weisung gebe ich mich fürs Erste zufrieden und versuche mich auf die Ballettkomödie einzulassen. So viel zum Einlassen gibt es aber gar nicht. Es ist alles recht sorglos und naturalistisch inszeniert.

Lauretta Summerscales tanzt die Swanilda mit der besagten Leichtigkeit und schauspielerischen Stärke, die ihrem Pas-de-deux-Partner über weite Strecken des Abends fehlt. Das kann selbstverständlich auch an der Anlage der Figur von Seiten des Choreographen liegen, doch gepaart mit einigen kleinen technischen Fehlerchen, bin ich von Yonah Acosta ein bisschen enttäuscht. Komödiantische Charakterrollen wie der Dr. Coppelius sind immer sehr dankbar. Luigi Bonin passt gut in das Bild des etwas verplanten, einsamen Magiers. Allerdings fehlt mir hier ebenfalls die notwendige Tiefe in der Figurenpsychologie. Besonders gut gefallen mir hingegen die Gruppenszenen mit ungarischen Volkstänzen, was wahrscheinlich auch an der Mazurka Musik liegt. (Unbedingt mal reinhören, wirklich genial!)

Es ist ein wirklich kurzweiliger Ballettabend. Der erste, wie auch der zweite und dritte Akt zusammengenommen, dauern jeweils 45 Minuten. Danach fahre ich recht entspannt nach Hause. Ich kann an diesem Abend auf jeden Fall besser einschlafen, als an dem Tag, als ich Hoffmanns „Der Sandmann“ gelesen habe. Insgesamt also leichte Kost, ohne große Denkanstrengungen oder emotionales Gefühlschaos. Ich merke: ich bin angefixt vielleicht irgendwann mal selber das Ballett „Coppélia“ zu inszenieren, aber dann eher im „Team Hoffmann“ als im „Team Petit“.

Zur Inszenierung

Coppélia // Bayerisches Staatsballett // Premiere: 20. Oktober 2019

Vorstellungsdauer: ca. 2 Stunden (eine Pause)

Choreographie: Roland Petit
Musik: Léo Delibes
Bühne: Ezio Frigerio
Kostüme: Franca Squarciapino, Ezio Frigerio
Licht: Jean-Michel Désiré

mit

Dr. Coppélius: Luigi Bonino
Swanilda: Laurretta Summerscales
Franz: Yonah Acosta
Solisten und Ensemble des Bayerischen Staatsballetts

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