Kritik: Sommergäste @Residenztheater

Paulinas Kritik – Besuchte Premiere: 25. Oktober 2019

Es ist Weltuntergangsstimmung. Hier bei uns im Jahr 2019 genauso wie bei Warwara Michaljlowna. Sie lebt in Mitten von Pseudointellektuellen, Dichtern, Juristen, Ärzten und Lebemännern – die reden und reden aber nicht sehen, was um sie herum in der Welt an Missständen und Ungerechtigkeit herrscht. In den Alkoholismus fliehend verbringen vierzehn mehr oder weniger verwandte Menschen den Sommer auf einer Dascha in Russland; trinken und diskutieren, verlieben und streiten sich.

Mit Maxim Gorkis „Sommergäste“, inszeniert von Joe Hill-Gibbins, geht’s weiter im Premierenlauf des Residenztheaters unter Andreas Beck.Nach einem zeitgenössischen Literaten bei „Die Verlorenen“, kommt jetzt ein Klassiker der Moderne ins Residenztheater. Gorkis Sommergäste wurden 1905 noch vor der Russischen Revolution uraufgeführt. Es ist also doch schon ein Weilchen her, aber obwohl wir uns weder im Russland des frühen 20. Jahrhundert befinden, noch kurz vor einem weltpolitischen Umsturz stehen, lässt sich mit dem Stück genauso gut Kritik an dem Premierenpublikum des Residenztheaters (inklusive mir) üben. Ein Stoff, der wie viele andere Gorki und auch Tschechow Texte, ganz wunderbar in unsere Zeit passt und vor allem genau die Gesellschaftsschichten anspricht, zu denen wir gehören.

Es ist mal wieder eine Geschichte die mir an diesem Abend erzählt wird, mit einer Menge Mensch. So lerne ich einen Großteil des neuen Ensembles kennen und teilweise ist es recht wuselig auf der Bühne, sodass ich fast etwas den Überblick verliere. Dieses Kuddelmuddel wird durch einige rollende Bierflaschen und rumliegende Requisiten zwar noch verstärkt, ist aber trotzdem im Rahmen. Auf einer sich ganz langsam bewegenden Drehbühne inszeniert Hill-Gibbins die reichen Russen, verorten sie allerdings in einer Zeit, in der es moderne Duschen, Kugelgrills und MacBooks gibt. Alle 14 Schicksale auseinander zu klamüsern fände ich an dieser Stelle zu viel und auch nicht sonderlich erkenntnisbringend, denn sie alle eint vor allem eins: ihre Enttäuschung vom Leben und ihre Besessenheit von sich selbst. Sie leiden und jammern über ihre eigenen Schicksale und suchen in den anderen Personen lediglich jemanden, um sich selbst sprechen zu hören und Bestätigung zu bekommen. Die Einzige, die sich um eine andere Person sorgt, ist Sonja (Enea Boschen), die zwar nur eine der kleineren Randfiguren spielt, aber mir in ihrer Liebe zur Mutter in Erinnerung bleibt. Diejenigen der Sommergäste, die sich um den Fortbestand der Welt sorgen, werden von den anderen belächelt und als „nervenkrank“ bezeichnet. Klare Verweise auf die Parallelen zu unserer heutigen Zeit werden nicht gemacht, aber das braucht es auch nicht. Wir Zuschauenden sollten dieses Abstraktionsvermögen schon noch selbst besitzen.

Es fallen an dem Abend wieder so viele so schlaue Sätze, dass ich über ein paar etwas konstruierte Komik und etwas impulsartige Wutausbrüche von Brigitte Hobmeier in der Rolle der Warwara hinwegschauen kann. Ein leichter Abend, der bei mir besonderes durch den philosophischen Touch des Textes in Erinnerung bleibt.

Zur Inszenierung

„Sommergäste“ // Residenztheater // Premiere: 25. Oktober 2019

Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden 10 Minuten (eine Pause)

Inszenierung: Joe Hill-Gibbins
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Astrid Klein
Licht: Tobias Löffler
Musik: Polly Lapkovskaja
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer

mit

Bassow, Sergej Wassiljewitsch, Rechtsanwalt: Robert Dölle
Warwara Michajlowna, seine Frau: Brigitte Hobmeier
Kalerija, Bassows Schwester: Luana Velis
Wlas, Bruder von Bassows Frau: Christian Erdt
Suslow, Pjotr Iwanowitsch, Ingenieur: Aurel Manthei
Julija Filippowna, seine Frau: Sophie von Kessel Dudakow
Kirill Akimowitsch, Arzt: Thomas Reisinger
Olga Alexejewna, seine Frau Hanna: Scheibe Schalimow
Jakow Petrowitsch, Schriftsteller: Vincent Glander
Rjumin, Pawel Sergejewitsch: Thomas Lettow
Marja Lwowna, Ärztin: Katja Jung
Sonja, ihre Tochter: Enea Boschen
Dwojetotschije («Doppelpunkt»), Semjon Semjonowitsch, Suslows Onkel: Michael Goldberg
Samyslow, Nikolaj Petrowitsch, Bassows Assistent: Valentino Dalle Mura

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