Kritik: Nirvanas Last @Kammer 1

Foto: David Baltzer

Julias Kritik – Besuchte Premiere: 24. Oktober 2019

Nirvanas Last ist kein (gewöhnliches) Tribute Konzert für eine Grunge-Band – auch wenn das einige andere Premierengäste bestimmt erwartet haben. Damian Rebgetz verwebt auf den ersten Blick die Geschichte von Gründung bis Auflösung der Band nach Kurt Cobains Tod und die Setlist des letzten Nirvana-Konzerts mit einem bayrischen Heimatmythos. Auslöser dafür: Das letzte Nirvana Konzert überhaupt fand am 1. März 1994 ausgerechnet auf dem ehemaligen Flughafen München-Riem statt – alle weiteren Tourtermine danach wurden damals abgesagt und einen Monat später starb Frontmann Kurt Cobain. Auf den zweiten Blick merkt man aber, dass dieses Reenactment des letzten Nirvana Konzerts sich ständig selbst in Frage stellt: Kann man die Protestkultur des jugendlichen Grunge von damals überhaupt durch ein Reenactment des Konzerts reproduzieren? Oder verlagert man dadurch Nirvanas Alternativ-Rock zu sehr in den Mainstream? Rebgetz versucht in „Nirvanas Last“ eher die Wut der Band und den Protest des Grunges spürbar zu machen, anstatt dem Publikum einen schönen Abend beim Schwelgen in Nirvana Liedern zu bereiten.

Die Songs des letzten Nirvana Konzerts werden trotzdem gespielt – wurden aber für die Inszenierung von Ann Cotten ins Deutsche übersetzt, mit teilweise bayrischem Dialekt. Der Song „Sliver“ wird zu „Scheibchen“ und die Zeilen „Grandma take me home, I wanna be alone“ zu „Oma bring mi hoam, lass mi dan aloa“.

Was mich zunächst ein wenig nervt, ist der Anfang des Abends, an dem Rebgetz sich eine ganze Weile lang selber reden lässt. Er hat eine Art Märchenbuch in der Hand und leitet in die Geschichte von Nirvana ein. Das macht er witzig und ich glaube, mir würde es auch besser gefallen, wenn es nicht so unglaublich typisch für ihn wäre. Was mir daran aber trotzdem gefällt: Rebgetz ist wütend – besonders über die bayerische Willkommenskultur und das Gefühl nicht hierher zu gehören – und weiß, diese Wut subtil in Worte zu verpacken.

Der Abend folgt dann einem relativ strikten Aufbau. Ein Song folgt auf den anderen; Zeynep Bozbay, Christian Löber, Benjamin Radjaipour und Damian Rebgetz performen immer ein paar nacheinander. Ohne Zwischenapplaus wohlgemerkt, das war nicht erlaubt. Die letzten Songs singen sie am Ende dann gemeinsam. Die Texte in deutscher Sprache sind meist so leise und zart interpretiert (teilweise sogar irgendwie bluesig), dass sie nicht mehr wirklich an Nirvana erinnern.

Und so geht die Inszenierung vor sich hin, hat relativ lange keine wirklichen Höhen und Tiefen oder besondere Momente. Ich merke, wie ich mich zwischendurch in Gedanken verliere, lasse es aber zu. Denn so kann ich mich mehr auf das „Gefühl“ Nirvana einlassen, die deutschen Wörter bringen mich nämlich auf einmal erst so richtig dazu, über Nirvanas Texte nachzudenken. Und witzig ist das Ganze nach den ersten paar Liedern halt nicht mehr. Was mich in die Vorstellung zurückholt ist der Moment, als „Rape me“ zu „Vergewaltige mich“ wird, gesungen von allen vier Darsteller*innen. Die fromme, fast sakrale Interpretation lässt mir die Haare zu Berge stehen und ich merke, dass man Nirvana halt mal wieder so richtig zuhören muss, um zu verstehen, was die Band ausmachte.

Ivanas Kritik – Besuchte Premiere: 24. Oktober 2019

Ein neuer Abend in den Kammerspielen in einer neuen Spielzeit. Ich bin sehr gespannt, wie dieses letzte Jahr unter Lilienthal aussehen mag. Auf der Pressekonferenz zur jetzigen Spielzeit haben sich die Projekte sehr originell und interessant angehört; nach einigem, was es so noch nicht gibt. Nach Experiment.

Ein Abend zu Nirvana und ich frage mich, wie eine Band wohl in einer Theaterinszenierung umgesetzt wird. Noch besser: Es geht nicht nur um die Band, es geht konkret um ihr letztes Konzert, das passender Weise vor 25 Jahren damals in München stattgefunden hat. Wird es eine Wiedergabe des Konzerts? Oder wird eine Geschichte über die Band an diesem Abend erzählt? Wie wird das alles im Zusammenhang zu München stehen? Ich muss gestehen, die Umsetzung überrascht mich aber überzeugt mich leider weniger.

Zu Beginn kommt Regisseur und Schauspieler Damian Rebgetz allein auf die Bühne. Er möchte zunächst ein bayerisches Märchen erzählen, dass laut dem darauffolgenden Satz aber gar Keines ist. Er liest aus einem großen Märchenbuch die Geschichte der Band Nirvana vor; wie diese von unbekannten, eigensinnigen Punkern zum bekanntesten Mainstream ihrer Zeit wurde. Die Erzählung ist hier aber bereits für meinen Geschmack zu banal und zu sehr ins Lächerliche gezogen, um Lacher zu kassieren. Zudem wurde unter anderem vorweggenommen, dass hier nicht Nirvana zu sehen sein wird, sondern Schauspieler des Ensembles und ähnliche solcher Informationen, die den Anfangspart für mich viel zu sehr in die Länge gezogen haben und die ich vor einer solchen Inszenierung nicht brauche.

Dann geht’s endlich los. Vier Schauspieler singen in vier aufeinander folgenden Solo-Performances die übersetzten Texte. Das immer direkt zum Publikum und tragen dazu Tracht, weite rote Ballkleider oder ein punkiges Outfit. In diesem Hauptteil vermisse ich neben den Zusammenhängen insbesondere die Tiefe zu den Themen. Ich finde schlecht übersetzte Texte aus der Mainstream-Branche vom Englischen ins Deutsche schon auch lustig, aber nicht 90 Minuten lang. Die zweite Seite des Abends soll eine Kritik an der bayerischen Lebensweise bzw. Mentalität oder Ähnlichem sein, so wird es zumindest im Prolog angekündigt. Bei mir kommt diese nicht an, weil hier wieder nicht tiefer und weiter darauf eingegangen wird. Im Prinzip passiert der Abend, neben ein paar traditionell bayerischen Elementen im Bühnenbild, bei zwei von vier Schauspielern einfach nur in Tracht, was einen lustigen Kontrast zu Nirvana herstellt und that‘s it. Im Hintergrund läuft auf einer Leinwand eine Videoinstallation, mal mit einem Wald oder den Bergen, mal werden Textstellen angeschrieben. Diese wirken für mich recht wahllos, aber sind von der Machart doch beeindruckend und gut gemacht.

Kurz vor dem Ende kommen einige Musiker auf die Bühne und setzen sich mit den Schauspielern zusammen, um eine vorletzte gemeinsame Performance darzulegen. Diese Szene finde ich sehr interessant und schön anzuhören, zieht sich allerdings, was ich mit dem erneut fehlenden roten Faden begründen würde. Hier entsteht aber eine Intimität zum und mit dem Publikum, die ich zeitweilen sehr genieße. Zuletzt kommen die Vier in sehr seltsamen Anzügen auf die Bühne (hier suche ich erneut vergeblich nach einem Zusammenhang), singen ein letztes Mal und legen Blumen auf die Bühne. Vielleicht die Metapher für das Ende der Band, das auf eine Art ja unwissend in München stattfand, aber final dann durch eine Beerdigung.

Mir persönlich fehlt an diesem Abend einiges, ich nehme wirklich wenig mit. Natürlich kann eine Inszenierung auch nur unterhalten und muss nicht sonderlich in die Tiefe gehen. Aber wenn es im Prolog angekündigt wird, einige Themen auch angeschnitten werden und dann aber viel zu oberflächlich bleiben, reicht mir das nicht. Zudem fehlt vermutlich ein direkterer Bezug, der in einer anderer Generation vorhanden ist und den ein oder anderen Punkt so noch etwas verständlicher macht. Nirvana war eben vor unserer Zeit. Mir war letzten Endes zu viel zu banal ins Lächerliche gezogen und so sind auch wirklich wichtige Themen vollkommen untergegangen.

Zur Inszenierung

Nirvanas Last // Münchner Kammerspiele // Premiere/UA: 24. Oktober 2019 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden (keine Pause)

Regie: Damian Rebgetz Bühne: Janina Sieber Licht: Max Kraußmüller Video: Amon Ritz Dramaturgie: Martin Valdés-Stauber Übersetzte Songtexte: Ann Cotten Kostüme: Veronika Utta Schneider Arrangements und musikalische Leitung: Paul Hankinson

mit

Zeynep Bozbay Christian Löber Benjamin Radjaipour Damian Rebgetz

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