Kritik: Drei Schwestern @Residenztheater

Foto: Sandra Then

Theresas Kritik – Besuchte Vorstellung: 30. Oktober 2019

Wer Die Drei Schwestern oder ein anderes Drama von Tschechow einmal gelesen oder gesehen hat, wird wissen, was man an ihm schätzt oder was schiefgehen kann bei einer Inszenierung seiner Werke. Tschechow kann Seiten lang Dialoge über die banalsten Dinge schreiben. Das kann in der Umsetzung unausstehlich oder aber auch angenehm und langsam werden.

Simon Stone, der eigentlich ein Stück zur Spielzeiteröffnung inszenieren sollte, nimmt genau diese Atmosphäre und übersetzt sie in das 21. Jahrhundert. Damit entfernt er sich ein ganzes Stück von dem Klassiker, doch die Dynamik der Figurenkonstellationen und die dem Stück zugrunde liegende Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben der Figuren bleibt dieselbe. Ein Stück der Sehnsucht geht verloren, die meines Empfindens nach in Tschechows Drama dominiert. Sie wird umgewandelt in das zeitgemäße Gefühl des Eingesperrt-Seins.

Die Inszenierung lässt sich betrachten, wie ein Film. Auf einer Drehbühne steht ein kleines Haus mit vielen Glasfenstern. Der Blick in jedes Zimmer steht den Zuschauer*innen frei. Die Handlungen – oder vor allem die Gespräche – finden ständig, teils parallel, in anderen Räumen statt. Nur der Fokus wird verlegt. Mittels der präzisen Soundarbeit wird der Blick der Zuschauer*innen auf die in diesem Moment relevanten Situationen gelenkt. Nebenbei entwickeln sich die Konflikte anderer Figuren in den Nebenräumen weiter.

Das Häuschen ist liebevoll eingerichtet – auch hier erinnert es an ein Filmset. Von einem ausgestatteten Bücherregal, über Lichterketten bis hin zur Küchenrolle ist jedes Detail vorhanden und wird von den Schauspieler*innen genutzt.

Der Text wirkt auf mich wie die deutsche Übersetzung eines amerikanischen Kinofilms. Dies hat sicherlich seinen Ursprung in Stones Herkunft und seiner Arbeit im Film. Doch der entscheidende Unterschied in diesem Punkt sind die Schauspieler*innen. Ihr Spiel und ihre Stimmen sind um Welten besser, als die durchschnittliche Synchronstimme im deutschen Kinosaal. Überzeugend sind insbesondere Michael Wächter und Liliane Amuat.

Das Thema Film spielt, wie bereits erwähnt, in allen Bereichen der Inszenierung eine Rolle. Dennoch wirkt es nicht, als hätte man die Filmästhetik dem Theater übergestülpt. Vielmehr wurde die Ästhetik in die Sprache des Theaters übersetzt und mit mehr oder minder klassischen Methoden des Theaters, wie der Drehbühne und dem gezielten Einsatz von Mikrofonen, umgesetzt.

Es ist ein Tschechow, wie er wahrscheinlich gewollt war. Zeitgenössisch und realistisch. Übersetzt und bearbeitet, damit es passt im hier und jetzt oder zumindest im Jahr 2016, als das Stück Premiere feierte. Schon allein diese drei Jahre, die die Inszenierung aufzuholen hat sind, wenn auch minimal, zu spüren. Wie kann man dann überhaupt noch „Drei Schwestern“ im Jahre 1901 spielen lassen?

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 30. Oktober 2019

Durch diesen Abend wurde ich wieder ein bisschen zum Fangirl. Fangirl vom Ensemble des Residenztheaters, Fangirl von Simon Stone und natürlich von Anton Tschechow.

Die Drei Schwestern ist – wie auch die Möwe und wie eigentlich alle Tschechows – ein Ensemblestück. Man sagt manchmal, dass ein gutes Ensemble für jede Rolle eines Tschechows die passende Besetzung haben müsse – das hat das Team von Andreas Beck allemal. Alle elf Charaktere spielen die Entwicklung ihrer Rollen sehr präzise. Dabei sind es wirklich anspruchsvolle Wandlungen der einzelnen Rollen, die jede*r für sich durchmacht. Ich entwickle über die zweieinhalb Stunden eine sehr intensive Beziehungen zu den drei Schwestern Olga, Mascha und Irina, zu ihren Lebensabschnittspartner*innen und zu ihren Lebens- und Leidensgenoss*innen, die im Laufe des Stücks als Familie und Freunde immer wieder auf die Probe gestellt werden und sich mal ganz nah und dann doch wieder sehr fern sind.

Durch filmisch angehauchte Mittel, wie einem detailliert und authentisch gestalteten Bühnenraum mit einer Vielzahl an Requisiten, gelingt es Simon Stone, eine enorme Authentizität zu erreichen. (Für Theaterwissenschaftler*innen: nicht im Sinne von Erika Fischer-Lichte!) Die Szenen spielen auf einer sich langsam drehenden Bühne, in dessen Mitte sich das gläserne Sommerhaus der Familie befindet. Die Intimität wird besonders durch die Sprache und den Text konstruiert, denn die Stimmen der Schauspieler*innen werden durch Mikrophone verstärkt. Der Effekt dieser medialen Übertragung ist, dass ich die Personen zum Beispiel auch flüstern höre, ohne dass es gezwungenermaßen dann doch geschrien werden muss. Ich habe also das Gefühl, wie eine stille Beobachterin am Geschehen teilzuhaben.

Zwar wird die Stone Variante von den Drei Schwestern nicht in der „Original“ Sprache aus dem Russland des frühen 20. Jahrhunderts gespielt, aber trotzdem schwebt der Geist von Tschechow ganz spürbar über dem Abend. Seine stilistischen Merkmale sind in die heutige Mundart übersetzt worden und glücklicherweise ist dabei nichts an der Genialität verloren gegangen. Voller Witz und Emotionalität kreieren die Schauspieler*innen einen Abend, der bei mir noch lange nachwirkt – ohne, dass übertrieben auf die Tränendrüse gedrückt wurde.

Zur Inszenierung

Drei Schwestern // Übernahme aus Basel // Residenztheater // Münchner Premiere: 30. Oktober 2019 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden 35 min (eine Pause)

Inszenierung: Simon Stone
Bühne: Lizzie Clachan
Kostüme: Mel Page
Musik: Stefan Gregory
Licht: Cornelius Hunziker, Gerrit Jurda
Dramaturgie: Constanze Kargl

mit

Olga: Barbara Horvath
Mascha: Franziska Hackl
Irina: Liliane Amuat
Andrej: Nicola Mastroberardino
Natascha: Cathrin Störme
Theodor: Michael Wächter
Alexander: Elias Eilinghoff
Viktor: Simon Zagermann
Nikolai: Max Rothbart
Roman: Roland Koch
Herbert: Florian von Manteuffel

­­­

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: