Kritik: Der Reisende @Landestheater Schwaben

Paulinas Kritik – Besuchte Vorstellung: 09. November 2019

Wer vorgestern einen Blick in die Medien geworfen hat, der wird mitbekommen haben, dass es kein Tag war wie jeder andere: Die Wiedervereinigung wurde zum dreißigsten Mal mit vielen glücklichen Bilder aus dem Jahr 1989 gefeiert und die Gemeinschaft der ehemaligen „Wessis“ und „Ossis“ beschworen. Gleichzeitig werden die meisten bei dem Datum „09. November“ auch unweigerlich an ein anderes Ereignis denken, das gegensätzlicher nicht sein könnte. Anlässlich der Reichspogromnacht im Jahr 1938 und den erstarkenden antisemitischen Angriffen 2019, wurde in vielen Orten den Verbrechen dieser Nacht gedacht. Zahlreiche Theater setzten sich deshalb verstärkt mit diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte auseinander und lenkten den Blick ihrer Zuschauer*innen gezielt auf dieses Thema.

So hat auch das Landsberger Stadttheater das Ensemble aus Memmingen (Landestheater Schwaben) eingeladen, um ihr Stück „Der Reisende“ aufzuführen. Den Abend leiten acht Jugendliche aus der ansässigen Bürgervereinigung ein und erzählen dem Publikum von Ereignissen, die sie auf ihrer Reise nach Israel erlebt haben. Teilweise sehr spannende und bewegende Impulse der Jugendliche, die sich für den interkulturellen Austausch und eine offene Gesellschaft engagieren. Auch der Protagonist in dem nachfolgenden Stück von Alexander Boschwitz begibt sich auf eine Reise, doch gestaltet sich diese anders als die der jugendlichen Landsberger*innen.

Otto Silbermann, gespielt von Klaus Philipp, ist erfolgreicher und leidenschaftlicher jüdischer Kaufmann aus dem Jahre 1933. Er lebt glücklich zusammen mit seiner Frau (Franziska Roth) und ist der Inbegriff eines wohlhabenden, etwas spießigen „Bourgiose“, wie er später von einem Nazi beschimpft wird. Als im Rahmen der Novemberpogrome, unerwartet sein Haus gestürmt wird, macht er sich auf die Flucht und „reist“ ab. Von Aachen nach Berlin, nach Hamburg, nach Belgien, nach Berlin. Sein Sohn in Paris, seine Frau bei ihrer nicht jüdischen Familie untergetaucht, ist er allein auf dem Weg, aber kommt nicht an und lebt mit seiner Aktentasche im Zug. Otto zweifelt, verzweifelt, schöpft Kraft und verliert sie wieder. Klaus Philipp zeichnet einen etwas naiven, über weite Strecken sehr optimistischen Mann, der auf einmal „Abenteurer“ sein muss und der unter ständiger Beobachtung immer mehr zum isolierten Einzelgänger wird.

Viele Ort- und Zeitsprünge, Personen- und Charakterwechsel gelingen dem Ensemble des Landestheater spielend. Alle sechs Darsteller*innen tragen blonde, etwas verfremdete Perücken und braune Anzüge und „Kostümchen“, die ästhetisch dem Schick der 1930er entsprechen. Zwar ist der schauspielerische Touch an einigen Stellen recht plakativ und ausgestellt, sodass es mir schwerfällt eine emotionale Beziehung zum Hauptdarsteller aufzubauen, doch punktet die Inszenierung durch ihren gekonnten Umgang mit Brüchen. An vielen Stellen kommt es überraschend zu Stimmungswechseln und neuen Szenenausrichtungen, was selbstverständlich auch dazu beiträgt, dass die emotionale Identifikation etwas gehemmt wird, aber ich liebe es, wenn der Umgang mit Stimmungen spontan und unvorhersehbar ist.

Das Bühnenbild von Mareike Delaquis-Porschka passt sich dabei perfekt an den dramaturgischen Bogen der Inszenierung an. Was zuerst wie eine Hüpfburg vor dem aufpusten aussieht, entwickelt sich nach und nach zu einem riesigen Monstrum eines Hundes. Es bringt wahnsinnig viel Spaß den Schauspieler*innen dabei zuzugucken, wie sie mit dieser Herausforderung umgehen und diese Entwicklung in ihr Spiel integrieren. An einigen Stellen hätte ich mir aber gewünscht, dass sich das Getier etwas schneller aufgerichtet hätte und einige Stationen der Reise etwas abgekürzt worden wären, die zwei Stunden zogen sich dann doch etwas.

Es hat sich für mich echt mal gelohnt aus München heraus zu fahren und zu schauen, was abseits vom Stil der Münchner Bühnen so inszeniert wird. Zudem war die Rahmung ein guter Anlass, an einem Tag wie dem 09. November noch einmal daran erinnert zu werden, was in der Vergangenheit geschehen ist und was hoffentlich niemals wieder Zukunft wird.

Zur Inszenierung

Der Reisende // nach dem Roman von Ulrich Alexander Boschwitz // Landestheater Schwaben// Deutsche Erstaufführung: 01. November 2019//

Vorstellungsdauer: ca. 2 Stunden (keine Pause)

Inszenierung: Kathrin Mädler
Bühne & Kostüme: Mareike Delaquis-Porschka
Musik: Cico Beck
Dramaturgie: Anne Verena Freybott

mit

Agnes Decker
David Lau
Tobias Loth
Klaus Philipp
Franziska Roth
André Stuchlik

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