Kritik: Der Riss durch die Welt @Cuvilliéstheater

Foto: Sandra Then

Ivanas Kritik – Besuchte Premiere: 08. November 2019

Der Riss durch die Welt. Ein poetischer Titel, der metaphorisch für viel stehen kann, in diesem Fall ein biblisches Auseinandersetzen mit der heutigen Zeit. Der Riss durch die Welt soll, laut Programmheft, Ängste, Unsicherheit, Überforderung, Ungeduld, Arroganz und Wut offenbaren. In vielen Fragmenten und Wiederholungen wird eine Auseinandersetzung erzählt; eine Konversation zwischen vier Personen, vor dem Hintergrund der 10 Plagen und der biblischen Geschichte, dem „Urstoff“, wie es im Heft heißt.

Die recht simple Basis der Geschichte, die an diesem Abend erzählt wird, ist die der Künstlerin Sophia, die mit ihrem „Freund“ Jared zum Anwesen des reichen Unternehmers Tom und dessen Frau Sue eingeladen wird. Das Geschehen erzählt die Konfrontation, die alle vier miteinander in dieser Zeit erleben; das aber nicht chronologisch, sondern in ungeordneter und sich teilweise wiederholender Art und Weise, die mich am Ende etwas zu verwirrt zurücklässt. Die „170 Fragmente einer gescheiterten Unterhaltung“, die den Untertitel des Texts geben, sind für meine Auffassung zu viele und zu wirr, um am Ende ein funktionierendes Gesamtbild zu ergeben. Die Haushälterin Maria zieht zwischen den Szenen immer wieder einmal Bilanz und bringt das Geschehen ein wenig in Ordnung, oder versucht dies zumindest. Alle fünf sprechen häufig direkt zum Publikum und wenig miteinander, was für mich die Idee des Darstellens einer Konversation zwischen diesen Personen weniger glaubwürdig macht.

Das Bühnenbild besteht aus einer Drehscheibe und darauf eine riesige rechteckigen Wand, sehr breit und recht majestätisch aber im Laufe des Abends beweglich und von den Schauspielern, zusätzlich zur Drehscheibe, nochmal drehbar, was mir gut gefällt. Trotzdem ist eine geometrische Figur auf der Bühne, der Minimalismus und die farbliche Eintönigkeit etwas, was ich momentan recht häufig im Theater sehe. Die Kostüme sind auch nicht außergewöhnlich, bleiben mir aber positiv und schlicht sehr passend zu den Figuren in Erinnerung.

Die Wand verkörpert für mich das Haus, in dem alles vonstattengeht. Die Villa, die so hoch oben und fern ab der Realität liegt, dass der Ausblick einem den Atem raubt. So hoch, dass man sich Gott näher fühlt und ihn besser verstehen kann? Oder so hoch, dass man weit genug weg ist, um sich selbst göttlich oder zumindest erhaben zu fühlen und etwas wie die 10 Plagen zu provozieren? Letztendlich bleiben diese Visionen in der Villa und reduzieren sich nach der Auseinandersetzung mit jeder einzelnen der Plagen, auf die Motive von Geld, Macht und Erfolg. Geht es heutzutage also, egal was passieren könnte, immer nur darum? Ich bekomme leider keine Antworten auf meine Fragen.

Im Heft findet man viele Zeilen zur Klimakrise. Zur akuten Handlungsnot und der Entstehung unserer Situation heute, im Hinblick darauf, dass alle Anzeichen übersehen oder gekonnt ignoriert wurden, bis es heute zu spät ist. So finde ich diese Texte unheimlich spannend zu lesen, allerdings fehlt mir, um zum Stück zurück zu kommen, mehr an diesem Abend, dass in diese oder überhaupt eine genauere Richtung geht. Nach dem Ende überlege ich lang, was mir hier gesagt werden sollte und komme zu keiner zufriedenstellenden Antwort. Ich wünsche mir ich hätte mehr und besser verstanden, aber durch die wirre Erzählstruktur und die Masse an Metaphern und unkonkreten Andeutungen, fiel und fällt mir das ausgesprochen schwer.

Paulinas Kritik – Besuchte Premiere: 08. November 2019

Hör dir hier Paulis Kritik an!

In dem Jahr, in dem ich jetzt für die Theatertanten schreibe, habe ich schon oft erwähnt, dass es mir durchaus gut gefällt im Theater zu sitzen und nicht alles verstehen zu müssen. Eine bloße ästhetische Erfahrung, ohne erkennbaren Sinnzusammenhang, kann für mich genauso gut funktionieren, wie eine stringente Geschichte mit einem klar definierten dramaturgischen Bogen.

An dem Premierenabend von „Der Riss durch die Welt“ von Tilmann Köhler wurde ich aber das Gefühl nicht los, dass es etwas „zu verstehen“ gegeben hätte, aber mir nur leider nicht der Zugang offengelegt wurde. Es war weder das eine noch das andere.

Das Licht legt zu Beginn des Abends ganz langsam den Blick auf vier Personen frei, die auf Stühlen am Rande der Bühne sitzen und schweigen. Sie beginnen miteinander zu kommunizieren, ohne sich richtig wahrzunehmen, ihre Unterhaltungen scheitern. Immer und immer wieder. Ob das Künstlerpaar Sophia und Jared oder die reichen Kunstliebhaber*innen Sue und Tom schuld an dieser Misskommunikation sind, ist unerheblich. Alle Vier sind auf ihre Art unnahbar, scheinen aneinander vorbeizureden, werfen mit Gläsern an die riesige schwarze und schallende Wand am Ende der Bühne, sind wütend und flirten doch miteinander. Die Paare treffen sich in der schönen Villa auf einem Berg, weil Sophia jemanden sucht, der ihr neues Kunstprojekt finanziert. Ein roter Fluss, ein Fluss aus Blut, der alles mit sich reißt. In düsteren Zukunftsvisionen schildert die Künstlerin immer und immer wieder Szenen, in denen sie Frösche in ihrem Mund schmeckt, die Haut mit Pusteln übersehen ist, Maden das Fleisch zerfressen und ein schlimmer Hagel sie überrascht.

Die Inspirationen für diese Horrorszenarien, fand der Schriftsteller Roland Schimmelpfennig für das Auftragswerk in einer nicht ganz unbekannten literarischen Vorlage – in der Bibel. Im 2. Buch Mose bestraft Gott das Volk Ägyptens mit 10 Plagen, da der Pharao die Israelis nicht aus ihrer Sklaverei entlässt und Mose das Volk Israels aus Ägypten führt. Der „Riss durch die Welt“, der Riss zwischen Armen und Reichen, zwischen Hungernden und Wohlstandsbäuchlein, ist auch ein Grund panisch zu werden und apokalyptische Szenarien sind gar nicht so wenig verbreitet, doch wirkt alles an diesem Abend doch so fern von der Realität, so abstrakt ist alles an dieser Inszenierung und so wenig erkennbar sind die Gründe für die Handlungen der Figuren.

Immer wieder gibt es überraschende Cuts, Änderungen im Verhalten der Personen und ihrer Haltung zu Personen. Alles hängt so in der Luft und verliert sowohl die Bezüglichkeit, als auch den Realismus, obwohl ich glaube, dass dieser Realismus in dem Stück durchaus angelegt ist. Die Konversationen wirkten zerstückelt und abgebrochen, nicht zu Ende erzählt, nur angerissen. Das liegt aber keineswegs an der Qualität der Schauspieler, die ihr Potential immer wieder unter Beweis stellen, sondern mehr in der Anlage der Rolle in der Textvorlage.

Zur Inszenierung

Der Riss durch die Welt – 170 Fragmente einer gescheiterten Unterhaltung // von Roland Schimmelpfennig // Cuvilliéstheater // Premiere: 08. November 2019

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunde 45 min (keine Pause)

Inszenierung: Tilmann Köhler
Bühne:Karoly Risz    
Licht: Georgij Belaga
Kostüme: Susanne Uhl
Dramaturgie: Laura Olivi

Musiker: Matthias Krieg, Dorothea Bender, Svenja Hartwig

mit

Oliver Stokowski
Carolin Conrad
Lisa Stiegler
Benito Bause
Cathrin Störmer

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