Kritik: Tosca @Gärtnerplatztheater

Foto: Christian POGO Zach

Paulinas Kritik – Besuchte Premiere: 14. November 2019

Der Herr Puccini muss ein wirklich leidenschaftlicher Liebhaber gewesen sein, bei so viel Dramatik, so viel Leidenschaft und so viel Power der Oper „Tosca“. Am Gärtnerplatztheater widmete sich Stefano Poda diesem Stoff und überzeugt mich durch seine – über weite Strecken – wunderbaren Sänger und vorallem seine grandiose Sängerin Oksana Sekerina in der Titelrolle.

Die Geschichte ist typisch Oper – etwas verworren, aber letztendlich doch recht simpel: Floria Tosca und Mario Cavaradossi sind ein Paar. Doch ihre Liebe wird auf die Probe gestellt, als der Maler Mario dem vom Staat gesuchten Cesar Angelotti in der Kirche Unterschlupf gewährt. Tosca merkt, dass etwas nicht stimmt und denkt, es sei eine Frau im Spiel. Mario fliegt bei seiner Rettungsaktion auf und wird vom Polizeipräsidenten Baron Vitellio Scarpia gefangen genommen und aufs Schrecklichste gefoltert. Scarpia will den Aufenthaltsort von Angelotti herausfinden, aber Mario hält stand. Tosca will ihn erlösen und verrät das Versteck Angelottis, dass sie nun auch herausgefunden hat. Damit aber noch nicht genug: Scarpia versucht Tosca zu vergewaltigen, aber sie schafft es sich aus den Fängen des Widerlings zu befreien. Die Szene wird im Programmheft sehr harmlos umschrieben mit den Worten „Scarpia verlangt (…), dass sie sich ihm hingebe.“ Für meinen Geschmack etwas seicht ausgedrückt, für die Schmerzen Toscas die Oksaka Skererina und Noel Bouley hier darstellen.

Das Libretto von Guiseppe Giacosa und Luigi Illica ist bis hier schon recht düster, aber die Inszenierung von Poda verstärkt diese Wirkung durch ein schwarzes Bühnenbild und die Kostüme der Darsteller*innen. Er lässt – bis auf Tosca und einen kleinen Hirtenjungen im 2. Akt – alle Personen in schwarzer Robe auftreten. Im ersten Akt liegt ein riesiges, etwas verfremdetes Kreuz auf der Bühne, das als Kirchenraum bespielt wird. Gigantische Bühnenelemente, wie z.B. große Flügel, kommen immer wieder zum Einsatz. Teilweise wirkt das etwas rein gebastelt und nicht so stimmig, aber einnehmend und einschüchternd ist es allemal.

Auf die teilweise heiteren und auch sorglosen Teile der Partitur wird leider nicht eingegangen. Besonders im 1. Akt wirken die Parts auf mich seltsam unstimmig. Manchmal hätte ich mir mehr Abwechslung in der körperlichen Interaktion gewünscht. Die Musik hätte durchaus auch andere und sich verändernde Elemente zugelassen, so wirkt es dann doch sehr gleichförmig.

Doch dafür entwickelt sich die Tosca umso mehr: Im Laufe des Stücks wird gezeigt, dass hinter dem eifersüchtigen „Biest“, einfach eine Zweiflerin steckt und eine liebende Frau, die für ihren Mario sogar den Polizeichef ermordet. Oksana Sekerina hat spätestens nach der Arie Vissi d‘arte das Publikum hinter sich. Mit ihrer stimmlichen Perfektion und schauspielerischen Präsenz, stellt sie alle anderen Sänger*innen in den Schatten. Zwar ist der Mario-Darsteller schauspielerisch vereinzelt sogar stärker als die Sopranistin, aber gesanglich ist er leider etwas dünn. Da kommt eher noch der Noel Bouley als Scarpia an sie heran. Seine Stimmfarbe bleibt mir neben seiner hohen Qualität im Kopf.

Das Ende ist an Power kaum zu toppen: Mario ist tot. Tosca wird verfolgt, weil sie Scarpia tötete, ein friedliches Leben ist ihr verwehrt. Acht Männer richten mit dem Rücken zum Publikum ihre Pistolen auf Tosca, nach den ersten Schüssen fällt die schwarze Bühnenrückwand nach vorne, eine weiße Wand erscheint und da steht Tosca nun im unschuldigen weiß mit wehenden Haaren. Das Orchester spielt die letzten Töne und das Publikum johlt.

Julias Kritik – Besuchte Premiere: 14. November 2019

Bei „Tosca“ am Gärtnerplatztheater kann man auf jeden Fall eines: Gut folgen. Der ganze Abend passiert in einer gefühlt sehr langsamen Geschwindigkeit, scheinbar einfache und offensichtliche Handlungsabläufe nehmen einige Minuten ein und trotzdem wird mir nicht langweilig. Die Handlung der Oper, die Pauli ja schon ausführlich beschrieben hat, ist ehrlichgesagt ziemlich simpel. Ich habe zu keinem Moment des Abends irgendwas nicht verstanden, und das, obwohl ich die Handlung tatsächlich gar nicht gut kannte und somit auf die deutsche Übersetzung der italienischen Texte in den Übertiteln angewiesen war. Dieses leichte Verständnis und den gleichzeitig stets gehaltenen Spannungsbogen, befinde ich bei einer Oper als ein Merkmal guter Qualität. Denn für die Spannung und das Ausbleiben von Langeweile muss auch das Schauspiel der Opernsänger*innen stimmen – was bei weitem nicht immer der Fall ist. Oksana Sekerina überzeugt mich fast durchgängig, und auch Noel Bouley glänzt in seiner Schurkenrolle.

Unterstrichen werden exzellenter Gesang und gutes Schauspiel von einem pompösen Bühnenbild, das in jedem Akt eine andere Szenerie zeigt. Visuell am besten gelöst ist der zweite Akt, in dem Tosca und Scarpia an einem langen Schreibtisch mit flatternden Dokumenten und Papier streiten. Dabei wird Tosca fast von Scarpia vergewaltigt und die Ebene, auf der sie stehen, hebt sich an, um zu entblößen, dass unter ihnen im „Kellergeschoss“ Mario gleichzeitig aufs Schlimmste gefoltert wird. Zwei Etagen der Gewalt und Tosca versucht, Mario und sich selbst daraus zu befreien. Und was ist ihr Ausweg? Der Mord an Scarpia. Gewalt gegen Gewalt also.

Dieser Abend ist durchgehend düster und gefährlich, weshalb das lichterstrahlte Ende (dass Pauli so ausführlich erklärt hat und dass auch immer noch krass wirkt, selbst wenn ihr es jetzt schon kennt) umso intensiver und einnehmender wirkt. Am Ende sind jedenfalls alle Hauptfiguren tot und dazu passt die Atmosphäre der Inszenierung absolut. Podas „Tosca“ ist durchdacht und genauso dunkel, wie die Handlung. I like!

Ivanas Kritik – Besuchte Premiere: 14. November 2019

Mal wieder am Gärtnerplatz. Ich gehe solchen Gelegenheiten, wie die Premiere einer Oper, immer mit weit geöffneten Armen entgegen, weil mir das eine wichtige und willkommene Abwechslung zum Rest der Szene ist und nun mal eine ganz andere Form des Theaters, was für mich eine ganz andere Form der Erfahrung bedeutet.

Drama, mehr Drama, Momente, die so episch inszeniert wurden, dass ich dauerhaft Gänsehaut bekommen habe und überzeugender, guter Gesang. Ich empfand Tosca, die 2 ½ stündige Oper unter der Regie von Stefano Poda, erstmal schlichtweg als sehr unterhaltsam. Der Anfang war für mich etwas zu lang, im Vergleich zum dritten Akt und vor allem dem Ende, das ein bisschen zu schnell und ereignisreich war, um für mich das gesamte Geschehen wahrzunehmen und aufzunehmen, was aber für diese Oper von Puccini absolut in Ordnung ist. Ich konnte eben nicht jedes Detail würdigen, während ganze Wände auf die Darstellenden niederfielen und Nebelwirbel in den Zuschauerraum wichen, was vor allem in den letzten 60 Minuten einige beeindruckende Bilder entstehen ließ. Damit wir nicht alle drei das Bühnenbild ausformulieren, sage ich dazu nur, dass es mich fasziniert und überzeugt hat und wirklich gut zum Verlauf der Oper passt. Ich war und bin immer noch begeistert.

Die Darsteller*innen haben mich mehr oder auch ein bisschen weniger überzeugt, hier bleiben mir positiv Noel Bouley als Scarpia und tatsächlich auch Artem Golubev als Mario in Erinnerung. Die Geschichte wird interessant und ausführlich erzählt, im Bezug auf die schauspielerische Leistung fehlt mir die Leidenschaft, die Passion an manchen Stellen, um es vollkommen glaubwürdig zu machen. Die Nebendarsteller*innen verwirren mich immer wieder, da sie teils etwas verloren wirken bzw. konnte ich in einigen Momenten ihren Sinn für die Handlung nicht vollkommen verstehen, da sie manchmal nur im Hintergrund umhergelaufen sind, ohne zu singen oder aktiv teilzunehmen. Die Stimmung des gesamten Abends würde ich als recht finster beschreiben, da tatsächlich übermäßig viel Dunkles und Schwarz zu sehen ist, ob im Kostüm oder vor allem im Bühnenbild und Licht. Passt ja aber auch gut zum Verlauf der Geschichte.

Die Hauptdarsteller*innen überzeugen mich, genau wie die Inszenierung. Sicherlich wird mir vor allem die Bühne in Erinnerung bleiben. Empfehlen kann ich Tosca auf alle Fälle, primär für einen unterhaltsamen und gut anschaulichen Opernabend.

Zur Inszenierung

Tosca // Gärtnerplatztheater // Premiere: 14. November 2019 //

Studierendenkarten: 8 €; Vorstellungsdauer ca. 150 min (eine Pause)

Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Regie, Bühne, Kostüme, Licht: Stefano Poda
Mitarbeit Regie: Paolo Giani Cei
Choreinstudierung: Pietro Numico
Dramaturgie: Michael Alexander Rinz

Mit

Floria Tosca: Oksana Sekerina
Mario Cavaradossi: Artem Golubev
Baron Scarpia: Noel Bouley
Cesare Angelotti: Timos Sirlantzis
Mesner: Levente Páll
Spoletta: Juan Carlos Falcón
Sciarrone: Holger Ohlmann
Gefängniswärter: Martin Hausberg
Hirtenknabe: Nestor Erofeev

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