Kritik: Ronja Räubertochter @Residenztheater

Foto: Adrienne Meister

Ivanas Kritik – Besuchte Premiere: 16. November 2019

Ich bin großer Fan von Kinder- und Jugendtheater, seit ich einige inspirierende und wirklich überzeugende Theaterbesuche in der Schauburg und im Nürnberger Theater Salz+Pfeffer hatte. Teilweise habe ich das Gefühl, dass diese Form des Theaters tiefer gehen und vielseitiger sein kann als so manches „erwachsene“ Stück. Die Texte, die Inszenierungsart und der Detailreichtum; vor allem aber mit welcher Metaphorik und Symbolik bestimmte Themen behandelt werden, um sie an Kinder heranzuführen. Das ist doch eine Welt für sich, eine Welt für die kleinsten unter uns; ich bin mit 22 Jahren aber nicht minder begeisterungsfähig dafür.

Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren, das 1981 erschien, ist für mich auch Teil meiner Kindheit, aber nicht mal ansatzweise in dem Ausmaß, indem es Pippi für mich war. Ich muss gestehen, ich habe auch den Film nie gesehen, weswegen ich vermutlich die ein oder andere Parallele nicht wahrgenommen habe, die für andere direkt präsent war. Tatsächlich hatte ich auch die Geschichte nicht vollständig im Kopf, weswegen der Nachmittag allein in diesem Punkt schön war, diese mal wieder erzählt zu bekommen.

Erneut hebe ich das Bühnenbild hervor, momentan bin ich größter Fan der Münchner Bühnen-, Szenen- und auch KostümbildnerInnen, die mich aufrichtig vom Hocker hauen. Auch hier im Resi gibt es wieder unglaublich viel zu sehen: Zu Beginn eine gelbe Mauer im Halbkreis, die sich dann dreht und eine Waldszenerie preisgibt, mit Blätterdickicht an der Decke, Felsen und Gestrüpp: Ich fühle mich tatsächlich wie im Wald. Ein Mond wird einmal heruntergefahren, auch Ronja hängt in einer Szene an Seilen von der Decke und fliegt auf einem Snowboard singend durch die Gegend. Ein schönes Bild. Rechts und Links sind zwei Burgtürme, von denen aus immer wieder kommuniziert wird, vor allem um die Rivalität zu kennzeichnen. Die Waldwesen sind ein absoluter Hingucker. Die Kostüme, originelle Puppenkleider und -gesichter oder große Steinanzüge mit Fels und Moos, absolut überzeugend.

Die SchauspielerInnen müsste man gesondert betrachten, da beim ResiFürAlle auch Laien auf der Bühne stehen, die ihren Rollen hier bei Ronja Räubertochter absolut gerecht werden. Es sticht zumindest niemand besonders heraus, weder negativ noch positiv leider. Sie alle vereint allerdings, dass sie vollkommen bei der Sache sind und das ausleben, was sie auf der Bühne tun. Die HauptdarstellerInnen sind mir tatsächlich zu aufgedreht und überdreht, als müsse man 90 Minuten künstlich von der einen Backe bis zur anderen durchgrinsen, um die Kinder im Zuschauerraum anzusprechen. Das ist mir ein bisschen zu einfach und vielleicht ein bisschen zu sehr Klischee. Auch die Motivationszeilen zum Mitmachen im Song „Ronja-ja-ja“, der mir mindestens noch 3 Stunden im Ohr bleibt, sind erfolglos und kommen beim Publikum nicht genug an, um die Hände in die Luft zu reißen und mit zu klatschen.

Einige Punkte in der Inszenierung sind für mich zu viel, um sie noch lustig zu finden und ich komme vom Lachen in ein leicht verzweifeltes „Ist das noch Ernst gemeint?“. Beispielsweise als die Borkakönigin gefühlt minutenlang mit ihrem Rapunzel-Haarzopf um sich schlägt. Einige Aspekte sind einfach einen Tick zu viel, aber hier kommt vielleicht der Punkt zur Geltung, dass es nun mal Kindertheater ist und Kinder das lustig finden und nicht nach der 18. Wiederholung hinterfragen, sondern fröhlich weiterlachen.

Zusammengefasst hat mir der Theaterbesuch gefallen. Es ist sehr viel Kreativität und Originalität auf der Bühne zu sehen und die Geschichte ist ohne Frage wunderbar. Auch als junge Erwachsene kann man sich hier wohlfühlen, auch wenn das ein oder andere Fragen in mir hervorgerufen hat, sind es doch, vor allem als/mit Kind, sich lohnende 90 Minuten.

Julias Kritik – Besuchte Premiere: 16. November 2019

„Resi für alle“ halte ich für ein richtig cooles Prinzip. Denn diese Initiative des Münchner Residenztheaters will eigentlich genau das, was wir Theatertanten uns auch wünschen: Theater zugänglicher machen. So stehen bei dem Kindertheaterstück „Ronja Räubertochter“ – das unter eben dieser Initiative läuft – neben den Ensembleschauspieler*innen auch andere Münchner Bürger*innen auf der Bühne, die mit Schauspiel nicht zwingend viel am Hut haben. Sie zeigen überzeugend eine buntgemischte, etwas stumpfe, tollpatschige und oft feuchtfröhliche Räuberbande, die eines aufjedenfall nicht ist: Beängstigend. Das ändert sich auch nicht bei ihren Hauptmännern! Vor allem Mattis, aber auch Borka, wirken eher etwas lächerlich und um Anerkennung ächzend, während die Frauen der Geschichte die wahrlich Mutigen sind. Lovis (Ronjas Mutter), gespielt von Evelyne Gugolz gefällt mir am besten. Sie wird a) den Musikstücken mit ihrer Stimme wunderbar gerecht und sendet b) genau die Art von Stärke aus, die die Anführerin eines solchen Haufens braucht. Was sich hier jetzt zwischen den Zeilen lesen ließe, ist, dass ich die übrigen Darsteller*innen (und damit meine ich die Ensembleschauspieler*innen, die das tatsächlich beruflich machen und nicht die Münchner Bürger*innen) gesanglich nicht so stark fand. Vor allem Paula Hans (Ronja) war zwar von Ausstrahlung und Energielevel her top, hat die Lieder aber leider teils unsauber performt und es dabei auch nicht recht geschafft, die Kinder (und Erwachsenen) im Publikum zum mitklatschen zu animieren. (Der sich wiederholende Ausruf „Alle mal hoch die Pfoten!“ animierte leider sehr wenige Zuschauer*innen dazu, ihre Pfoten zu heben.)

Wo die anwesenden Kinder allerdings total mitfiebern und auch mitweinen sind die gruseligen Stellen. Die Wilddruiden sind für den ein oder anderen jungen Gast doch etwas zu beängstigend, was mich selber aber wieder dran erinnert, meine Sehgewohnheit in Kinderstücken ein wenig zu hinterfragen. Ein paar Jahre zurück hätte ich sicherlich auch zu den Angsthasen gezählt. Trotzdem: Insgesamt sind lustige, ernste, traurige, liebevolle und gruselige Szenen an diesem Abend in einem wunderbaren Gleichgewicht, sodass sich niemand zu lange fürchten muss.

Besonders gut gefällt mir an der Inszenierung, dass das Bühnenbild einerseits eine so perfekte Illusion schafft (eine Burgmauer, ein aufwändig geschmückter Wald mit Felsen, Blättern und Moos) , andererseits hinter der Burgmauer durch die Bewegung der Drehbühne die Musiker sichtbar werden und die Illusion wieder gebrochen wird. Kindertheater bricht durch den partizipativen Charakter und seine Publikumsanimationen schon immer die 4. Wand, trotzdem wird und wurde in Bühne und Technik oft noch viel Wert auf das Erschaffen einer perfekten Illusion gelegt. Dass das überhaupt nicht mehr sein muss und Kindertheater nicht mehr einfach nur schön anzusehen sein muss, kommt zum Glück immer mehr durch. Super, dass auch hier die Mischung perfekt gelungen ist!

Zur Inszenierung

Ronja Räubertochter // Residenztheater // ResiFürAlle // Premiere: 16. November 2019 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 90 min (keine Pause)

Regie: Daniela Kranz
Bühne und Kostüm: Viva Schudt
Licht: Gerrit Jurda
Musik: Polly Lapkovskaja, Nicholas McCarthy
Liedtext: Federico Sanchez
Dramaturgie: Stefanie Hackl

mit

Paula Hans
Thomas Huber
Evelyne Gugolz
Niklas Mitteregger
Thomas Reisinger
Nicola Kirsch
Winfried Küppers
Deman Benifer
Philipp Künstler
Pascale Lacoste
Isabella Lappé
Tobias Lenfers
Josef Pfitzer
Susanne Popp
Christel Riedel
Hans Rittinger
Claudia Ellert
Silvia Lorenz
Nicholas McCarthy
Salewski

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