Kritik: LULU @Marstall

Paulinas Kritik – Besuchte Premiere: 22. November 2019

Bastian Kraft ist für die Münchner*innen kein Unbekannter. Seine Felix Krull Inszenierung am Volkstheater ist seit vielen Spielzeiten immer noch regelmäßig ausverkauft. Mit seiner Interpretation von „Lulu“ will er an diesen Münchner Erfolg anknüpfen und hat es – ich nehme es schonmal vorweg – hundertprozentig geschafft.

Mit Frank Wedekinds Frauenfigur aus dem Jahr 1898 zeigt Kraft, wie man Video ins Spiel integrieren kann, ohne Castorfs „Live-Kamera-Stil“ nachzuahmen – und setzt auf einen intelligenten und humorvollen Umgang mit dem Begriff des männlichen Blicks.

Seit jeher sind es eben diese männlichen Blicke, die das Bild der Frau in den Medien prägen und in sozialen Situationen über weite Strecken den Umgang miteinander bestimmen. Lulu ist der Prototyp eines Opfers dieser Blicke und der Erwartungen, die an sie als Frau gestellt werden. So beginnt der Abend im Marstall erst einmal mit einer Klarstellung:

„Ich muss Sie leider enttäuschen. Ich werde mich heute Abend nicht ausziehen. Ich weiß, das ist hart. Wo sie doch extra deswegen gekommen sind. Nicht wahr.“

So leitet die erste Lulu-Darstellerin Liliane Amuat ein und verweist kurz auf das Machtverhältnis zwischen Darsteller*innen und Zuschauer*innen. Damit fordert sie uns auf, unsere Sehgewohnheiten und Erwartungen an Schauspielerinnen zu reflektieren.

Amuat ist an dem Abend aber nicht die einzige Lulu, denn sie spielt mit Juliane Köhler und Charlotte Schwab gemeinsam die junge Frau und auch noch diejenigen, von denen Lulu so begehrt wird. Das sind – mit einer Ausnahme – Männer. Durch alle Altersschichten und sozialen Gruppen hindurch verfällt Man(n) Lulu. Dabei ist sie zwar nicht ganz unbeteiligt an den Männerphantasien, die sie auslöst und geht das Spiel mit den Männern ein, doch ist es ein Spiel mit ungleichen Waffen. Sie ist ein junges Mädchen – ihre Verehrer wolllustige Kerle. Für jeden dieser Männer ist Lulu eine andere Frau, eine Projektionsfläche ihrer Fantasien und sie verwandelt sich so lange, bis sie irgendwann an dieser Objektisierung zugrunde geht. Die einzige Chance, sich aus dieser Unmündigkeit zu befreien, erscheint ihr der Mord an ihren Liebhabern zu sein.

eDa die drei Schauspielerinnen jeweils geschätzt mindestens fünf Rollen übernehmen müssen, löst Kraft das, indem er das kleine Ensemble mit ihren eigenen teilweise vorproduzierten Schattenwürfen spielen lässt, die während der Premiere auf die Leinwand projiziert werden. Das Spiel mit dem Begriff des „Rein und Rausschlüpfens“ in eine Rolle wird bildstark vermittelt und die erzwungene Wandelbarkeit der Frau wird deutlich.

Auf der Ebene der Geschichte ein geniales Mittel, um die Rollenwechsel der Lulu zu zeigen, aber dazu auch wirklich wahnsinnig unterhaltsam. Denn nachdem im ersten Teil mit den Schattenwürfen interagiert wird, tauchen die Darstellerinnen im zweiten Teil grandios geschminkt in verschiedensten Männerrollen auf der Videoleinwand auf und stellen ihr schauspielerisches Talent und definitiv auch ihr Talent für Komik unter Beweis. Teilweise hätte ich mir allerdings ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit der Männerfiguren gewünscht, denn die wirken manchmal eher wie dümmliche Trottel als wie gefährliche Liebhaber.

Trotzdem stellt das Regieteam unmissverständlich unter Beweis, welchen Zugang das Thema Feminismus braucht: Denn ich denke, dass man(n) schon durch eine Bewusstwerdung der eigenen Blicke und Erwartungen an das andere Geschlecht einen Schlüssel finden kann, um große Probleme lösen zu können. Ich bin sehr inspiriert aus dem Marstall gekommen – voller Respekt vor den drei Schauspielerinnen.

Zur Inszenierung

LULU // nach Frank Wedekind in der Bearbeitung von Bastian Kraft // Marstall/ Residenztheater// Premiere: 22. November 2019 //

Vorstellungsdauer: ca. 1 Stunde und 45 Minuten (keine Pause)

Inszenierung: Bastian Kraft
Bühne: Peter Baur
Kostüme: Dagmar Bald
Musik: Arthur Fussy
Licht: Monika Pangerl
Video: Kevin Graber
Dramaturgie: Bendix Fesefeldt


mit

Liliane Amuat
Juliane Köhler
Charlotte Schwab


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