Kritik: Vor Sonnenaufgang @Residenztheater

Foto: Sandra Then

Gastbeitrag: Dunjas Kritik – Besuchte Premiere: 29. November 2019

„Er gibt das Leben, wie es ist, in seinem vollen Graus; er tut nichts zu, aber zieht auch nichts ab.“ Diese Zeilen schrieb Theodor Fontane über Vor Sonnenaufgang an seine Tochter. Im Programmheft zu Nora Schlockers Inszenierung von Vor Sonnenaufgang und dem Text von Ewald Palmetshofer nach Gerhard Hauptmann gelesen, trifft Fontante mit seiner Aussage genau auf den Punkt.

Hauptmanns Realismus kennt keine Gnade, genauso wenig die Inszenierung von Schlocker. Auf die Spitze getriebene Streitereien und Späße zwischen den Schwestern Helene und Martha sowie die tragischsten und traurigsten Momente einer ganzen Familie werden unterhaltsam und lehrend und vor allem realistisch dargestellt, sodass einigen Zuschauern der ein oder andere Dialog bekannt vorkommen sollte. Genau deswegen waren vielleicht einige Streitdialoge im ersten Teil vor der Pause etwas zu lang und die Handlung ist etwas auf der Stelle getreten, wobei nach der Pause das Tempo wieder Fahrt aufgenommen hat.

Einen guten Zugang zu Hauptmanns Text bekommt man über die Bearbeitung von Ewald Palmetshofer und Übertragung der Handlung in die frühen 2000er. Die Figuren werfen einerseits mit aktuellen Ausdrücken um sich, anderseits benutzen sie eine nahezu elegante Satzstellung, die die Sprache Hauptmanns melodisch aufklingen lässt. Die sprachliche Arbeit aller Schauspieler wirkte hier besonders beeindruckend auf mich.

Das minimalistische Bühnenbild sowie die Kostüme von Marie Roth, lenken dabei nicht von der Sprache ab, sondern lassen der Handlung einen großen Freiraum, der komplett ausgenutzt wird. Auf der Bühne befindet sich ein kastenförmiges Haus, bei dem die voreinander liegenden Wände nach oben gezogen werden, um das dahinter liegende Zimmer sehen zu können. Die vorderste dieser Wände stellt die Außenwand des Hauses dar und wirkt besonders realistisch durch einen großen Eingang (vielleicht zur Terrasse) mit transparenten und dunklen, schweren Vorhängen. Oberhalb rechts und links dieses Eingangs befinden sich zwei Lampen, die durch einen ebenfalls sichtbaren Bewegungsmelder aktiviert werden und regelmäßig ein Familienmitglied dem anderen offenbaren, die vor dem Haus jeweils einen Ort suchen, an dem sie nachts Ruhe vor den anderen haben, wenn es tagsüber mal wieder hoch her ging.

Alles in allem war es ein gelungener Abend, den ich jedem empfehlen würde, dem der sprachliche Aspekt des Theaters am Herzen liegt.

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Hallo, ich bin die Dunja. Ich studiere Theaterwissenschaft im dritten Semester in München. Ich liebe es ins Theater zu gehen und mich danach mit anderen über das Gesehene auszutauschen. Deswegen freue ich mich, dass ich bei den Theatertanten eine Kritik als Gastautorin verfassen durfte. Was meine Meinung zu Nora Schlockers Vor Sonnenaufgang im Residenztheater ist, könnt ihr oben lesen. 🙂

Julias Kritik – Besuchte Premiere: 29. November 2019

Deine Texte, Ewald, mag ich sehr! Ach Leute, die Satzstellungen in Ewald Palmetshofers Texten und die Rhythmik seiner Sprache sind einfach unvergleichlich gut. So gut, dass ich selber dazu neige, mir Sätze in meinem Kopf auf Palmetshofer’sche Weise zusammenzufügen, immer mit dem Namen meines Gegenübers als Einschub in der Mitte.

Was mich beim Spielzeiteröffnungsstück „Die Verlorenen“ schon nachhaltig begeistert hat, wird in „Vor Sonnenaufgang“ sogar nochmal besser. Trotz typischer Palmetshofer-Rhythmik, scheinen die Figuren hier mehr Freiheiten zu haben. Die Schauspieler*innen geben den Figuren Nuancen und feine sprachliche Besonderheiten, mitbegründet durch höhere und aktuellere Umgangssprachlichkeit der Texte. Die Dialoge sind witzig, aktuell und greifen in fast jedem Satz sozial- und gesellschaftspolitische Diskurse auf, verwurschtelt in Thematiken, die schon absurd alltäglich scheinen: „Die Avocado ist schon braun am Rand – ja so lang wart ich schon auf euch.“

Und auch wenn der Text allein schon fast alles kann, fängt zusätzlich die Inszenierung noch weitere Kritikpunkte auf und stellt sie dar. So zielt Schlocker beispielsweise auf die niedrige Hemmschwelle, die Menschen Schwangeren gegenüber haben. Als dürfe jeder einfach drauf los tätscheln und den Bauch einer Frau streicheln – ungeachtet aller Abstandsnormen – nur weil sich ein Baby darin befinde. Überspitzt wird vor allem die Kritik am Patriarchat in der Darstellung und Inszenierung der Figur Egon Krauses. Steffen Höld zeichnet einen tollpatschigen, unangenehmen Alkoholiker, der seiner Tochter aus erster Ehe ein paar Zentimeter zu nahe kommt und der laut eigener Aussage auf den Tag warte,  an dem er in der Bank für die Abwicklung von Geschäften erst mal die Unterschrift von Frau und Töchtern brauche. Ein paar Minuten später springen seine Gedanken schon zum nächsten Geschäft, und zwar dem früh morgens auf der Toilette.

Besonders sympathisch sind die Momente, in denen Palmetshofers Text seine Poesie und Wortwitze selbst auf die Schippe nimmt. Alfred Loth lotet die Situation aus- meeensch. Diese Portion Humor gibt der Gesellschaftskritik den richtigen Grad an Nahbarkeit.

Die dargestellte Familie, die in Figurenkonstellation auf Hauptmanns Werk beruht, aber in ein moderneres Setting verlegt wurde, ist chaotisch und wahrscheinlich. Die Familienmitglieder belauschen sich gegenseitig, niemand erzählt allen die ganze Wahrheit. Verschiedene Szenen aus dem Zusammenleben, getrennte durch schnelle und langsame Blacks, die mit Musik untermalt Szenenwechsel andeuten. So wie der Bewegungsmelder an der Außenfassade des Wohnhauses immer wieder die nachtschwärmenden Töchter, Schwiegersöhne und Unifreunde ins Licht rückt, so werden auch andere Geheimnisse im Laufe des Abends aufgedeckt, die eigentlich im Dunkeln bleiben sollten.

Am Ende des Stücks geht die Sonne auf; das Esszimmer, auf das wir Zuschauer*innen die ganze Zeit von außen geschaut haben, ist nun Ausgangspunkt und wir schauen von dort aus raus in den Garten und den Rest der Welt. Die Zeit „Vor Sonnenaufgang“ ist vorbei, die Helligkeit ist da, einige versteckte Wahrheiten sind ans Licht gekommen. Ein riesiger Schweinwerfer strahlt in Richtung Publikum und auch wir werden geblendet und beim Zuschauen und Mithören ertappt.  

Zur Inszenierung

Vor Sonnenaufgang // von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann // Residenztheater // Münchner Premiere: 29. November 2019 (Übernahme aus Basel) //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 2 Stunden 45 min (eine Pause)

Regie: Nora Schlocker
Bühne und Kostüme: Marie Roth
Musik: Marcel Blatti
Licht: Tobias Voegelin, Gerrit Jurda
Dramaturgie: Constanze Kargl

mit

Egon Krause: Steffen Höld
Annemarie Krause, Egon Krauses zweite Frau: Cathrin Störmer
Helene, jüngere Tochter aus Krauses erster Ehe: Pia Händler
Martha, ältere Tochter aus Krauses erster Ehe: Myriam Schröder
Thomas Hoffmann, Marthas Ehemann: Michael Wächter
Alfred Loth: Simon Zagermann
Dr. Peter Schimmelpfennig: Thiemo Strutzenberger

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