Kritik: Die Räuberinnen @Kammer 1

Foto: Judith Buss

Theresas Kritik – Besuchte Premiere: 23. November 2019

Die Räuberinnen – ja, nach Schiller, aber sehr heruntergebrochen und fokussiert auf wenige Aspekte. Viel bleibt da nicht mehr übrig von dem Originaltext Schillers.

Wie der Titel bzw. die Veränderung des Titels schon vermuten lässt, stehen im Zentrum des Abends Frauen. Tatsächlich ist das gesamte kreative Team, das zum Schlussapplaus auf die Bühne kommt, und damit auch alle Schauspielerinnen, weiblich.

Die Räuberinnen stehen beim Eintritt in den Saal bereits auf der Bühne und unterhalten sich. Das Bühnenbild und die Kostüme sind harmonisch abstrakt. Zentrum der Bühne ist eine riesige Wolke, die mit ihrer übertriebenen Größe die Stimmung drückt, aber auch mal als gemütliche Sitzmöglichkeit für die Schauspielerinnen dient. Die Kleidung wirkt inspiriert von zeitgenössischer Mode, die irgendwo auch eine passive Aggressivität ausdrückt, die man mit Teenagern in Verbindung bringen kann.

Es macht mir unglaublichen Spaß, Frauen so auf der Bühne zu sehen. Nicht sexualisiert in irgendeiner Weise. Auch wenn Nacktheit gerade gegen Ende der Inszenierung eine große Rolle spielt, sie ist so natürlich und humoristisch eingesetzt, wie sie sonst nur mit nackten Männeroberkörpern auftritt. Die Schauspieler*innen schlittern nackt über die nasse Bühne. Warum nackt? Na weil man so besser und weiter schlittern kann.

Untermalt ist die Inszenierung mit Musik von der Livemusikerin Friederike Ernst. Sie begleitet die Figuren mit teils dramatischer oder auch mal einfacher Musik, die den Rahmen für mal mehr oder weniger schöne und poetische Gesangseinlagen der Schauspielerinnen bietet.

Die Schauspielerinnen sind für mich das klare Highlight. Sie fühlen sich wohl auf der Bühne, wie ich es selten gesehen habe. Jede Schauspielerin bekommt ihren Moment, in dem sie das Zepter übernimmt. Nach und nach stellt sich eine Figur vor: Erst Franz Moor, dann Karl Moor und schließlich Amalia. In drei monologischen Teilen wird in das innerste der Figuren geschaut. Was liegt ihnen zugrunde? Liebe, Depressionen, Vaterkomplexe. Bei so einer Analyse der Figurenpsychologie geht dennoch nicht der Witz verloren, auch wenn er nicht immer meinen Humor trifft.

Die Inszenierung gibt einem das Gefühl, die Schauspielerinnen kennen Schiller genauso gut wie die Regisseurin. Sie waren Teil des Entstehungsprozesses und fühlen mit ihren Rollen mit. Die Monologe sind ehrlich und versuchen nichts zu beweisen. Sie sind eine unfertige Studie der Charaktere und wollen vermutlich auch nicht mehr sein.

Hin und wieder, besonders bei Nacktheit, verlassen – oh Überraschung, Zuschauer*innen Ü60 den Theatersaal. Auch wenn der Humor, der die Nacktheit begründet sicherlich nicht jeden erreicht, scheint es mir kein Grund zu sein der Theatersaal empört zu verlassen. Es sind ja doch nur Brüste, die ausnahmsweise mal nicht sexualisiert dargestellt werden. Wo ist da das Problem, frage ich mich?

Auch wenn mir ein klarerer dramaturgischer Bogen fehlt, der die einzelnen Teile verbindet und zu einer Einheit macht, gefällt mir die Herangehensweise an so einen Klassiker der Theatergeschichte und der Mut zur Fokussierung und der radikalen Strichfassung, um eine Thematik zu behandeln.

Ivanas Kritik – Besuchte Premiere: 23. November 2019

Bei den Räuberinnen in den Kammerspielen habe ich zunächst eine abgewandelte Version von Schillers Werk erwartet; damit lag ich hier aber ziemlich falsch. Was hier dargeboten wird, ist weniger eine Geschichte oder das Drama der Moor-Brüder in weiblicher Ausführung, als schlichtweg ein ausführliches feministisches Statement.

Die erste halbe Stunde ist witzig und unterhaltend. Die Schauspielerinnen stehen schon zu Beginn auf der Bühne, recht lässig und unbekümmert und um ein Keyboard versammelt. Als es los geht, löst sich eine von ihnen aus der Gruppe, um einen Witz zu erzählen. So geht es weiter und immer eine steht im Fokus und erzählt direkt dem Publikum etwas aus ihrem Leben oder sie singen gemeinsam Songs, begleitet von Friederike Ernst am Keyboard. Nach einiger Zeit wird auch die Zuordnung der Rollen von Franz, Karl, Amalia und Spiegelberg auf die Schauspielerinnen ersichtlich. Im Grunde ist das aber vollkommen unerheblich. Schillers Räuber ist für mich hier ein reines Mittel zum Zweck und hat sich durch die, wie so oft in Theater-Klassikern, männliche Klischee-Dominanz der Geschichte angeboten, die man hier gut umkehren und aufbrechen kann, durch das rein weibliche Ensemble und das nebenbei auch rein weibliche Team, was so alleinstehend auch schon ein wichtiger Punkt in der Theaterszene ist.

Nachdem ein Teil der sehr groben Geschichte der Räuberinnen, mit Anekdoten aus deren Alltagsleben verknüpft, dargeboten wurde, verliert sich die Aufführung im Mittelteil ein wenig. Es wirkt alles auf mich ein bisschen unkoordiniert und planlos. Essenziell ist aber die letzte halbe Stunde des Abends: Alle Schauspielerinnen lassen ihre Hüllen fallen und ziehen sich komplett aus. Was folgt ist eine Nackte-Haut-Party auf der Bühne. Die Frauen fühlen sich wohl in ihren Körpern und feiern einfach konsequent ihre Nacktheit und die Provokation. Das Bühnenbild ist eine Gewitterwolke, die von der Bühnendecke hängt, in die man sich an einigen Stellen setzen kann und die immer wieder regnet und die Bühne mit Wasser bedeckt. Die Schauspielerinnen schlittern immer wieder durch das Wasser auf die Zuschauer zu und fallen sogar teils vor die Füße der ersten Reihe.

Eine anzügliche Spannung oder was immer man erwarten würde, wenn 5 nackte Frauen vor ausverkauftem Saal ihren Körper feiern, ist nicht zu finden. Ich habe hauptsächlich das Gefühl, dass das Publikum bespaßt zuschaut und das Wohlfühlen der Schauspielerinnen auch beim Zuschauer ankommt. Hier leider natürlich immer noch mit Ausnahmen derer, die früher gegangen sind und größtenteils der älteren Generation angehörten. Ich hätte das so deutliche weibliche Statement vielleicht noch besser gefunden, wenn der Abend doch einer Struktur gefolgt wäre oder eine Geschichte, die für mich bei einem Theaterbesuch immer noch wichtig ist, in irgendeiner Form erzählt worden wäre. Aber es ist nun mal notwendig mit der flachen Hand laut möglichst auf den Tisch zu hauen, um die Strukturen anzufechten, geschweige denn zu ändern. Das ist hier schon gut gelungen und ich muss sagen, ich habe die Party absolut gefeiert.

Zur Inszenierung

Die Räuberinnen // Münchner Kammerspiele // Premiere: 28. November 2019 //

Studierendenkarten: 8€; Vorstellungsdauer ca. 1 Stunden 20 min (keine Pause)

Regie: Leonie Böhm

Live-Musik: Friederike Ernst
Mitarbeit Inszenierung: Susanne Wagner
Bühne: Zahava Rodrigo
Licht: Jürgen Tulzer
Musik: Friederike Ernst
Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff
Dramaturgie: Helena EckertRegie: Leonie Böhm

mit
Gro Swantje Kohlhof
Sophie Krauss
Eva Löbau
Julia Riedler

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